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Riesa

Ein Stück Delle verschwindet

An der Straße Am Hang ist ein Wohnblock abgerissen worden. Es wird nicht der letzte bleiben.

In der Delle war jetzt der Abrissbagger im Einsatz. Ein Wohnhaus wurde nach fast 60 Jahren abgetragen.
In der Delle war jetzt der Abrissbagger im Einsatz. Ein Wohnhaus wurde nach fast 60 Jahren abgetragen. © Eric Weser

Riesa. Es kracht, als der Spezialbagger in das Gebäude greift und Betonstücke, Holzbalken und Dachsteine metertief zu Boden fallen. Eine massive Staubwolke entsteht und zieht die Straße entlang. Zum Glück für zwei Frauen, die auf dem Gehweg stehen, weht der Wind in die andere Richtung, sodass sie beide die Szenerie weiter ungestört beobachten können. 

Was neben der Gaststätte Am Humboldtring passiert, hat in den vergangenen Tagen einige neugierige Blicke auf sich gezogen. Mit schwerem Gerät hat die Wohnungsgenossenschaft Riesa (WG) von einer Fachfirma eines der Wohnhäuser in der Pausitzer Delle abtragen lassen.

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Fast 60 Jahre hatte der längliche Bau an der Straße Am Hang (Eingänge 30 bis 34)  gestanden. "Das Gebäude wurde im Jahr 1961 als Typenbau IW 58 gebaut", so WG-Vorstandschefin Kerstin Kluge auf SZ-Anfrage. In dem vierstöckigen Gebäude habe es 36 Wohnungen gegeben, davon 30 Zweiraum- und je drei Ein- und Dreiraumwohnungen. Gesamtwohnfläche: 1.775 Quadratmeter.

Leerstand stark gestiegen

Für das Projekt hatte die WG nach eigenen Angaben voriges Jahr Fördermittel vom Freistaat bewilligt bekommen. Das Land unterstützt derlei Vorhaben über das "Landesprogramm Rückbau von Wohngebäuden" mit bis zu 100 Prozent der förderfähigen Kosten, höchstens aber 50 Euro pro Quadratmeter rückgebauter Wohnfläche. Landesseitig fließen also maximal knapp 90.000 Euro in die Maßnahme. Wie hoch die Kosten für den Abriss sind, ließ die WG offen.

Dass gerade dieses Gebäude abgerissen wird, erklärt WG-Vorstand Kerstin Kluge zum einen damit, dass es dort keine Balkone gab. Die hätten aus technischen Gründen nur mit erheblichem Aufwand angebaut werden können, was unwirtschaftlich gewesen wäre. Außerdem habe eine Rolle gespielt, dass es im Gebäude keinen Aufzug gab. "Durch die Überalterung der Menschen in Riesa stehen die Wohnungen in den oberen Etagen zunehmend leer." Allein von 2014 bis 2019 habe sich der Leerstand bei der WG in der Pausitzer Delle von 17 auf 51 Wohnungen erhöht, so Kerstin Kluge.

Die zuletzt noch im Gebäude verbliebenen Mieter hatten sich laut der Genossenschaft auf das Projekt einstellen können. Sie seien bereits zwei Jahre vor der eigentlichen Maßnahme über die Pläne informiert worden. Man habe mit allen Betroffenen das Gespräch gesucht, um sie mit neuen Wohnungen aus dem Bestand der WG zu versorgen.

Wie viele der Mieter bei der Genossenschaft geblieben sind, teilte das Unternehmen nicht mit. Wer von den Hausbewohnern der WG und auch der Delle treu bleiben wollte, dürfte das aber gekonnt haben: Nach dem Abriss hat die WG dort nach eigenen Angaben noch 19 Wohngebäude in ihrem Bestand, in denen es insgesamt 433 Wohnungen gibt.

Weitere Abrisse schon in Planung

Bei der WG stehen die nächsten Projekte bereits an. 2021 die Heinz-Steyer-Straße 1 bis 9, 2022 die Werner-Seelenbinder-Straße 2 bis 6 und 2023 den Clara-Zetkin-Ring 11 bis 13, so der Plan. Bis weitere alte Wohngebäude verschwinden, dürfte es wohl nur eine Frage der Zeit sein.

Die WG hat laut Vorstandschefin Kerstin Kluge seit 2002 knapp 1.000 Wohnungen in Riesa  rückgebaut, "das heißt rund 20 Wohngebäude beziehungsweise Hauseingänge". Aufgrund der demografischen Entwicklung der Stadt zeichne sich eine weitere Leerstandswelle ab, die zu weiteren Rückbaumaßnahmen in den nächsten Jahren führen werde, so die Vorstandschefin. Um die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens zu sichern, gebe es keine Alternative. Bei Teilrückbauten, die die WG auch schon vorgenommen hat, lägen die Kosten dreimal so hoch wie bei einem Komplettabriss. 

Am einstigen Wohnhaus Am Hang 30 bis 34 in der Delle werden sich die Abrissarbeiten laut Bauschild noch bis Mitte April hinziehen. Was danach auf der Fläche passiert? Laut WG-Vorstandschefin Kerstin Kluge dürfen dort zehn Jahre lang keine Mietwohnungen gebaut werden, eine Auflage infolge der Fördermittel. "Einfamilienhäuser, Eigentumswohnungen oder Gewerbe wären jedoch möglich." Die Wohnungsgenossenschaft sei an "Verwertung bzw. Verkauf dieser Fläche" interessiert, so Kerstin Kluge. Rund 3.600 Quadratmeter ist das Grundstück laut sächsischem Geoportal groß.