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„Ein Trainer kann nicht mit 25 Spielern gut Freund sein“

Peter Pacult erklärt, wie er mit der Trainerdiskussion bei Dynamo umgeht und was er seinen Kritikern entgegenhält.

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© Robert Michael

Peter Pacult hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. Normalerweise. Aber das, was nach der Saison bei Dynamo Dresden abgelaufen ist, war nicht normal. Der Trainer hatte mit den Schwarz-Gelben den Klassenerhalt in der 2. Fußball-Bundesliga geschafft, sich sein Vertrag damit bis 30. Juni 2014 verlängert. Trotzdem wurde der 53-jährige Wiener infrage gestellt – nicht von den Medien, sondern im Verein. Im Gespräch mit der SZ äußert er sich zu diesem Thema zwar zurückhaltend, erklärt aber, wie er mit der Kritik umgeht.

Herr Pacult, wie verbringen Sie Ihren Urlaub?

Ich bin zwar offiziell im Urlaub, aber ein Trainer kommt in der Sommerpause natürlich nicht zum Abschalten. Ständig klingelt das Telefon, Berater rufen an. Steffen Menze und ich haben schon viereckige Augen, weil wir uns viele Videos anschauen, um mögliche Neuzugänge zu bewerten. Das ist anstrengend und nervenaufreibend.

Das war die Saison auch. Wie fällt Ihr Fazit mit etwas Abstand aus?

Ich habe die Arbeit im Winter mit einem klaren Ziel begonnen: Klassenerhalt. Mir war bewusst, dass es schwierig wird. Wir hatten vier Punkte Rückstand auf Platz 15, den damals Bochum belegte, auf Aue waren es sogar sieben. Schon in den ersten Trainingseinheiten habe ich gemerkt, dass es für die Spieler eine große Umstellung wird, die einige Zeit braucht.

Welche Umstellung meinen Sie?

Die Art und Weise, wie trainiert wird. Wir hatten eine sehr intensive Vorbereitung. Aber auch das Spielsystem. Ich habe gefordert, dass sie präsenter sein müssen, nicht abwarten, was der Gegner tut, sondern selbst aktiv werden. Das erforderte von den Spielern ein komplettes Umdenken, weil sie vorher eher zurückhaltend agiert hatten. Aber die Mannschaft hat das sehr positiv aufgenommen, weil sie gemerkt hat, dass sie dadurch alle Freiheiten bekommt, Fußball zu spielen. Das war ausschlaggebend für den Klassenerhalt.

Dynamo musste in die Relegation. Warum hat es nicht direkt gereicht?

Grundsätzlich ist es egal, wie wir es geschafft haben. Es fragt doch auch keiner, wie man Meister geworden ist. Der Titel steht in der Vereinschronik. Unser Grundproblem – das hatte ich schon zu meinem Amtsantritt gesagt – lässt sich am Torverhältnis ablesen: zu wenige geschossen, zu viele kassiert. Vor allem auswärts waren wir in der Offensive nicht durchschlagskräftig genug, obwohl wir oft sogar besser gespielt haben als zu Hause. Die erste Halbzeit in Frankfurt, auch in Aalen oder Osnabrück – die Chancen waren keine Zufallsprodukte, sondern mit Kombinationsfußball und Tempo herausgespielte Aktionen. Aber vor dem Tor fehlte der Funke Kaltschnäuzigkeit.

Dynamo war die torärmste Mannschaft der zweiten Liga. Wie erklären Sie das?

Als sich Mickael Poté gegen Köln am 26. Spieltag verletzte, standen wir fast ohne Sturm da. Tobias Müller hatten wir ins kalte Wasser geworfen, Pavel Fort musste erst einmal wieder an sich glauben. Ich finde, dass wir dafür gerade in den Heimspielen eine ordentliche Torausbeute vorweisen können (16 Treffer in neun Spielen unter Pacult/d. A.). Mit Mickael hat uns aber vor allem auswärts ein Spieler gefehlt, vor dem die Gegner Respekt haben, auf den sie sich konzentrieren mussten. Da fehlte uns ein Stück Qualität.

Trotz des Klassenerhalts gab es eine Trainerdiskussion …

Dazu will ich nichts sagen. Ich kenne meine Vertragssituation.

Umso mehr dürfte Sie die Debatte überrascht haben, oder?

Ja, es war sehr komisch, diese Meldungen zu hören und zu lesen. Dazu habe ich mir meinen Teil gedacht, das werde ich aber nicht öffentlich verbreiten, sondern intern ansprechen. Wichtig ist, dass der Verein eine weitere Saison in der zweiten Liga spielen kann. Was danach gelaufen ist, war sicher nicht korrekt.

Wie sieht es mit Verstärkungen für die neue Saison aus?

Wir haben sehr viel Zeit verloren durch die Relegation und die Unruhe danach. Der Trainingsstart am 20. Juni rückt immer näher. Es sind genug Spieler auf dem Markt, und wir sind täglich an einigen Kandidaten dran, aber Qualität kostet Geld, das wir nicht gerade im Überfluss haben. Um trotzdem die Richtigen zu holen, braucht man ein glückliches Händchen.

Was Sie mit den Verpflichtungen in der Winterpause nicht hatten …

Da bin ich anderer Meinung. Die Jungs haben uns geholfen, schon weil sie den Konkurrenzkampf belebt, im Training die anderen unter Druck gesetzt haben. Denis Streker hat die meisten Spiele gemacht. Tobias Kempe fing sehr gut an, ist dann in ein kleines Loch gefallen, was für mich völlig normal ist bei einem jungen Spieler. Rechtzeitig zur Relegation war er wieder da, hat die Vorlage zum 2:0 gegen Osnabrück gegeben. Auch Dmitri Khlebosolov war kein Fehleinkauf, aber er hatte Verletzungspech. Man darf das nicht mit 2006 vergleichen, als wir mit Maik Wagefeld, Tomasz Votava, Ivo Ulich und Pavel Pergl vier gestandene Profis holen konnten, die seit Jahren auf hohem Niveau gespielt hatten. Das war ein ganz anderes Format.

Für welche Positionen muss sich Dynamo über die bekannten fünf Neuzugänge hinaus verstärken?

Im Angriff natürlich, aber auch in der Innenverteidigung. Anthony Losilla nach der Verletzung von Vujadin Savic zurückzuziehen war eine Bauchentscheidung. Er hat das hervorragend gemacht mit seiner fußballerischen Klasse, seinem guten Auge. Aber wir brauchen ihn im Mittelfeld.

Sie bevorzugen das System mit zwei Spitzen. Kommt noch ein Angreifer, vielleicht der algerische Nationalspieler Mohamed Amine Aoudia (*)?

An Spekulationen über Namen beteilige ich mich nicht, und es ist auch nicht Weihnachten, wo man sich etwas wünschen kann. Wir müssen uns an unseren finanziellen Möglichkeiten orientieren. Trotzdem brauchen wir nicht gleichwertige, sondern bessere Spieler. Und wir werden den Kader sicher nicht aufblähen.

Wie groß darf der Kader sein?

Optimal sind 20 bis 22 plus die drei Torleute: quantitativ klein, dafür qualitativ hochwertiger. Nur so ist ein hohes Niveau im Training zu erreichen. Der Fußballer braucht den Ball am Fuß. Deshalb heißt er ja so. Wenn er den drei Minuten nicht bekommt, sinken Spielfreude und Laufbereitschaft. Das ist kontraproduktiv.

Gibt es Spieler, die unter Vertrag stehen, sich aber einen neuen Verein suchen sollen?

Wenn ein Spieler mit Abwanderungsgedanken zum Verein kommt, muss man aktiv werden. Aber grundsätzlich werden Verträge eingehalten. Ich weiß jedoch, dass es so kommen kann, dass kurz vor der Saison noch jemand geht. Bei Rapid Wien ist mir das mit Stefan Maierhofer und Jimmy Hoffer passiert. Auch auf eine solche Situation muss man vorbereitet sein.

Wie läuft die Vorbereitung auf die neue Saison ab?

Wir starten am 20. Juni und bleiben bis zum Spiel gegen Ajax Amsterdam (6. Juli, 16 Uhr/d. A.) in Dresden, fahren danach ins Trainingslager. Es wird eine kurze, aber intensive Vorbereitung, in die ich auch die ersten zwei, drei Spiele einbeziehe. Wir haben durch die Relegation zehn Tage verloren, aber die Spieler brauchten diese drei Wochen Urlaub, um geistig und körperlich zu regenerieren. Sie kommen hoffentlich frisch und mit großem Elan zurück. Eines ist aber auch klar: Nach fünf, sechs Wochen Vorbereitung kann man sowieso nicht fit sein fürs ganze Jahr.

Für den guten Fitnesszustand der Mannschaft werden Sie gelobt. Dafür gibt es die Kritik, Sie würden zu wenig mit den Spielern kommunizieren. Wie stehen Sie dazu?

Es führen Tausende Wege nach Rom und Tausende zum Erfolg. Jeder Trainer hat seinen Stil, seine Methode, egal, ob Guardiola, Heynckes, Mourinho oder in der Kreisklasse. Was zählt, ist der Erfolg. Wenn der ausbleibt, ist sowieso alles schlecht.

Der Klassenerhalt, sagen Sie, sei ein Erfolg. Trotzdem steht der Vorwurf im Raum, Sie würden zu wenig reden …

Ein Trainer kann nicht mit 25 Spielern gut Freund sein. Das ist doch klar. Aber jene, die diesen Vorwurf transportieren, sollten die Frage mal anders stellen. Vielleicht ist ja gerade meine Art der Schlüssel zum Erfolg gewesen? Das lässt sich nicht beweisen, das Gegenteil aber auch nicht.

Wie reagieren Sie auf die Forderung, dass auch Sie sich ändern müssten?

Ich weiß nicht, wie die Leute das beurteilen wollen. Es ist niemand dabei, wenn ich mit den Spielern rede. Ich würde mir jedenfalls nie anmaßen, von außen zu beurteilen, was dieser oder jener Kollege falsch macht. Ich schätze Ralf Loose sehr, er hat hier eine tolle Arbeit geleistet, ist aufgestiegen, hat die Klasse im ersten Jahr souverän gehalten. Das muss man erst einmal schaffen. Aber auf einmal funktionierte es nicht mehr. Das ist ein Prozess, den du als Trainer selbst vielleicht nicht bemerkst. Wichtig ist trotzdem, dass du deine Arbeit machst, wie du es für richtig hältst.

Mit welchem Ziel geht Dynamo in die neue Saison?

Klassenerhalt! Wenn man es gerade so über die Relegation geschafft hat, sollte man sich nicht hinstellen und glauben, höhere Ziele anpeilen zu können. Die Fans sind zweifellos bundesligareif, aber Dynamo muss erst einmal den ersten Schritt machen, sich in der zweiten Liga konsolidieren und eine Basis schaffen, damit man nicht immer wieder in solche Schwierigkeiten kommt. Natürlich wollen wir eine Saison spielen, in der wir und die Fans nicht wieder bis zum Schluss zittern müssen. Ein Platz im gesicherten Mittelfeld wäre schön, aber wir müssen uns auf Abstiegskampf einstellen. Wir wollen vor allem zu Hause attraktiver spielen, die Fans begeistern, denn dafür kommen sie ins Stadion.

Das Gespräch führte Sven Geisler.

*) Wie das algerische Internet-Portal „lebuteur.com“ berichtet, soll Mohamed Amine Aoudia zu Dynamo wechseln. Der 26-jährige Stürmer habe ein Angebot seines Vereins ES Sétif abgelehnt. Der algerische Nationalspieler traf in dieser Saison in der ersten Liga seines Heimatlandes in 20 Spielen zwölfmal und bereitete acht Treffer vor.