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Ein Traum im Dreiviertel-Takt

Victoria Schönherr und Sebastian Weber haben beim Semperopernball getanzt. Das war auch eine Geduldsprobe.

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Von Romy Kühr

Ein Mädchen-Traum aus wallendem Stoff in edlem Grau und mit ganz viel Glitter hängt jetzt im Kleiderschrank von Victoria Schönherr. Am vergangenen Freitag hat sie das Kleid zum größten Kultur-Ereignis in Sachsen getragen: auf dem Dresdner Semperopernball. Gemeinsam mit ihrem Tanzpartner Sebastian Weber hat die Neugersdorferin als Debütantin mit 74 anderen jungen Paaren teilgenommen. Alle 74 Mädchen haben das gleiche Kleid getragen – eine Sonderanfertigung extra für den diesjährigen Ball. Für Victoria war der Semperopernball schon immer ein Traum. Die 26-Jährige tanzt seit vielen Jahren. Seit zehn Jahren ist sie gemeinsam mit ihrem Tanzpartner Sebastian auf dem Parkett unterwegs. „Wenn man dieses Hobby mag, ist der Semperopernball einfach ein großer Höhepunkt.“ Jetzt hat die gebürtige Neugersdorferin, die zurzeit in Bautzen lebt, sich den großen Wunsch erfüllt. Ihr acht Jahre älterer Tanzpartner machte zunächst nur ihr zuliebe mit. Jetzt, nach dem großen Ereignis, ist er allerdings fast genauso begeistert wie Victoria.

Und das, obwohl die Vorbereitungen und die Veranstaltung selbst alles andere als ein Spaziergang waren. Besonders stressig war die letzte Woche vor dem großen Ereignis. Jeden Tag nach dem Dienst reisten Victoria und ihr Tanzpartner nach Dresden, um dort mit den anderen Debütanten zu proben. Fünf bis sechs Stunden Training am Tag standen auf dem Programm, erzählt sie. Dass sie Talent haben, hatten sie und Sebastian gleich beim ersten Casting im Oktober vorigen Jahres unter Beweis gestellt. Beim Vortanzen müssen die Bewerber zeigen, was sie können. Victoria und Sebastian überzeugten gleich beim ersten Durchgang. Bei den Proben studierten sie dann in den letzten Wochen die Schritte für die Choreografie ein, die extra für den Ball kreiert wurde.

Stolz darauf ist auch Jutta Lucke, die Tanzlehrerin der beiden. Es ist das erste Paar aus ihrer Neugersdorfer Tanzschule, das am Ball teilgenommen hat. Frau Lucke konnte ihre Tanzschüler im wöchentlichen Training allerdings kaum auf den Ball vorbereiten. „Wir haben in der letzten Zeit öfter mal den Wiener Walzer getanzt“, erzählt sie. Die Choreografie für den großen Abend aber probte das Tanzpaar in Dresden unter den strengen Augen der Trainer für den Debütantenball.

Jutta Lucke selbst erlebte am Freitag den Ball als Zuschauerin. Eigentlich war die Inhaberin der Neugersdorfer Tanzschule auch schon im vorigen Jahr in Dresden dabei. Mit ihrer Schule war sie auf dem Theaterplatz vertreten, wo ein Weltrekord aufgestellt wurde: Möglichst viele Paare sollten gleichzeitig Walzer tanzen. Der Guinness-Buch-Rekord klappte. Frau Lucke hat der Abend aber auch aus einem anderen Grund Spaß gemacht. „Die Atmosphäre war toll. Auch die Leute draußen auf dem Platz wurden mit einbezogen. Die Moderatoren kamen sogar nach draußen.“ So war es auch dieses Jahr. Doch während das Publikum ein tolles Programm erlebte, bestand für die Debütanten der große Tag hauptsächlich aus Warten, erzählt Victoria Schönherr. Schon vormittags mussten alle anreisen, wurden geschminkt und frisiert. Mit der Ballfrisur konnte sie sogar ihre geringe Körpergröße von 1,59 Meter kaschieren, erzählt Victoria lachend. „Wir haben einen riesigen Haaraufbau verpasst bekommen.“ Zwischendurch gab’s noch eine Generalprobe – das erste Mal mit Kleid und Smoking. Ein Gruppenfoto wurde geschossen. Dann hieß es, warten bis zum großen Auftritt, mal in einem Zelt vor der Oper, mal im Gang im Gebäude. „Aber es hat sich gelohnt“, sagt Victoria. Sie strahlt auch noch zwei Tage nach dem Ereignis, wenn sie davon erzählt. Beim Einmarsch in den Saal konnte sie einen Blick auf die prominenten Gäste, wie Thomas Gottschalk oder Königin Silvia, erhaschen. „Es war eine unbeschreibliche Atmosphäre.“

Wer das auch erleben möchte, hat am 30. Januar 2015 die Chance dazu. Dann findet der zehnte Semperopernball statt. Für Debütanten hat Victoria Schönherr einen Tipp: „Man sollte sich während des Tanzes auf sich konzentrieren, weniger auf die anderen schauen. Auch in den anderen Reihen können mal Fehler passieren und dann kommt alles durcheinander.“ Nach gut sieben Minuten war ihr Tanz geschafft. Anschließend ging’s noch nach draußen, die Debütanten zeigten sich dem Publikum auf dem Theaterplatz. Nachts gegen drei viertel zwölf hatten Victoria, Sebastian und die anderen Paare den offiziellen Teil absolviert und konnten mitfeiern. Bis früh um vier haben sie durchgehalten. „Es war schließlich ein langer Tag“, sagt Victoria fast ein bisschen entschuldigend.

Alles in allem spricht sie von einem unvergesslichen Erlebnis. Ganz billig war der große Traum dennoch nicht: 325 Euro haben Victoria und Sebastian für den großen Auftritt als Gebühr bezahlen müssen – pro Person. Dafür wurden sie am Ballabend professionell geschminkt, frisiert und über Wochen von Profis trainiert. Hinzu kommt eine Kaution für Kleid und Smoking. 90 Euro hat Victoria noch mal für den Traum in Grau hingeblättert. Das tolle Kleid soll deshalb nicht lange im Schrank verschwinden. Das Neugersdorfer Tanzpaar will eine Walzer-Choreographie einstudieren. Die wird es zu Auftritten der Tanzschule zeigen – im Opern-Kleid.

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