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Ein ukrainischer Berlusconi?

Schokoladenkönig Petro Poroschenko will Präsident der Ukraine werden. Ob er für einen Neuanfang steht, ist umstritten.

© Reuters/K. Chernichkin

Von Nina Jeglinski, Kiew

Petro Poroschenko hat in der Ukraine viele Beinamen: Chamäleon, Wendehals oder gar politische Prostituierte, im Westen ist der 48-Jährige vor allem unter seinem Spitznamen Schokoladenkönig bekannt. Mit seinem Coup, anstatt Ex-Boxweltmeister Vitali Klitschko, nun selber für das Präsidentenamt zu kandidieren, sorgte er in seinem Heimatland nicht überall für Begeisterung. Vor allem die Maidan-Bewegung ist gespalten. Poroschenko hatte die Proteste zwar von Anfang an unterstützt, sein TV-Sender 5 Kanal berichtete zusammen mit anderen Sendern live vom Platz, aber die Protestgruppen wollten nicht, dass er sich selber als Spitzenkandidat ausruft.

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Nach Schätzungen des Forbes Magazins ist Poroschenko der fünftreichste Ukrainer mit einem Vermögen von rund zwei Milliarden US-Dollar (rund 1,45 Milliarden Euro). Der von ihm geführte Süßwarenkonzern Roshen exportiert die Hälfte seiner Produkte nach Russland. Nun will Poroschenko seine Produkte auch auf dem lukrativen EU-Markt verkaufen. Mitte der 1990er-Jahre hatte der 48-Jährige mehrere staatliche Kombinate zusammenlegen lassen, die Firma nach dem Mittelteil seines Nachnamens, Roshen getauft und das Ruder übernommen. Doch Poroschenkos Firmengruppe besteht auch aus der Fahrzeugschmiede Lutsk, wo bereits zu Sowjetzeiten Busse und Pkws vom Band liefen. Zudem gehört ihm eine weit verzweigte Mediengruppe aus TV- und Radiosendern.

Poroschenko ist ein Politikprofi, war unter dem pro-westlichen Präsidenten Viktor Juschtschenko Außenminister und Vorsitzender des Sicherheitsrates, außerdem Chef der Nationalbank, dem autoritären Präsidenten Viktor Janukowitsch diente er als Wirtschaftsminister.

Atemberaubend ist seine politische Wendigkeit: Seit 2000 hat er seine Partei Solidarität in die verschiedensten politischen Lager geführt. Vor 14 Jahren wollte Poroschenko Vorsitzender der Partei der Regionen werden, allerdings erhielt Ex-Ministerpräsident Nikolai Asarow den Vortritt. Trotz der Niederlage riss die Verbindung zu der Partei nie ab. Ein paar Jahre später schloss sich der in Odessa geborene, gelernte Diplomat Poroschenko dem als liberal geltenden Viktor Juschtschenko an, finanzierte dessen Orange Revolution von 2004 und erhielt einen Regierungsposten. Als Juschtschenkos Stern sank, wanderte Poroschenko erneut zur Partei der Regionen und wurde Wirtschaftsminister im Kabinett von Nikolai Asarow.

Ein Oligarch hilft einem anderen

Gestern wurde bekannt, dass der in Österreich verhaftete Oligarch Dmitri Firtasch die Entscheidung Klitschkos, seine Kandidatur zugunsten von Poroschenko zurückzuziehen, „abgesegnet“ haben. Dies ist ein Indiz dafür, dass einer der Haupt-Finanziers des alten Regimes wieder mit an Bord ist. In Kiew wurde das mit Kritik aufgenommen. Der TV-Journalist Vitali Portnikow schrieb in einem Kommentar: „Zwar wird Poroschenko von vielen nicht als Oligarch wahrgenommen, doch wir sollten aufmerksam verfolgen, was er tut.“ Sergej Leschtschenko, stellvertretender Chefredakteur der Ukrainska Prawda, vergleicht Poroschenko sogar mit dem früheren italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi. In seinem Blog schreibt er, auch Berlusconi habe seine Medien dazu genutzt, Wahlkämpfe und die Berichterstattung zu beeinflussen. „Poroschenko versteht nicht, dass eine Mediengruppe keine Firma wie eine Brot- oder Wurstfabrik ist, Medienunternehmer haben eine andere Verantwortung“, schreibt Leschtschenko. Der Journalist wünscht sich vom Westen mehr Distanz: Während Berlusconi als Unternehmer in der Politik in Europa immer auch kritisch begleitet wurde, werden Poroschenkos politische Absichten fast ausnahmslos mit Lob bedacht.

Am Montagabend trat Poroschenko in einer politischen Talkshow auf. Dort wurde dem Roshen-Chef von Politikwissenschaftlern vorgehalten, es gehe ihm in erster Linie um das wirtschaftliche Fortkommen seiner Firmen. Vor allem die enge Zusammenarbeit mit Firtasch lasse den Verdacht aufkommen, dass sich nach den Wahlen am 25. Mai kaum eine der von den Maidan-Demonstranten gestellten Forderungen umsetzen lassen wird. In ihren monatelangen Protesten hatten die Menschen vor allem das Ende der Korruption gefordert, der Einfluss der Oligarchen auf die Politik sollte beschränkt werden, die 100 reichsten Menschen in der Ukraine sollten keine politischen Ämter bekleiden.