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Ein Wassermann dreht auf

Wenn alle Brünnlein fließen, war Eberhard Grundmann wieder da. Gestern stellte er Wasserspiele in Freital an.

Von Jörg Stock

Bedenklich torkelt das Zwerglein. Am Wein kann das nicht liegen, denn seit letzten Herbst ist der Bursche trocken. Leer ist seine Flasche, leer sein Kelch. Vielleicht lässt ihn der Mangel so gefährlich schwanken? Doch die Rettung naht. In einem weißen Kastenwagen fährt ein kleiner Mann mit eisgrauem Vollbart vor. Es ist, wenn man so will, der Mundschenk der Zwergenparty. Sein Name: Eberhard Grundmann. Seine Passion: Springbrunnen.

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Wasserspiel von unten: Herr Grundmann inspiziert die Pumptechnik.
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Kosmetik am Zwerg: Mit dem Aufwaschschwamm wird Dreck beseitigt.
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„Na, dann will ich mir mal die Stiefelchen anziehen“, sagt Herr Grundmann und angelt im Laderaum nach den schwarzen Langschäftern aus Gummi. Sie sind unverzichtbar, wenn er im Frühling die Runde macht, um seine Lieblinge in Betrieb zu setzen. Die Ein-Mann-Firma Grundmann kümmert sich um über vierzig Springbrunnen in Dresden und Umgebung. Acht davon stehen in Freital, so auch dieser hier, der Rotkopf-Görg-Brunnen auf dem Bahnhofsvorplatz von Potschappel.

Mit langen Haken wuchtet Grundmann den schweren Deckel fort, der die Kehrseite des Wasserspiels verbirgt. Im Dämmerlicht steht auf der Schachtsohle ein großer, grüner Kunststofftrog, der Wasservorrat. Grundmann steigt hinab. „Da sind wir mal wieder“, murmelt er, zieht die Tauchpumpe aus dem Kessel und beäugt sie.

Im Springbrunnen kreiseln etwa 300 Liter Wasser. Das System ist noch gut gefüllt. Doch es wird Verluste geben, sobald es wieder in Betrieb geht. Wenn nicht der Regen für Nachschub sorgt, muss das die Wasserleitung vom Rathaus tun. Eberhard Grundmann stiefelt hinüber. Dort gibt es ein Problem. Irgendein Teil, im Herbst sicherheitshalber ausgebaut, ist weg. Grundmann muss improvisieren. Mit rustikaler Rohrzange brummt er einen dicken Stopfen in eine Öffnung hinein. Fertig! Ein Klempner muss auch ein bisschen brutal sein, sagt er.

Ingenieur für Sanitärtechnik – das ist die korrekte Berufsbezeichnung des 69-jährigen Springbrunnenfreunds. Das Element Wasser wurde ihm quasi in die Wiege gelegt. Grundmann ist im Sternzeichen des Wassermanns geboren. Als er 1945 in Dresden zur Welt kam, ausgerechnet in der Bombennacht vom 13. zum 14. Februar, geschah das im Luftschutzkeller genau neben einer Wasseruhr. Zu DDR-Zeiten arbeitete Grundmann im Büro für architekturbezogene Kunst Dresden und war dort Chef der Abteilung Kunstbrunnen. Nach der Wende machte er sich selbstständig und wurde als renommierter Experte gern mit Bau und Wartung von Wasserspielen betraut.

Amsel geht gleich baden

So, der Wasserzulauf steht. Jetzt fehlt nur noch Strom. Eberhard Grundmann stapft zum anderen Ende des Platzes und klappt einen grauen Kasten auf. Dahinter ist die Schaltuhr, die den Brunnen steuert. Einschalten: 7 Uhr. Ausschalten: 20.30 Uhr. Das ist in Ordnung. Aber die Uhr geht vor, vier Minuten. Grundmann korrigiert. Dann drückt er ein Knöpfchen, und drüben am Brunnenstein plätschert’s los. „Verdammte Technik!“, triumphiert Herr Grundmann. „Funktioniert sogar!“ Ein erhebendes Gefühl? Es ist immer wieder schön, sagt er. Aber er macht das ja nun schon viele Jahre. „Da ist das nicht mehr so spektakulär.“

Am Brunnen hocken schon die Amseln in der Wasserrinne und baden, so, als hätten sie sich den Termin lange vorgemerkt. Der wankende Zwerg hat endlich was zu trinken. Doch nein, der Strahl seiner Flasche sprüht ja am Kelch vorbei! Eberhard Grundmann hatte das am Anfang bemängelt. Doch der Brunnenschöpfer, Jochen Müller aus Quedlinburg, überzeugte ihn: Dieser kleine Kerl ist so notorisch blau, der kann das Glas gar nicht treffen.

Nun noch etwas Kosmetik. Der Zwerg, der Rotkopf Görgs Fiedlerlohn in den Hut schaufelt, und dessen Züge rein zufällig an OB Klaus Mättig erinnern, hat Schmutz im Auge. Herr Grundmann führt eine Schnell-OP mit seinem Taschenmesser durch und wäscht mit dem Topfkratzer nach. Dann besieht er sich sein Werk. „Ein fast perfekter Brunnen“, sagt er. Sein liebster Liebling in Freital aber ist der Kopfwäschebrunnen vis-à-vis vom Goldenen Löwen. Dieses kleine Glück, von einer barbusigen Frau den Kopf gekrault zu kriegen, findet er so schön, so menschlich. Und damit die Kopfwäscherin auch Wasser hat, muss er jetzt los. Ja, es gibt noch viel zu tun für Eberhard Grundmann, den Wassermann. Bis Ostern müssen alle Brünnlein fließen.