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Ein Werkzeugkasten gegen Überschwemmungen

Experten sagen, wie Oderwitz und Spitzkunnersdorf künftig besser vor Starkregen und Fluten geschützt werden sollen.

© Anja Beutler

Von Anja Beutler

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Was Schlammlawinen und Hochwasserfluten anrichten können, wissen Oderwitzer und Spitzkunnersdorfer nur zu gut. Und sie wissen auch: Schutz vor solchen spontanen Naturgewalten gibt es kaum und vorhersagbar sind sie auch nicht. Zu rasch kommt das Wasser nach einem „Starkregen“ in den Orten an. Pegelmessstellen, wie an großen Flüssen üblich, helfen nicht. Erst recht nicht, wenn das Wasser die Berghänge hinunterschießt.

Florian Kerl ist beim Landeshochwasserzentrum in Dresden beschäftigt. Der studierte Geograf ist Projektreferent bei Rainman.
Florian Kerl ist beim Landeshochwasserzentrum in Dresden beschäftigt. Der studierte Geograf ist Projektreferent bei Rainman. © Kerl
Dr. Andy Philipp ist von Haus aus Hydrologe und als Referent beim Landeshochwasserzentrum in Dresden tätig.
Dr. Andy Philipp ist von Haus aus Hydrologe und als Referent beim Landeshochwasserzentrum in Dresden tätig. © Philipp

Kann man die Lage der Anwohner also nicht verbessern? Der Freistaat versucht es derzeit auf zwei Wegen: zum einen mit einem Hochwasserfrühwarnsystem, das nach zweijähriger Testphase jetzt offiziell gestartet ist, zum anderen mit dem EU-Projekt Rainman, an dem auch Oderwitz teilnimmt. Der Hydrologe Dr. Andy Philipp und der Projektreferent von Rainman, Florian Kerl – beide am Dresdener Landeshochwasserzentrum tätig – erklären, wie es zu mehr Schutz kommen soll.

Herr Philipp, zwei Jahre ist das Hochwasserfrühwarnsystem getestet worden. Hätten Sie damit das Hochwasser vom Mai 2017 in Spitzkunnersdorf vorhersagen können?

Andy Philipp: Wir haben das Hochwasser in Spitzkunnersdorf in der Testphase in der Tat „getroffen“. Aber dazu gehört, ehrlich gesagt, auch eine Portion Glück! Denn generell gilt, je extremer solch ein Ereignis wird, desto schlechter stehen die Chancen, es vorhersagen zu können. Gerade bei sommerlichen, kleinräumigen Starkregen ist die Berechenbarkeit des Wettergeschehens eingeschränkt. Die Chance, danebenzuliegen, ist dann deutlich vorhanden, daran wird sich auch in den nächsten Jahren grundsätzlich nichts ändern.

Was kann das Frühwarnsystem besser als bisherige Hochwasserwarnungen?

Philipp: Die Hochwasserfrühwarnung ist eine Ergänzung zu Warnungen anhand von Pegelbeobachtungen sowie Warnungen der Wetterdienste. Wir fassen Informationen zum Wettergeschehen zusammen und reichern sie mit weiteren Hintergrundinformationen an. Betrachtet wird dabei der Wasserhaushalt in einem Gebiet: Hat es viel geregnet in letzter Zeit, kann der Boden Wasser aufnehmen – solche Fragen spielen eine Rolle. Aus allen vorliegenden Daten entsteht eine Experteneinschätzung der Hochwassergefährdung, speziell mit Blick auf kleine Flüsse und Bäche. Diese Einschätzung haben wir im neuen System jetzt automatisiert, sie verlässlicher und robuster gemacht. Dennoch möchte ich betonen: Ereignisse wie Spitzkunnersdorf werden wir auch in Zukunft mit dem Frühwarnsystem nicht absolut sicher vorhersagen können.

Herr Kerl, zusätzlich zu dem Frühwarnsystem gibt es das EU-Projekt Rainman – also Regenmann – an dem sich unter anderem Oderwitz als Pilotkommune beteiligt. Ist das etwas völlig Neues und kann es mehr?

Florian Kerl: Das Projekt Rainman geht viel weiter – das Frühwarnsystem ist hier nur ein kleiner Teil davon. Es geht darum, dass für solche Orte wie Oderwitz oder Spitzkunnersdorf ein Werkzeugkasten entwickelt werden soll, um Risiken zu erkennen, sie zu minimieren und damit umzugehen. Daran arbeiten wir jetzt bis Mitte 2020.

Was ist das, dieser Werkzeugkasten?

Kerl: Der Werkzeugkasten wird am Ende eine Internetseite sein. Um den Nutzen für spätere Anwender sicherzustellen, binden wir die beteiligten Kommunen bereits von Anfang an in die Entwicklung mit ein. Auf dieser Website werden sich für die Gemeinden wichtige und vor allem praktische Themen wiederfinden. Dabei geht es unter anderem um einen Katalog übertragbarer Maßnahmen, die Starkregenfolgen verringern helfen. Die erste Frage ist dabei, ob eine Gemeinde bereits ihre Risiken erfasst hat. Das ist häufig noch nicht der Fall, aber man kann das mit mehr oder weniger aufwendigen Verfahren tun. Wir werden dies zusammen mit der Gemeinde Oderwitz umsetzen. Danach geht es darum, die erfassten Risiken zu verringern. Auch hier erarbeiten wir gemeinschaftlich Vorschläge.

Da geht es dann also zum Beispiel um den Bau eines Rückhaltebeckens?

Kerl: So große Bauten haben wir gar nicht unbedingt im Blick. Meist kann man auch mit kleineren Maßnahmen einiges erreichen – in Orten wie Oderwitz zum Beispiel gemeinsam mit den Landwirten. Schon in einer Geländemulde kann man Wasser zurückhalten und das Abschwemmen von Boden verringern. Absoluten Schutz wird allerdings keine Maßnahme bieten, da Starkregen prinzipiell überall auftreten kann. Das muss den Menschen klar sein. Im Projekt Rainman geht es darum, den Kommunen Werkzeuge an die Hand zu geben, um größeren Schaden zu vermeiden. Sie selbst sollen daraus auch beim Bau- und Planungsrecht ihre Schlüsse ziehen oder vor Ort bei der Bodenbewirtschaftung Kompromisse finden. Für diese Fälle wird der Werkzeugkasten auch gute Beispiele bereithalten, welche andernorts bereits erfolgreich umgesetzt wurden.

In Oderwitz stand 2013 der Maisanbau in der Kritik – oder auch das Ziehen der Ackerfurchen längs statt quer zum Hang. Ist das noch aktuell?

Kerl: Ja, beim Austausch mit der Gemeinde Oderwitz im Januar wurde deutlich, dass es den Menschen auch bewusst ist, welche Rolle die Landnutzung spielt. Das Thema gibt es übrigens ganz genauso in unseren Partnerländern Tschechien und Österreich. Das Einhalten guter Bewirtschaftungsregeln vermindert den Abtrag von Boden und verringert zugleich die Gefährdung der Siedlungsbereiche. Die Landwirtschaft ist da ein wichtiger Partner und ist zwingend in den Dialog mit einzubeziehen.

Neue Schutzprojekte:

Das Hochwasserfrühwarnsystem ist von 2013 bis 2017 entwickelt worden und bündelt greifbare Daten, um auch für kleinere Räume mögliche Gefahren anzeigen zu können. Es ist zu finden unter: www.szlink.de/Hochwasserfruehwarnsystem

Rainman wird bis Mitte 2020 als Projekt in sechs europäischen Ländern laufen. In Sachsen sind Oderwitz, Meißen, der Regionale Planungsverband Oberes Elbtal/Osterzgebirge und die Feuerwehr Görlitz eingebunden.