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„Ein wirklich abnormer Fall“

Gerichtspsychiater Sutarski hatte schon mit vielen Straftaten zu tun. Aber selten mit so einer wie der von Reichenau.

© Robert Michael

Das Tötungsdelikt im Gimmlitztal wirft viele Fragen auf, allen voran die, wie jemand zu einer solchen Tat fähig sein kann. Wie die SZ bereits berichtete, hat am 4. November der Polizeibeamte Detlev G., Betreiber einer Ferienpension im Gimmlitztal, einen 59-Jährigen umgebracht, zerstückelt und vergraben. Es sei eine Tötung auf Verlangen gewesen. Kannibalismus oder sexuelle Motive bestreitet er. Gerichtspsychiater Dr. Stephan Sutarski vom Uniklinikum Dresden hat Hunderte Gutachten über Straftäter geschrieben. Ein Fall wie der vom Gimmlitztal ist aber ein Einzelfall.

Spezialisten der Polizei waren auch am Mittwoch auf dem Grundstück der Ferienpension im Gimmlitztal, die zum Tatort wurde, auf Spurensuche.Foto: dpa/Sebastian Kahnert
Spezialisten der Polizei waren auch am Mittwoch auf dem Grundstück der Ferienpension im Gimmlitztal, die zum Tatort wurde, auf Spurensuche.Foto: dpa/Sebastian Kahnert © dpa

Herr Sutarski, wie oder womit kann man eine solche Tat erklären?

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Das lässt sich nicht in wenigen Sätzen sagen. Man muss aber feststellen, eine solche Tat ist, wenn man die Tötungsverbrechen insgesamt betrachtet, nur eine Randerscheinung, also außergewöhnlich selten und von der Tatkonstruktion her auch ein wirklich abnormer Fall.

Wie kann es sein, dass jemand normal seinen Alltag lebt – in diesem Fall offenbar auch noch nach der Tat –, ins soziale Umfeld integriert ist und zugleich so völlig außerhalb der Norm handelt?

Es ist gar nicht so ungewöhnlich, dass Menschen, die eine so abnorme Neigung in sich tragen, das gut verpacken können und nach außen hin ein scheinbar völlig intaktes Leben führen. Darauf verwenden diese Menschen auch große Anstrengungen. Andererseits wirkt das Vorgehen in diesem speziellen Fall aus kriminalistischer Sicht schon ziemlich dilettantisch.

Wie meinen Sie das?

Der Tatverdächtige ist ja einer vom Fach. Er muss als Kriminaltechniker doch gewusst haben, dass man ihm leicht auf die Sprünge kommen kann. Möglicherweise hat es ihn einfach übermannt, weil der Triebdruck zu stark war und er dem nichts mehr entgegensetzen konnte. Er soll ja, wie den Medien zu entnehmen ist, wenige Wochen zuvor einen anderen Todeswilligen, der sich einige Tage in der Pension aufhielt, wieder losgeschickt haben.

Es steht auch noch der Vorwurf des Kannibalismus im Raum. Welche Ursachen können hinter einem derartigen Verlangen stecken?

Das ist schwer zu sagen, eben weil es so extreme Einzelfälle sind. Das kann nur von Fall zu Fall analysiert werden. Eine Tötung auf Verlangen – das allein ist schon schwer vorstellbar. Den Toten noch zu zerstückeln, kostet sicher jede Menge Überwindung. Die Gerichtsmedizin ist ja gerade dabei, die Leichenteile zusammenzusetzen.

Wo kann jemand, der so bizarre Wünsche hegt, wie das beim Gimmlitztal-Kriminalfall offenbar für Täter und Opfer gleichermaßen gilt bzw. galt, Hilfe erhalten, falls er sie will?

Das setzt voraus, dass man diesen Drang als Belastung empfindet. Es müsste also ein Leidensdruck da sein. Wem es aber um Lusterhöhung geht, der wird keinen Anlass dafür sehen, sich in eine Behandlung zu begeben. Ist der Leidensdruck aber da, kann man sich zunächst erst einmal jemandem anvertrauen, der unter Schweigepflicht steht, also einem Arzt oder Psychologen.

Halten Sie es für möglich, dass der Fall Nachahmer auf den Plan ruft?

Ganz ausschließen kann man nie, dass jetzt auch andere ihre morbiden Fantasien ausleben wollen. In diversen Internetforen wird schon bejubelt, dass nun auch ein Polizist dazugehören soll. Möglich war dieser Fall ja auch nur übers Internet.

Anders wäre der Austausch zwischen den Beteiligten nicht möglich gewesen. Aus diesen Internetforen zu schließen, dass es sich um eine Massenbewegung handelt, wäre völlig falsch. Es sind, wie gesagt, nur Einzelfälle.

Das Gespräch führte Regine Schlesinger.