merken
PLUS

Ein Wochenende genau nach Plan

Hinter der Krise in Venezuela steckt viel amerikanische Politik. Washington will den Kontinent neu ordnen.

Im Sichtschutz des venezolanischen Polizisten spiegeln sich sich die wütenden Gesichter der Opposition.
Im Sichtschutz des venezolanischen Polizisten spiegeln sich sich die wütenden Gesichter der Opposition. © dpa

Von Sandra Weiss, SZ-Korrespondentin

Nach dem gescheiterten Versuch, Hilfsgüter nach Venezuela zu bringen, sucht Oppositionsführer Juan Guaidó internationale Unterstützung. Zusammen mit US-Vizepräsident Mike Pence und den lateinamerikanischen Außenministern der sogenannten Lima-Gruppe beriet Guaidó am Montag in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá über ein härteres Vorgehen gegen Präsident Nicolás Maduro.

Anzeige
Hosting made in Germany
Hosting made in Germany

Data Center Insights – Was spricht für die Kooperation mit einem lokalen Anbieter? IT-Dienstleister Comarch aus Dresden gibt Einblicke

Die Gewalt der venezolanischen Sicherheitskräfte gegen Demonstranten, die sich am Wochenende für die Einfuhr der Hilfsgüter aus Brasilien und Kolumbien eingesetzt hatten, entsetzte weltweit: Tränengas und Gummigeschosse gegen friedliche Demonstranten - mit mindestens vier Toten und Hunderten Verletzten.

Präsident Maduro sieht indessen keine humanitäre Krise in Venezuela und warnt vor einer US-Militärintervention. Ersteres zeigt völligen Realitätsverlust, der all seinen Gegnern in die Hände spielt. Und letzteres ist eher nicht zu befürchten. Doch der Weg zur Eskalation in Venezuela wurde minutiös vorbereitet, wie die Nachrichtenagentur AP und die kolumbianische Zeitung „El Espectador“ jüngst enthüllten. Demnach reiste Oppositionsführer Juan Guaidó schon im November und Dezember undercover über die grüne Grenze ins Nachbarland Kolumbien, um dort mit brasilianischen, kolumbianischen, kanadischen und US-Diplomaten die nächsten Schritte gegen Machthaber Nicolas Maduro zu planen. Brasilien und Kolumbien haben neben ideologischer Affinität gute Gründe für einen Schulterschluss mit Trump: Beide Länder müssen den Großteil der venezolanischen Flüchtlinge abfangen, die wegen Mangelwirtschaft und Repression ihr Land verlassen. Eingeweiht wurden auch konservative und liberale Länder wie Argentinien, Chile und Peru.

Präsident Maduro schwenkt während einer Demonstration seiner Anhänger die Landesfahne.
Präsident Maduro schwenkt während einer Demonstration seiner Anhänger die Landesfahne. © dpa


Der Plan sah die Selbstausrufung Guaidós zum Gegenpräsidenten ebenso vor wie die umgehende Anerkennung durch diese Staaten, ein Amnestieversprechen für abtrünnige Militärs, Erdölsanktionen durch die USA und die Vorbereitung eines humanitären Korridors. Das Ziel: die nationale und internationale Unterstützerfront Maduros zu spalten, seine Ressourcen auszutrocknen, damit seinen Rücktritt und Neuwahlen zu erzwingen. Ein ähnliches Szenario des Regimewechsels wie in Honduras 2009 und in Haiti 2004.

Weder die Europäer noch Mexiko wussten von dem Plan und agierten zumindest anfangs entsprechend unkoordiniert. Während Europäer, Mexiko, die Karibikstaaten, Bolivien und Uruguay noch um Dialog und Verhandlungen rangen, ohne sich jedoch auf einen klaren Fahrplan einigen zu können, schaukelte sich der Konflikt in und um Venezuela immer höher. Kolumbien beklagt „terroristische Angriffe“ der Guerrilla Nationales Befreiungsheer (ELN), die mit Billigung Maduros von Venezuela aus operiere, und die US-Regierung betont, alle Optionen lägen auf dem Tisch.

Für die USA geht es nach Ansicht des Politologen Carlos Malamud vom spanischen Real Instituto Elcano dabei nicht nur um einen Regimewechsel, auch nicht vorrangig ums Erdöl – Venezuelas Produktion ist minimal im Vergleich zum Nahen Osten – , sondern um eine konservative US-freundliche Neuordnung Amerikas. Fällt Venezuela, so das Kalkül der Hardliner, darunter auch US-kubanische Kongressabgeordnete wie Senator Marco Rubio, kommt auch das mit venezolanischem Erdöl belieferte Bruderland Kuba wirtschaftlich in die Bredouille. Und ohne Verbündete dürfte sich auch Nicaraguas einst sozialistischer, inzwischen brutal-diktatorischer Herrscher Daniel Ortega nicht mehr lange halten. Es wäre das Ende der „Troika der Tyrannei“, wie Bolton die drei Länder im November in einer Rede getauft hatte.

Offiziere der Nationalgarde blockieren die Grenze zwischen Brasilien und Venezuela während der Zusammenstöße. 
Offiziere der Nationalgarde blockieren die Grenze zwischen Brasilien und Venezuela während der Zusammenstöße.  © dpa


Trump wurde von den Neokonservativen offenbar mit Blick auf innenpolitische Argumente überzeugt, so Malamud. Ein außenpolitischer Erfolg in Venezuela könnte seiner Popularität ein Jahr vor den Neuwahlen Auftrieb verschaffen. Problematisch ist der Plan der Neokonservativen dennoch, weil Russland und China große wirtschaftliche Interessen in Venezuela haben und bislang zu Maduro halten.

Laut einer Einschätzung von US-Außenminister Mike Pompeo am Wochende steht die Abdankung Maduros kurz bevor. „Ich vertraue darauf, dass das venezolanische Volk garantieren wird, dass die Tage von Maduro gezählt sind“, sagte er auf CNN.

Guaidó hält sich trotz seiner Ausreisesperre weiter in Kolumbien auf. Unklar ist, wann er nach Venezuela zurückzukehren wird. Die auf seine Bitte gelieferten Hilfsgüter stehen erst mal wieder in der Grenzstadt Cúcuta und in Brasilien. (mit epd)

Mehr zum Thema