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Ein Wohngebiet voller Geschichten

Frühere Bewohner der Friedrichstadt bleiben ihrem alten Viertel treu. Auch, wenn davon nicht mehr viel übrig ist.

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© Norbert Millauer

Von Sophie Arlet

Passanten, die sich zufällig in das verfallene Viertel rund um die Wölfnitzstraße verirren, sehen vor allem Ruinen und Brachflächen. Die Brüder Gottfried und Reinhard Boden sehen hier die Orte ihrer Kindheit. Gottfried Boden wurde 1941 in der Wölfnitzstraße 11 geboren, sein Bruder Reinhard zwei Jahre später. Seit 1891 gehört das Haus der Familie Boden, heute sind die Brüder die Besitzer. Ein Spielgefährte aus Kindertagen ist Egon Hoffmeier. Er hat bis 1971 in der Fröbelstraße gewohnt.

Die drei Senioren haben es sich jetzt zur Aufgabe gemacht, die früheren Bewohner des Karrees Fröbel-, Floßhof-, Bauhaus- und Löbtauer Straße wieder zusammenzubringen. „Allmählich spüren wir alle auf“, so Hoffmeier. Besonders bei den Frauen sei das schwierig, wenn die nach der Heirat einen anderen Namen haben.

Am Sonnabend veranstalten sie ein Treffen mit den bereits gefundenen Nachbarn. Die meisten wohnen noch in Dresden, andere reisen extra an. Das kleine Fest findet im Garten der Wölfnitzstraße 11 statt. Das Haus wird jetzt 150 Jahre alt. Entsprechend viele Geschichten können die Teilnehmer austauschen. „In dem Haus hat Lingner seine unternehmerische Tätigkeit begonnen“, erzählt Gottfried Boden. Der spätere Odol-Fabrikant hat als 27-Jähriger im Gartenhaus mit zwei Mitarbeitern Rückenkratzer hergestellt. Im Erdgeschoss des Wohnhauses befand sich sein Geschäft. Gleich daneben haben die Großeltern von Gottfried Boden gewohnt.

Für das Viertel wünschen sich die drei Männer, dass es wieder zum Leben erweckt wird. Etliche Häuser sind im Krieg zerstört worden, weitere wurden zu DDR-Zeiten abgerissen. In den vergangenen Jahren sind ein paar Wohnhäuser saniert worden und stechen nun wie Leuchttürme aus den umliegenden Brachflächen heraus. Die Wölfnitzstraße 11 ist nach 1945 notdürftig saniert worden, seit Anfang der 1990er-Jahre steht das denkmalgeschützte Haus leer. Die Bodens können sich eine Komplettsanierung nicht leisten und machen nur das Nötigste, um das Haus vor dem Verfall zu schützen. Ein überzeugendes Angebot von einem Investor haben sie für das Haus bisher nicht bekommen. „Hier steckt so viel Herzblut drin, das gibt man nicht so einfach weg“, sagt Reinhard Boden. Wenn er am Sonnabend mit den ehemaligen Nachbarn im Garten sitzt, werden ihm bestimmt noch mehr Geschichten einfallen.