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Einblicke in tschechische Fabrikanlagen

Das ist Kontrastprogramm pur“, sagt Richard Rößler. Vor zwei Wochen war er noch dabei, als tschechische Studenten aus Usti nad Labem (Aussig) die Gläserne Manufaktur in Dresden besichtigten. Jetzt läuft er durch das Speiseölwerk der Firma STZ und fühlt sich um Jahrzehnte zurückversetzt.

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Von Steffen Neumann

Das ist Kontrastprogramm pur“, sagt Richard Rößler. Vor zwei Wochen war er noch dabei, als tschechische Studenten aus Usti nad Labem (Aussig) die Gläserne Manufaktur in Dresden besichtigten. Jetzt läuft er durch das Speiseölwerk der Firma STZ und fühlt sich um Jahrzehnte zurückversetzt. Der Putz blättert vom historischen Fabrikgebäude, ein Holzstapel lagert in der Ecke. „Das würde in Deutschland nicht so aussehen“, pflichtet ihm sein Kommilitone Martin Wachsmuth bei. Beide studieren an der Technischen Universität Dresden Wirtschaftsingenieurwesen, eine Mischung aus Betriebswirtschaftslehre und einer Ingenieurfachrichtung. Mit ihrem Professor, Udo Buscher, und weiteren elf Mitstudenten sind sie an diesem Tag aus Dresden gekommen, um zwei Betriebe in Usti zu besichtigen.

Noch ausbaufähig

Solche Exkursionen sind fester Bestandteil des Studiums. Warum aber nicht mal Betriebe im nahen Tschechien anschauen, fragte sich Martin Teply, der sowohl in Dresden, als auch Usti Betriebswirtschaftslehre und Logistik studiert hat. „Die Kontakte zwischen den Universitäten in Usti und Dresden sind noch ausbaufähig“, stellte Teply diplomatisch fest und fasste den Plan, mit Studenten jeweils in der anderen Stadt Werke zu besichtigen. Bei der Umsetzung half die Euroregion Elbe/Labe, die den Großteil der Reise finanzierte. Mit seinen Erfahrungen ist Teply der perfekte Vermittler, der zugleich die nötige Portion Engagement mitbringt. Um bei der Exkursion dabei zu sein, nahm sich Teply, der inzwischen bei einer Logistikfirma arbeitet, extra Urlaub.

„Industrie life“ nannte er das Projekt und lief bei Professor Buscher offene Türen ein. „Wir können nur ein bis zwei Exkursionen pro Jahr anbieten. Bei etwa hundert Studenten in den oberen Semestern ist das zu wenig“, begrüßt Buscher jede Initiative, die den Studenten mehr Praxiskontakt bietet. Damit zugleich den Horizont ins nahe Tschechien zu erweitern, hält auch er für perspektivenreich.

Technikgeschichte life

Gerade der traditionell industrielle Norden Böhmens hat viel zu bieten. Was können aber deutsche Studenten in tschechischen Betrieben lernen, noch dazu, wenn sie so veraltet aussehen, wie das Speiseölwerk? „Die Sprachbarriere ist klar ein Problem. Aber für mich ist das vor allem eine anschauliche Lektion in Technikgeschichte, das bekommt man bei uns kaum noch zu sehen“, hebt Richard Rößler hervor. „In Deutschland hätte dir keiner eine Maschine aufgemacht“, ergänzt Martin Wachsmuth das Erlebnis mit der Ölpresse. „Außerdem gehört die Speiseölproduktion zu den älteren Betriebsteilen. Die Biodieselanlage auf der anderen Straßenseite ist dagegen gerade erst eingeweiht worden“, schiebt Wachsmuth Vorurteile vom veralteten Ostblock-Werk beiseite.

Wer mehr über moderne Unternehmensprozesse erfahren will, kommt am Nachmittag im Kolbenwerk der deutschen Kolbenschmidt im Nachbarort Trmice (Türmitz) voll auf seine Kosten. Hier gibt der Vorstandsvorsitzende Thorsten Kutz persönlich eine Einführung, die in Zeiten von Autokrise und Innovationen wie Elektro- und Hybridantriebe spannender nicht sein kann.

Und was die Studenten gerade mit ihrem Blick über die Grenze lernen, lebt Kolbenschmidt vor. Die Kunden des global eingestellten Unternehmens sind fast alle im Ausland. Das lässt die Studenten aufmerken. „Werden hier auch deutsche Mitarbeiter eingestellt?“, fragt Martin Wachsmuth. „Natürlich verdient man hier weniger, aber die Tür für Deutsche ist damit nicht zu“, entgegnet Kutz.

Richard Rößler hat den Fuß schon in der tschechischen Tür. Als die tschechischen Studenten in Dresden waren, versprach ihm einer zum Gegenbesuch in Usti hausgemachte Knödel seiner Mutter. Auch deutsch-tschechische Studentenfreundschaft geht offensichtlich zuerst durch den Magen.