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Eindrucksvolle Ausstellung im Oktogon

Seit Freitag sind die "Zukunftsvisionen" geöffnet. Hier kann man mit allen Sinnen zeitgenössische Kunst erfahren.

Schauen und entspannen: In der neuen Zukunftsvisionen-Ausstellung im Oktogon in der Görlitzer Lunitz kann man sich Gedanken machen und sich dabei wohlfühlen.
Schauen und entspannen: In der neuen Zukunftsvisionen-Ausstellung im Oktogon in der Görlitzer Lunitz kann man sich Gedanken machen und sich dabei wohlfühlen. © Nikolai Schmidt

Im vorigen Jahr musste das Team um die Ausstellung "Zukunftsvisionen" erstmal das Dach reparieren. "Im Oktogon aber brauchten wir nur mit dem vielen Staub klarzukommen", sagt Lisa Wiedemuth vom diesjährigen Festival-Team.

Am Freitag sind die Zukunftsvisionen, die seit 2007 leerstehende Görlitzer Gebäude mit Kunst beleben, im früheren Gasometer in der Lunitz eröffnet worden, das wegen seines achteckigen Grundrisses auch Oktogon genannt wird. 

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Seit 2007 beleben die Zukunftsvisionen leerstehende Görlitzer Gebäude mit Kunst. Diesmal das alte Gasometer Oktogon in der Lunitz.
Seit 2007 beleben die Zukunftsvisionen leerstehende Görlitzer Gebäude mit Kunst. Diesmal das alte Gasometer Oktogon in der Lunitz. © Nikolai Schmidt

Die Ausstellungsräume der vergangenen Jahre waren häufig von Verfall geprägt: das Kahlbaumgelände 2014, der alte Güterbahnhof 2018, die frühere Bremsenfabrik "Galerie Exergon" 2019. Das Oktogon ist hingegen ein baulich intaktes, eindrucksvolles  Industriegebäude, dessen Dach die Stadt Görlitz erst vor Kurzem repariert hat und in dem man sich als Besucher sehr wohlfühlen kann. 

Kunst unter dem Motto "An die Substanz"

Das liegt natürlich auch an der Kunst, und dass man sie auf großem Raum und von gemütlichen Sitzmöbeln aus wahrnehmen kann. 22 Werke von 20 teilweise internationalen Künstlern sind ausgestellt. Eine unabhängige Jury aus fünf Kunstkennern, darunter der Videokünstler Hector Solari, hat die Werke aus über 250 Bewerbungen ausgewählt. Meditative Soundinstallationen, Videokunst, Animationen, Fotocollagen und weitere Installationen deuten und vermitteln das diesjährige Thema "An die Substanz".

Ein abgedunkelter Raum im Erdgeschoss ist erfüllt von Geräuschen, Klängen und Musik. Das Meer rauscht, der Wind pfeift, doch unsere Welt ist bedroht. Gegenstände, die wie Zigarettenkippen, Bierdosen oder PET-Flaschen für Umweltzerstörung stehen, kann man mit einem beliebigen Metallgegenstand berühren, dann fügt sich der Sound dieser Bedrohung ein: das Schnalzen eines Feuerzeugs, das Ploppen eines Kronkorkens, das Zerknautschen einer Dose.

Hier klingen Meer, Wind und Musik. Wer vorn Gegenstände wie Bierdose, PET-Flasche und Zigarettenkippen berührt, fügt Geräusche hinzu, die bei der Umweltzerstörung durch den Menschen erklingen.
Hier klingen Meer, Wind und Musik. Wer vorn Gegenstände wie Bierdose, PET-Flasche und Zigarettenkippen berührt, fügt Geräusche hinzu, die bei der Umweltzerstörung durch den Menschen erklingen. © Nikolai Schmidt

Die Veränderbarkeit unserer Gegenwart, je nachdem, woher der Wind weht, wird an einer Installation aus Papierwindmühlen deutlich. Bewegt sich eine, erklingen persische Verse. Bewegt sich eine andere, ändern sich die Worte. 

"An die Substanz" betrifft auch bestimmte Grundrechte und Werte, die heute nicht mehr verlässlich gewahrt zu sein scheinen. Ist man über die hölzernen Treppe ins weitläufige Obergeschoss gestiegen, kann man nach ein paar Minuten auf einem Bildschirm sehen, wie man selbst am Fuße der Stufen die Aufschrift "Freiwillige Zustimmung" überquert, ohne es bemerkt zu haben. So wie man oft im Internet etwas akzeptiert, ohne es zu lesen.

"Digital Fingerprint" heißt das Werk links, "Das eigentliche Wesen der Dinge" auf der rechten Seite.
"Digital Fingerprint" heißt das Werk links, "Das eigentliche Wesen der Dinge" auf der rechten Seite. © Nikolai Schmidt
Bei den Görlitzer Zukunftsvisionen 2020 im Oktogon überschreitet man unbemerkt den Schriftzug "Freiwillige Zustimmung".
Bei den Görlitzer Zukunftsvisionen 2020 im Oktogon überschreitet man unbemerkt den Schriftzug "Freiwillige Zustimmung". © Ines Eifler
Ein Kunstwerk spielt mit zahlreichen Hundeleinen auf die Vielfalt von Domestikation an.
Ein Kunstwerk spielt mit zahlreichen Hundeleinen auf die Vielfalt von Domestikation an. © Nikolai Schmidt

An anderer Stelle ist ein riesiger Daumenabdruck aus Klebestreifen zu Kunst geworden. Auch Erinnerungen an die DDR mit ihren grauen Plattenbauten gehören zu einer Substanz, an die es heute geht. Ein Kunstwerk aus zahlreichen Hundeleinen verweist auf den Grad von Domestikation und Kontrolle, der heute unsere Gegenwart beeinflusst. 

Zwei Residenzkünstler erlebten Görlitz

Im Vorfeld der Ausstellung waren zwei Residenzkünstler für 14 Tage in Görlitz. Peter Kees, Mitte 50, hat für die Ausstellung aus einem früheren Diplomatenwagen heraus Görlitzer zu ihrer Sicht auf die Welt interviewt, vorwiegend aus dem Umfeld des Festivals. "Ich bin beeindruckt, wie klar die junge Generation unsere Gegenwart sieht", sagt er, "und wie hoffnungsvoll sie trotz Klimawandel und zunehmendem Rechtspopulismus ist."

Der 27-jährige Fotograf Leon Seidel hat sich ebenfalls mit der Stadt auseinandergesetzt, besonders mit den Ambivalenzen der "Europastadt". Er habe versucht, europäische Grundwerte wie etwa Solidarität im Stadtbild wiederzufinden, sei aber abseits der schönen Altstadt auf typische soziale Schwachstellen vieler deutscher Kleinstädte gestoßen. In seinen Fotocollagen spiegelt sich das mit Bildern von Leerstand und Armut in Görlitz und Zgorzelec wider.

Festival auf neuen Füßen

War "Zukunftsvisionen" anfangs vor allem eine studentische, vom Verein Second Attempt unterstützte Initiative, ist das Festival inzwischen professioneller geworden. Die meisten im Team – Studenten wie wie junge Menschen, die in Görlitz leben und arbeiten – haben bereits in den vergangenen Jahren mitgewirkt. Der Trägerverein ist das Neisse Centre for Contemporary Arts, unter dessen Dach am ersten Septemberwochenende auch ein Tanzfestival stattfindet. Bis dahin kann man am Oktogon zahlreiche Veranstaltungen besuchen.

www.zuvi-festival.de

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