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Eine Elle ist nicht gleich eine Elle

Dresdens Frauenkirche wurde zuerst als dreidimensionales Computermodell wieder aufgebaut. „Für eine originalgetreue Rekonstruktion war die übliche zweidimensionale Planung nicht ausreichend“, erläutert Ipro-Architekt Jörg Lauterbach.

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Von Bettina Klemm

Dresdens Frauenkirche wurde zuerst als dreidimensionales Computermodell wieder aufgebaut. „Für eine originalgetreue Rekonstruktion war die übliche zweidimensionale Planung nicht ausreichend“, erläutert Ipro-Architekt Jörg Lauterbach. Schließlich habe Frauenkirchen-Architekt George Bähr auf mehrfach gekrümmte Flächen im Inneren und Äußeren der Kirche gesetzt.

In dem französischen Software-Programm Catia-Solution – einst für Flugzeuge entwickelt und später in der Autoindustrie eingesetzt – fand er ein geeignetes Handwerkszeug. Den ersten Computer mit dieser teuren Software hat sogar IBM Deutschland gesponsort. Weil aber einer nicht reichte, kauft die Ipro vier weitere.

Doch bevor sich Jörg Lauterbach an den Rechner setzen konnte, musste er sich ins Quellenstudium vertiefen und rund tausend historische Fotos und Pläne studieren. Eine besondere Hilfe war ein von Dresdens Stadtbaurat Paul Wolf 1932 zur Sanierung der Frauenkirche fertig gestellter Plan. „Stimmt“ hatte darauf Curt Siegel im November 1937 geschrieben, nachdem er auf dem Gerüst stehend die Maße überprüft hatte. „Für uns waren dieser Hinweis und spätere Gespräche mit Professor Siegel sehr wichtig, weil wir so davon ausgehen konnten, dass die Geometrie exakt ist“, sagt Lauterbach. So habe sich das Bild Stück für Stück verdichtet.

Beginnend in den Katakomben entwickelte er stufenweise die Kirche an seinem Computer. Parallel erfolgte die Enttrümmerung und das Aufmaß des vorhandenen Mauerwerks. „Schon bei der Rekonstruktion der Bereiche der Unterkirche und des Kirchenschiffes zeigten sich die Vorteile der dreidimensionalen Planung“, erläutert Lauterbach. Da wurde deutlich, dass die Kirche gar nicht völlig symmetrisch gebaut wurde: „Es gibt Abweichungen bis zu fünf Zentimeter.“

Das liege daran, dass zu Zeiten von George Bähr im 18. Jahrhundert jede Baufirma ihr eigenes Maß hatte: Eine Elle war damals nicht gleich eine Elle. Alle wichtigen Entscheidungen wurden seinerzeit vor Ort auf der Baustelle getroffen. Hier in der Bauhütte gab es auch nur einen Satz Pläne. Von ihm nahmen dann alle Meister mit ihrem Messgerät das nötige Maß ab. Frei gekrümmte Flächen wurden am Bau direkt hergestellt und angepasst.

Außerdem gibt es aufgrund der alten Bautechnologien und durch die Zerstörungen im Krieg Verformungen an der Frauenkirche. Auch diese wurden bei dem räumlichen Modell eingearbeitet.

Für viele Gebäudebereiche hat Lauterbach fünf bis sechs Varianten erarbeitet, bis er und das gesamte Wiederaufbauteam mit dem Ergebnis zufrieden waren. Fachwissen und Intuition gingen hier Hand in Hand. Die Architekten mussten sich viele alte Konstruktionsprinzipien – die heutige Architekten nicht mehr lernen – mühevoll anhand historischer Lehrbücher aneignen.

Für Bereiche wie den Kuppelanlauf, dem konstruktiv und statisch schwierigsten Teil der Kirche, gab es keine Dokumentationen. „Eine Rekonstruktion war hier nur am räumlichen Modell möglich“, sagt Lauterbach. Stolz ist er auch auf die Laternenhaube. „Die haben wir nur nach Fotografien rekonstruiert.“