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Eine Europa-Vision fürs dritte Jahrtausend

Superlative. Noch bis zum 29. August malen Künstler in Dresden am größten Bild der Welt. Das Projekt heißt „Orbis Pictus“.

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Von Andreas Rentsch

Superlative sind die beste Werbung für ein Kunstprojekt. Normalerweise. „Orbis Pictus: Europa“ (OPE) hat in Dresden bisher kaum von seinem Alleinstellungsmerkmal profitiert. Bereits seit Mitte Mai können einheimische Künstler ihren Beitrag zu dem Bild leisten, das einmal das größte der Welt werden soll. Doch ausgerechnet in der Kunst- und Kulturstadt an der Elbe haben sich bisher nur eine Hand voll Teilnehmer an dem Vorhaben beteiligt und ihren 70 mal 50 Zentimeter großen Abschnitt der Endlosleinwand gefüllt.

Eintrag ins Guiness-Buch?

„Die Resonanz ist fade“, bedauert Veronika Fedotova. „Wir hatten mit größerem Interesse gerechnet.“ Ihr Arbeitgeber, das Tschechische Zentrum, betreut das Projekt der OPE-Gesellschaft, die 2001 von der Bildhauerin Ellen Jilemnická und den Malern Lubomír Pešek und Ivan Bukovský ins Leben gerufen wurde und nun in Sachsen gastiert. Die Idee bestand darin, Künstler aus ganz Europa an einer Vision für das dritte Jahrtausend arbeiten zu lassen. Schon in 15 Ländern war die Leinwand zu sehen, 180 Künstler haben über 200 Meter bemalt. Das würde für den Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde reichen, sagt Fedotova. „Der Antrag ist gestellt.“ Viel interessanter als die technische Dimension ist jedoch die künstlerische, sagt Christian W. Neuber. Der Maler, Grafiker und Kunstpädagoge war der erste deutsche Künstler, der sich an „Orbis Pictus: Europa“ beteiligte.

Er habe sich von den Felszeichnungen der Bronzezeit im österreichischen Ötztal und Wikinger-Ritzungen inspirieren lassen, erzählt Neuber vom Entstehungsprozess seines Grafik-Beitrags. „Die Menschen hatten Wissen und wollten es an die Nachwelt weitergeben.“ Deshalb beinhalten diese Runen oder Petroglyphen für ihn eine wichtige Frage: „Was würden wir heute Bleibendes in den Felsen ritzen, damit es den nachfolgenden Generationen besser geht?“ Spätestens an diesem Punkt wird deutlich, warum der Dresdner Künstler das Malprojekt als „eines der größten humanitären Anliegen“ verstanden wissen will. „Wir + Werte = Zukunft“ lautet die Gleichung, die er dabei für sich aufgemacht hat.

Für Veronika Fedotova kommt Neubers Begeisterung für das Projekt nicht von ungefähr. „Jeder, der mitgemacht hat, war nachher begeistert“, sagt sie. So soll es – mangels Publizität – weitergehen. Interessierte Künstler können sich jederzeit im Tschechischen Zentrum anmelden. Deren Mitarbeiter organisieren dann einen Termin, im Zweifelsfall auch spätabends oder am Wochenende. Gemalt werden kann mit Acrylfarbe, aber auch anders – Hauptsache, das Werk wird dann auch ordnungsgemäß auf der vorgrundierten Leinwand fixiert.

Dauerausstellung bei Prag

So viel Sorgfalt ist nötig, denn auf- und zugerollt wird das Kunstwerk der Superlative auf seiner weiteren Reise noch einige Male. Die nächste Station von „Orbis Pictus: Eu ropa“ soll München sein. Endgültiges Ziel des Mega-Bildes ist die mittelböhmische Gedenkstätte Vojna, ein ehemaliges Gefängnis und Zwangsarbeiterlager in der Nähe von Prag. Dort entsteht eine Dauerausstellung – nicht nur mit der OPE-Leinwand, sondern auch mit eigenständigen Artefakten. Damit bekommt eine Idee endgültig Gestalt, die geboren wurde, als der Beitritt Tschechiens zur Europäischen Union noch bevorstand.

www.ddmen.cz/ope/de/uvod.htm