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Riesa

Eine fahrradverrückte Firma

Einen Radkeller samt extra konstruierter Einfahrtsrampe, eine extra Werkstatt, eine Dusche: So was kriegen radelnde Angestellte wohl nur bei HGDS.

André Stein kommt fast jeden Tag von Ostrau zu seiner Riesaer Arbeit geradelt: Die Firma HGDS wurde nun als erstes sächsisches Unternehmen überhaupt als besonders fahrradfreundlich ausgezeichnet.
André Stein kommt fast jeden Tag von Ostrau zu seiner Riesaer Arbeit geradelt: Die Firma HGDS wurde nun als erstes sächsisches Unternehmen überhaupt als besonders fahrradfreundlich ausgezeichnet. © Sebastian Schultz

Riesa. 24 Kilometer hin zur Arbeit, 24 Kilometer zurück: So eine Strecke ist für Pendler keine Seltenheit. Aber per Fahrrad? „Ich fahre so oft mit dem Rad auf Arbeit, wie es geht“, sagt André Stein. „Meist vier Mal pro Woche.“ Auch am Dienstag, an dem es über 30 Grad werden sollte, stieg der Fertigungsleiter aufs Rennrad. Als der Ostrauer früh um fünf zu Hause losfuhr, war es noch so kühl, dass er eine Jacke brauchte. „Wenn auch nur eine dünne.“

Der Mitarbeiter der Riesaer Automatisierungs-Firma HGDS braucht für den Hinweg rund 50 Minuten – denn da ist oft Gegenwind. An der Robert-Koch-Straße angekommen, trifft er dann auf eine ganze Reihe radelnder Kollegen. „Einer kommt etwa bei Wind und Wetter jeden Tag von Jacobsthal“, sagt Jan Gebauer, einer der HGDS-Geschäftsführer. Da sind immer noch 15 Kilometer Arbeitsweg. „Der Kollege wird aber auch nie krank“, sagt der Chef, der selbst auch Rennrad fährt.

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Bei den Strecken kann man auch mal ins Schwitzen kommen. Deshalb ist es gut, dass es bei der Riesaer Firma eine Duschgelegenheit und Umkleideräume für Kollegen gibt, die per Fahrrad kommen. Und einen abschließbaren Fahrradraum im Keller, in dem mehr als ein Dutzend Räder an der Wand hängen oder im Ständer stehen. „Wir haben hier sogar eine kleine Radwerkstatt“, sagt der HGDS-Chef. „Einer unserer Kollegen hatte vor seinem Studium eine Fahrradmechaniker-Lehre angefangen. Von dessen Kenntnissen zehren wir heute noch.“ Und Ablagemöglichkeiten für Regenüberschuhe und Spinde für die Wechselsachen gibt es ohnehin.

Kein Wunder, dass Jan Gebauer elektrisiert war, als er 2017 in einer Zeitschrift las, dass in der EU ein Zertifikat für „Fahrradfreundliche Arbeitgeber“ ins Leben gerufen wurde. „Ich habe mir gedacht: ‚Wer, wenn nicht wir?‘“, sagt Gebauer. Schließlich unterstützt HGDS schon seit Jahren die Triathleten beim SC Riesa, manche Kollegen fahren am Wochenende gemeinsam Rad, zu Firmenausflügen wird ebenfalls geradelt. „Mehr als die Hälfte unser 40 Kollegen vor Ort sind aktive Radfahrer“, sagt Gebauer. Da lag es nahe, sich um das Zertifikat zu bewerben.

Den Aufwand allerdings hatte Gebauer unterschätzt. „Wir mussten erst einen umfangreichen Fragebogen ausfüllen und dann lange mit einem Auditor verhandeln.“ Das war Verkehrsplaner Fritjof Mothes, der im Auftrag des Fahrradclubs ADFC aus Leipzig kam, um eine ganze Liste von Themen abzuarbeiten.

Punkte gab es für den Radkeller, für den HGDS eine klappbare Rampe hatte konstruieren lassen; für Dusche, Werkstatt, Umkleideraum. Moniert wurde dagegen der alte Radständer draußen – als „Reifenkiller“. So ließ HGDS noch eine große überdachte Fahrradabstellfläche bauen – mit zeitgemäßen Anlehnbügeln, wo Räder sicher angeschlossen werden können. Da passen dann auch die Räder mit den Kinderanhängern hin, die keinen Platz im Keller hätten.

Auch die Beleuchtung des Areals bringt Punkte: „Sichere Fahrradabstellplätze sind wichtig“, sagt Mothes, dessen Heimatstadt Leipzig einen Spitzenplatz bei Raddiebstählen belegt.

Am Dienstag konnte er gemeinsam mit Sachsens ADFC-Chef Konrad Krause HGDS als erstem sächsischen Unternehmen überhaupt das Zertifikat für Fahrradfreundlichkeit überreichen – erst in einigen Tagen folgt ein Leipziger Helmholtz-Institut. „Das ist ein Baustein, um als Arbeitgeber attraktiv zu sein“, sagt der ADFC-Geschäftsführer. So gute Bedingungen wie bei HGDS biete nicht mal der ADFC selbst.

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