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Eine Familie auf Zeit

Mönnichs nehmen Kinder vorübergehend bei sich auf. 286 solcher Pflegefamilien gibt es im Kreis. Es sind zu wenige.

Von Jenny Thümmler

Kai* rennt fröhlich durchs Wohnzimmer. Zieht Schubladen auf, guckt in Schachteln. Es gibt viel zu entdecken hier für Zweijährige. Christine Schulz-Mönnich und Armin Mönnich sitzen auf dem Sofa und schauen lächelnd zu. Das Bild einer idyllischen Familie.

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Doch weder sind die drei eine Familie, noch ist es idyllisch. Kai ist erst seit einigen Stunden bei Mönnichs. Sie haben ihn aus dem Krankenhaus abgeholt, wo ihn seine Mutter zurückgelassen hat. Über das Jugendamt ist der Kleine nun zu Pflegeeltern gekommen, bis klar ist, wie das Leben der drogenabhängigen Mutter weiter geht. Ein Fall, wie ihn Mönnichs schon zum wiederholten Mal erleben. Kai ist das vierte Kind, das vorübergehend bei ihnen lebt. „Der erste Junge“, sagt Christine Schulz-Mönnich und lacht. „Wir müssen uns erst dran gewöhnen, nicht dauernd ,sie’ zu sagen.“

Laut Landratsamt gibt es 286 Pflegefamilien im Kreis. Viele übernehmen wie Familie Mönnich die Kurzzeitpflege über einige Monate. Oft erfahren die Pflegeeltern erst einen Tag oder gar Stunden zuvor, dass ein Kind bei ihnen einzieht. Für Mönnichs ist das in Ordnung, wie sie sagen. Es ist ja alles vorbereitet. Im November 2012 haben sie ihr erstes Kind bekommen, Tamara*, 27 Monate alt. Eine Inobhutnahme wegen der drogenabhängigen Mutter. Tamara war nicht sauber, konnte nicht sprechen. In dem dreiviertel Jahr, das sie bei dem Paar lebte, verbesserte sich das rasant. „Sie ist uns besonders ans Herz gewachsen“, sagt Armin Mönnich und bekommt einen verträumten Blick. Tamaras Fotos sind auf seinem Handy, auf seinem Laptop. Mit ihr haben sie viel unternommen, oft die Kühe und Schafe besucht, die bei Mönnichs in Friedersdorf leben, die eigenen Hasen versorgt. Ihr haben sie den Spitznamen „Butzematze“ verpasst, nachdem sie das Wort „Luftmatratze“ so ausgesprochen hat. Und für sie gab es eine große Abschiedsparty mit vielen Tränen. „Sie geht heute in die Kita neben meiner Arbeitsstelle“, erzählt der Pflegevater. „Wenn wir uns sehen, geht ein breites Grinsen über ihr Gesicht. Das ist so süß!“ Heute lebt Tamara bei ihrem Vater, ist glücklich. Das beruhigt Armin Mönnich.

Die Pflegeeltern haben auch eine eigene Tochter. Sie ist 30 Jahre alt und lebt in München. Sie sehen sie selten, auch mit künftigen Enkelkindern wäre es so. Da sie Kinder lieben und helfen wollen, nehmen sie schon seit einigen Jahren Tschernobylkinder bei deren Besuchen bei sich auf. „Es wäre schön, wenn sich mehr Familien dafür finden würden. Gerade die, die es sich leisten können, haben leider oft kein Interesse.“ Denn leisten können es sich Mönnichs eigentlich nicht. Sie ist schwer krank, kann nur ein paar Stunden in der Woche bei einem Seniorenfahrdienst arbeiten. Er ist ausgebildeter Schweißer und Schlosser und arbeitet als Leiharbeiter in einem Call-Center. Viel Geld kommt so nicht herein. Und einige Zuschüsse für die Kinderbetreuung werden sofort angerechnet. Dass Mönnichs mit jedem Kind erst mal einkaufen gehen müssen, weil sie nichts außer den Sachen am Leib mithaben, interessiert im Jobcenter nicht. „Wir sind nicht wegen des Geldes Pflegeeltern“, betonen beide. Sondern weil es eine sinnvolle Aufgabe ist, die Spaß macht, wie es Christine Schulz-Mönnich formuliert. Sie war es auch, die ihrem Mann vor zwei Jahren vorgeschlagen hat, Pflegeeltern zu werden, um auch deutschen Kindern helfen zu können. „Man sieht einen Erfolg. Und zu erleben, wie dankbar die Kinder sind, ist das Größte!“

Wenn sie kuscheln kommen. Wenn sie nach ein paar Tagen „Mama“ zu ihrer Pflegemutter sagen. Wie es Annabell* nach zwei Wochen getan hat, die von Februar bis April bei Mönnichs war. „Diese Kinder fragen nicht nach ihrer Mutter“, sagt Christine Schulz-Mönnich, „sie haben meist keine Bindung. Und falls doch, sagen wir ihnen, dass ihre Mama krank ist und sie deswegen bei uns sind.“ Drei der vier Mütter, mit denen die Familie bislang zu tun hatte, sind oder waren drogenabhängig. Kinder sind dort nur Nebensache. Bei den regelmäßigen Treffen sind für diese Mütter neue Handynachrichten wichtiger als der Kontakt mit dem Nachwuchs. Dabei sind Pflegefamilien auch dazu da, sich um Kinder zu kümmern, deren alleinerziehende Mütter zur Kur oder ins Krankenhaus müssen und die niemanden haben, der einspringt. „Aber wir hatten bislang nur die Problemfälle“, sagt Armin Mönnich und zuckt mit den Schultern. Einen Monat brauchen die Kinder erfahrungsgemäß, um sich einzuleben und innerlich zur Ruhe zu kommen. Ruhe ist etwas, das sie von zu Hause nicht kennen. Mia* kam so weit gar nicht, sie war nur zwei Wochen in Friedersdorf. Das Gute daran: Sie hatte eine Bindung zu ihrer Mutter, kehrte schnell zu ihr zurück.

Haben Mönnichs jemals darüber nachgedacht, ein Kind zu adoptieren? Beide schütteln den Kopf. Nein, dafür fühlen sie sich zu alt. Sie 49, er 48 Jahre. Lieber sind sie weiterhin Pflegeeltern. „Wir wollen das schon noch ein Weilchen machen“, sagt Armin Mönnich. „Wenn auch nicht bis zur Rente.“ Denn so schön das Leben mit Ein- und Zweijährigen ist: Es ist auch anstrengend. Manchmal kommt ein bisschen Bitterkeit in Armin Mönnich hoch. Wenn er gestresst von der Arbeit kommt und noch spielen soll. Wenn er morgens nicht ausschlafen kann. „Dann denkt man schon mal, meine Güte, die gehen jetzt abends fein weg und leben in den Tag hinein, und wir kümmern uns hier um ihre Kinder.“ Aber solche Gedanken sind selten.

Daran glauben Mönnichs auch für die kommende Zeit mit Kai. Er geht wie gewohnt in seine Kita, so viel Normalität wie möglich. Bei anderen Kindern hat die Gemeinde Markersdorf mit einem kurzfristigen Krippenplatz in Friedersdorf geholfen, auch mit einer kurzfristigen Kündigung. Lange planen können Mönnichs nicht. „Für diese Hilfe sind wir dankbar. Auch unseren Nachbarn.“ Kai ist mittlerweile im Bett und weint. Zu fremd die Umgebung, zu neu die Geräusche. Seine Pflegemutter geht ihn trösten. Und sofort ist Ruhe.

* Namen von der Redaktion geändert