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Hoyerswerda

Eine Feier des Lebens

Barbara Zenker – Grand Dame der Mode in Hoyerswerda – ist im Dezember verstorben. Dennoch wurde jetzt im Zoo-Restaurant ihr 85. Geburtstag begangen.

Barbara Zenker bei ihrer Arbeit im „Centrum“-Warenhaus in Hoyerswerda. Hier war sie fast zwei Jahrzehnte lang die Stimme im Kaufhaus-Funk, morgens vor der Öffnung für die Belegschaft und während der Öffnungszeiten für die Kundschaft.
Barbara Zenker bei ihrer Arbeit im „Centrum“-Warenhaus in Hoyerswerda. Hier war sie fast zwei Jahrzehnte lang die Stimme im Kaufhaus-Funk, morgens vor der Öffnung für die Belegschaft und während der Öffnungszeiten für die Kundschaft. © Foto: Sammlung Zenker

Hoyerswerda. Die Geburtstagsfeier im Hoyerswerdaer Zoo-Restaurant „Sambesi“ war erst ein paar Minuten alt, als jemand für die Jubilarin respektvoll das Wort von der „Institution“ gebrauchte. Freilich: Besagte Jubilarin selbst war gar nicht anwesend. Barbara Zenker ist am Tag vor Heiligabend 2019 verstorben. Und dennoch lud ihre Familie in dieser Woche Gäste zum 85. Geburtstag ein – anstatt gewissermaßen. „Sie hat uns mehrfach mündlich und schriftlich hinterlassen, dass sie keine Trauerfeier auf dem Friedhof mit Leuten will, die wie Trauerklöße aussehen“, erklärte ihr Sohn Andreas. Es sollte so sein, wie es ihr entsprach. „Wir werden Dich immer als lebensbejahend in Erinnerung behalten“, hatte es in der Annonce zum Tod der „Institution“ geheißen, die viele Hoyerswerdaer als die Stimme des Kaufhausfunks im „Centrum“ sowie als unermüdliche Kraft hinter ungezählten Modenschauen vor allem, aber bei Weitem nicht nur in Hoyerswerda kannten.

Barbara Zenker kam am 4. Februar 1935 in Tröbitz zur Welt, einem Nest bei Finsterwalde mit damals etwa 900 Einwohnern. Bekannt ist weniger der Ort als der dortige Landmaschinenbau. Was die Marke „Fortschritt“ bedeutete, wusste in der DDR nicht nur jeder Bauer. Als Bürohilfe fing die junge Barbara in besagtem Betrieb an, bildete sich zur Stenotypistin weiter, wurde Sachbearbeiterin – und traf im Tröbitzer Büro auch den Mann fürs Leben, ihren späteren Gatten Lothar. 1959 kamen die beiden nach Hoyerswerda. „Das Gaskombinat hat gelockt“, sagt Andreas Zenker. Seine Mutter, Mitte 20, begann in Schwarze Pumpe als Stenografie-Sachbearbeiterin im Büro für Neuererwesen. Sie habe sich, so ihr Sohn dabei auch sehr für die Frage interessiert, wer denn diese Leute waren, die mit ihren Erfindungen die Betriebs- und Produktionsabläufe verbessern wollten. Es entstand so der Gedanke, für die Betriebszeitung zu schreiben. Auch, um das Leben der Kohlekumpel in diesem Zusammenhang besser einschätzen zu können, ging sie ein Jahr als Klappenschlägerin, Hilfsmaschinistin sowie Bandanlagenfahrerin in den Tagebau Burghammer – und schrieb nebenher.

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Kreativ muss Barbara Zenker schon immer gewesen sein. Als die Lausitzer Rundschau vor gut einem halben Jahrhundert ein Porträt über sie veröffentlichte, war darin auch von Akkordeonspiel und Chorgesang die Rede. Die musische Ader kam der jungen Frau zupass, als sie nach einer schweren Krankheit mit Anfang 30 amtlich zur Invalidin erklärt wurde. 1968 wurde das „Centrum“ eröffnet und es wurde dabei die Stelle beim Werbefunk des Hauses ausgeschrieben. So kam Barbara Zenker hinters Mikrofon. „Ohne Punkt und Komma reden konnte sie sehr gut“, sagt ihr Sohn, seine Mutter habe im „Centrum“ ihre Talente ausleben können. Dazu gehörte auch der Aufbau eines kleinen Ensembles an Sprechern für die Kaufhaus-Reklame. Denn das „Centrum“ war¨für DDR-Verhältnisse ein Schmuckstück, und für die Verhältnisse der Stadt Hoyerswerda ein Riesen-Betrieb mit immerhin 600 Mitarbeitern. Für Barbara Zenker war es auch der Startpunkt ihrer Karriere als Grande Dame der Modenschauen. Sie waren dazumal üblicherweise ein wenig steif. „Meine Mutter fand das langweilig“, sagt Andres Zenker. Und so erfand sie die peppigere „Modekiste“.

Eines ihrer ersten Mannequins – so hießen Models dazumal – war Monika Mehrfort: „Sie hat mich 1974 vom Magnet abgeworben.“ Die beiden Frauen konnten prächtig miteinander: „Wir lagen auf einer Wellenlänge.“ In den 1980ern meldete Barbara Zenker ihre Mitstreiterin hinter deren Rücken beim Wissenschaftsmagazin „Aha“ des DDR-Fernsehens an. In der Sendung wurden Doppelgänger für Prominente gesucht und Monika Mehrfort hatte etwas von Petra Kusch-Lück. Über die Details dessen, was da im Fernsehstudio bei der für die TV-Ansagerin überraschenden Begegnung passierte, möchte Monika Mehrfort in der Öffentlichkeit lieber den Mantel des Schweigens gehüllt wissen. Sagen wir: Zumindest war es ein eindrückliches Erlebnis. Solche und andere Anekdoten sind es, die bei der Feier des Lebens von Barbara Zenker im „Sambesi“ die Runde machten. Nicht nur Monika Mehrfort hatte Fotos mitgebracht. Die ganze Gaststube war mit Bildern ausgestaltet: Barbara Zenker mit Sohn beim sommerlichen Bad am Strand, Barbara Zenker und ihr Mann beim Skilanglauf im Gebirge und immer wieder Barbara Zenker inmitten ihrer Mannequins. Der „Modekiste“ folgten der „Modespaß ab 1900“, eine Nostalgie-Modenschau und natürlich die berühmte Blaudruck-Modenschau. Die erste Auflage gab es am 18. Mai 1988. Da war die Arbeit im „Centrum“-Warenhaus gerade zwei Jahre gegen eine Tätigkeit beim Rundfunk der DDR in Cottbus eingetauscht.

Vor ein paar Jahren zählte Barbara Zenker einem Reporter einmal vor, was sie so alles allein an historischer Mode zusammengesammelt hatte: rund 150 Hüte, gut 50 Handtaschen, 30 Paar Schuhe sowie eine museumsreife Sammlung an Wäsche- und Bekleidungsstücken. „Bei einer nostalgischen Modenschau muss eben alles zusammenpassen“, war ihre Überzeugung. Sohn Andreas berichtet, daheim, im Wohnblock in der Günter-Peters-Straße im WK I, habe seine Mutter gleich zwei Keller zur Lagerung angemietet gehabt. Mittlerweile seien die historischen Stücke in gute Hände nach Berlin abgegeben worden. Die Blaudruckmode kommt nun wohl ins Heimatmuseum in Dissen im Spreewald.

Die letzten größeren Präsentationen gab es in Spremberg. Im Schloss zeigte Barbara Zenker 2015 eine Sonderausstellung mit dem Titel „Präsent, Vliesett & Malimo – Minirock & Petticoat“. Im Jahr darauf gestaltete sie an selber Stelle die Blaudruck-Schau „Blau mit weißen Blumen“. In diesem Zusammenhang war auch noch einmal die Rede von der Kooperation mit den beiden Blaudruckern Wolfgang Nötzold aus Hoyerswerda und Alfred Thieme aus Pulsnitz. Danach zog sich die Frau mit dem großen Modewissen aus der weiteren Öffentlichkeit zurück. 2018 wechselten sie und ihr Mann die Wohnung. Das Appartement in der Petersstraße, in das die beiden gut ein halbes Jahrhundert zuvor eingezogen waren, hatte inzwischen die eine oder andere Macke bekommen. Und nach dem Umzug nur ein paar Meter weiter in die Konrad-Zuse-Straße gab es sogar einen Balkon.

Ihre letzten Wochen verbrachte Barbara Zenker in der Seniorenwohnanlage „Herbstsonne“ in Burg – gar nicht weit weg von jenem Tagebau, in dem sie als junge Frau für ein Jahr tätig war und der heute der Bernsteinsee ist. Immer wieder war sie auch im Hoyerswerdaer Klinikum. Friedlich eingeschlafen sei seine Mutter schließlich, sagt Andreas Zenker – nachdem sie mehrfach den besagten Wunsch geäußert hatte. Und so wurden nun also die engsten Wegbegleiter zum Geburtstag ins „Sambesi“ eingeladen. „Ich sehe weniger als 50 Prozent schwarze Kleidung – so wollte sie das haben“, begrüßte ihr Sohn die Gäste und erzählte dann, dass er zuvor eine Gratulation der Wohnungsgesellschaft an seine Mutter zum 85. aus dem Briefkasten geholt habe – mehr als einen Monat nach ihrem Tod. Das hätte ihr sicher gefallen.

Für ihre Nostalgiemodenschauen unter dem Titel „Modespaß ab 1900“ hatte Barbara Zenker unter anderem rund 150 Hüte zusammengetragen. Hier zeigt sie 2013 eine Auswahl bei den Energiefabrik-Festspielen in Knappenrode. 
Für ihre Nostalgiemodenschauen unter dem Titel „Modespaß ab 1900“ hatte Barbara Zenker unter anderem rund 150 Hüte zusammengetragen. Hier zeigt sie 2013 eine Auswahl bei den Energiefabrik-Festspielen in Knappenrode.  © Archivfoto: Rainer Könen