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Eine Flasche Wodka in zwei Stunden?

Eine Frau streift beim Ausparken ein anderes Auto. Sie hat 2,73 Promille Alkohol im Blut. Doch erst nach dem Unfall habe sie getrunken, sagt sie.

Von Jürgen Müller

Auf den ersten Blick scheint die Sache klar. Die Angeklagte beschädigt beim Ausparken ein anderes Auto, kümmert sich aber nicht darum, wird aber beobachtet. Als später die Polizei bei ihr eintrifft, hat sie 2,73 Promille Alkohol im Blut. Nicht nur die klassische Unfallflucht also, sondern auch eine Gefährdung des Straßenverkehrs, weswegen sie auch angeklagt ist. Denn wer mit einem solchen Promillegehalt noch Auto fährt, stellt eine Gefahr dar.

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Doch so klar ist der Fall dann doch nicht. Der Unfall war gegen 16 Uhr, die Polizei traf erst gegen 19 Uhr bei der Frau ein. Die behauptet nun, erst nach dem Unfall Alkohol getrunken zu haben und dann ins Bett gegangen zu sein. Mit einem Bekannten habe sie – eine Spätaussiedlerin aus Russland – ihren Geburtstag nachgefeiert, dabei hätten die beiden fast zwei Flaschen Wodka geleert. Zuvor habe sie keinen Alkohol getrunken. Einen Unfall habe sie nicht bemerkt.

Widersprüchliche Aussagen

Das deckt sich schon mal nicht mit den Aussagen, die sie bei der Polizei gemacht hatte. Dort gab sie zu, schon zu Mittag eine Flasche Weißwein getrunken zu haben.

Für einen Nachtrunk findet die Polizei keine Beweise. In der Wohnung werden jedenfalls keine leeren Schnapsflaschen gefunden, wie ein Polizist als Zeuge sagt. Die Frau, die bei einer Körpergröße von 1,65 Metern 95 Kilogramm auf die Waage bringt, sei sehr alkoholisiert, gereizt und uneinsichtig gewesen. Ein anderer Beamter beschreibt sie als frech und herausfordernd. Als die Polizisten ihren Führer schein beschlagnahmen, behauptet sie, überhaupt nicht gefahren zu sein. Allerdings wurde sie von einer Frau, die zufällig gegenüber auf dem Balkon stand, beobachtet, als sie ihr Auto verließ. „Von einem Nachtrunk war nie die Rede“, so ein Polizist. Diese Variante tischt sie nun vor Gericht auf. Das gibt sich viel Mühe, die Sache aufzuklären. Zwei Gutachter werden eingeschaltet. Ein Rechtsmediziner soll herausfinden, ob ein Nachtrunk in solcher Höhe überhaupt möglich war. Ein anderer Gutachter hingegen soll beurteilen, ob sie den Anstoß an das andere Auto bemerken konnte. Die Nachbarin hat aus rund 20 Metern Entfernung von ihrem Balkon aus jedenfalls deutlich ein schabendes Geräusch wahrgenommen. Als die Frau aus dem Auto ausstieg, sei sie „ganz normal gelaufen“. Also war sie zu diesem Zeitpunkt doch nicht betrunken?

Ein Rechtsmediziner hat nun geprüft, ob die Sache mit dem angegebenen Nachtrunk stimmen kann. Er kommt zu einem eindeutigen Ergebnis. Die angegebene Menge an Wodka kann die Frau in der Zeit von 16 bis 18 Uhr gar nicht getrunken haben. Dann hätte sie rein rechnerisch einen Blutalkoholwert von 4,31 Promille haben müssen. Rechnet man den Alkoholabbau ab, bleiben immer noch 3,65 Promille. Tatsächlich wurden aber „nur“ 2,73 Promille ermittelt. Einen Nachtrunk kann er nicht ausschließen, aber der kann auf keinen Fall in dieser Menge gewesen sein.

Viel wichtiger ist freilich ein anderes Ergebnis. Im Blut fanden sich Begleitstoffe. Die kommen in verschiedenen alkoholischen Getränken vor, nicht jedoch in reinem Wodka. Die Angeklagte muss also noch andere Getränke zu sich genommen haben.

Anstoß nicht zu bemerken

Entlastend für sie dagegen das technische Gutachten. Der Sachverständige kommt zu dem Schluss, dass sie den Anstoß nicht wahrnehmen konnte, weil weicher Kunststoff auf Kunststoff traf. Von außen sei das vielleicht wegen der Schallwellen zu hören gewesen, nicht jedoch im Innenraum, der gut gedämmt ist. Außerdem lief der Motor und das Radio war angeschaltet, so der Gutachter.

Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass die Frau betrunken gefahren ist und einen Unfall verursacht hat. Die ehemalige Busfahrerin wird wegen fahrlässiger Gefährdung des Straßenverkehrs zu einer Geldstrafe von 500 Euro verurteilt. Außerdem wird ihr die Fahrerlaubnis entzogen, der Führerschein eingezogen. Der ist schon seit dem Unfall vor fünf Monaten weg. Frühestens in einem Jahr darf ihr wieder eine Fahrerlaubnis erteilt werden. Das Gericht folgt damit dem Antrag des Staatsanwaltes. Vom Vorwurf der Unfallflucht wird die Frau hingegen freigesprochen. Das hat auch zur Folge, dass sie die Kosten für das technische Gutachten nicht bezahlen muss. Das rechtsmedizinische Gutachten jedoch wird ihr in Rechnung gestellt, falls das Urteil rechtskräftig wird. Und das wird richtig teuer.

Bis zum Schluss hatte die Frau ihre Unschuld beteuert. „Bei mir gibt es nur trinken oder fahren. Ich habe erst getrunken, nachdem ich mein Auto umgeparkt hatte“, sagt sie. Ihr Verteidiger hatte Freispruch für seine Mandantin gefordert.