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Eine Frau klettert den Männern davon

Lynn Hill wagte viel, sie riskierte aber nicht Kopf und Kragen. Jetzt tritt die Legende in Dresden auf.

Von Jochen Mayer

Männer mussten sich abgewöhnen, herablassend von oben auf Sportlerinnen zu schauen. Von wegen schwaches Geschlecht. Frauen übernahmen eine Männer-Bastion nach der anderen und sind jetzt auch Boxer-, Gewichtheber-, Skispringer-, Bobfahr-, Fußballerinnen. Und doch können sie meist nicht ganz mithalten mit ihren testosterongesteuerten Kollegen. Die Biologie setzt natürliche Grenzen. Aber es gibt Ausnahmen.

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„Frauen sind sehr gut im Klettern“, schwärmt zum Beispiel Chris Bonington. Der 79-Jährige kann das beurteilen. Er unternahm 19 Expeditionen ins Himalaja, davon vier zum Mount Everest. Der Brite wurde 1996 zum Ritter geschlagen und sagt ritterlich, dass das Klettern „vielleicht die Sportart ist, bei der Männer und Frauen am ehesten gleichauf sind“. Und Bonington begründet sein Urteil: „Frauen haben eine große Fähigkeit zur Balance und Flexibilität. Sie können sich aber auch optimal an Kälte und die Höhe anpassen. Und auch mental sind sie stärker.“

Die US-Amerikanerin Lynn Hill stützt einige der Bonington-Urteile über Kletterfrauen. Im Yosemite-Nationalpark wagte sie sich an der Granitwand El Capitan in die Route „Nose“ (Nase). Als erster Mensch überhaupt klettert sie diese Senkrechte 1993 frei, ohne künstliche Hilfsmittel. Im Kletterparadies war Hill heimisch, praktisch dort groß geworden. Die Zeit in den gigantischen Wänden war für sie genauso wichtig, „wie das, was ich in der Schule lernte. Da sich an jeder Wand eine Kletterlegende verewigt hatte, war Yosemite eine vertikale Bibliothek der Geschichte des Klettersports in Amerika“.

Lynn Hill wusste: „Je mehr man klettert, desto besser klettert man.“ Sie war konsequent, lebte nach dieser Maxime und nahm Entbehrungen auf sich. „Anfang der 80er-Jahre war Klettern für uns eine Vollbeschäftigung“, beschreibt sie ihr Leben in ihrer Biografie*. „Wir arbeiteten fünf Tage die Woche daran, acht Stunden am Tag, und machten zahlreiche Überstunden. Das einzige Problem war, dass unsere Arbeit nicht bezahlt wurde.“ Sie jobbte, sammelte Pfanddosen, teilte mit Gleichgesinnten, lebte spartanisch: „Einmal kam ich einen ganzen Sommer mit 75 Dollar aus.“

Sieben Jahre gehörte Lynn Hill zur Sportkletter-Szene und bestimmte das Niveau. Nach dem letzten großen Wettkampf 1992 lautete die Bilanz: „Ich hatte schöne Erlebnisse in der Arena gehabt, doch jetzt beim Abschied spüre ich kein Bedauern.“ Nervige Rivalitäten zwischen den besten Frauen und unfaire Kampfrichterentscheidungen hatten ihr Gemüt zermürbt.

Lynn Hill kann gut einschätzen, was sie kann und was nicht. Sie wollte immer erfahren, was im Felsen möglich ist, „ohne Kopf und Kragen in der Todeszone zu riskieren. Ich muss mich nicht in Todesgefahr begeben, um im Klettern einen Sinn zu sehen. Ich war nicht dafür gebaut, Kälte zu ertragen und Lasten zu schleppen, die fast so viel wogen wie ich“.

Nächste Woche kommt die 52-jährige Kletterlegende nach Dresden. Ihre Multivisionsshow „Climbing Free“ – Heinz Zak übersetzt dabei live – war zum 10. Bergsichten-Filmfestival schon nach vier Tagen ausverkauft. Festivaldirektor Frank Meutzner organisierte für den 14. November einen Zusatzauftritt in Dresden. Dafür gibt es noch Karten. Der Online-Ticketkauf ist noch bis zum 11. November möglich.

www.bergsichten.de

* Lynn Hill „Climbing Free. In den steilsten Wänden der Welt“, Malik-Verlag, National Geographic, 12,95 Euro