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Eine Frau lässt sich nicht unterkriegen

Arbeit. Karin Weigelt hat einen Ein-Euro-Job und muss sich mit wenig Geld durchs Leben schlagen.

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Von Dieter Hanke

Kurz nach fünf Uhr machte sich gestern Karin Weigelt schon auf dem Nossener Markt zu schaffen: Papierkörbe entleeren, Unrat einsammeln, Blumen pflegen. „Zweimal in der Woche erledigen wir das, immer nach den Markttagen“, sagt die 54-Jährige. Seit Februar ist sie bei den zehn Ein-Euro-Jobbern auf dem Bauhof der Muldestadt.

Bis Juli geht ihr Job. „Vielleicht wird verlängert. Das würde mich sehr freuen“, sagt sie. Ihr Chef, Vorarbeiter Ralf Schlechte, möchte sie jedenfalls gern behalten. „Sie ist mit Eifer dabei, freundlich, arbeitet selbstständig“, sagt der 50-Jährige.

Viele Absagen erhalten

Zu gönnen wäre das Karin Weigelt. Denn nach der Wende hatte sie kein Glück, wieder beruflich Fuß zu fassen. Die gelernte Textilfacharbeiterin flog 1990 auf die Straße: Schuh-Tex in Nossen schloss die Pforten. Auf ihre vielen Bewerbungen in den vergangenen Jahren gab es nur Absagen. Ein Betrieb nach dem anderen machte in der Muldestadt zu. Ein Jahr war sie als Verkäuferin in einem privaten Zeitungskiosk tätig, hatte auch mal eine ABM-Stelle bei der Stadt. Ansonsten schlug sie sich mit Nebenjobs durchs Leben. Dazwischen gab es mal übers Arbeitsamt Lehrgänge. „Mit einer Festanstellung hat es bisher nicht geklappt“, sagt sie traurig. Jetzt ist sie bei Hartz IV gelandet. „Doch unterkriegen lasse ich mich nicht. Ich schaue vorwärts, versuche das Beste draus zu machen.“

1973 wurde Karin Weigelt geschieden, sie zog ihren Sohn allein groß. „Ich musste mich schon immer im Leben behaupten“, sagt sie. Seit 1967 engagiert sie sich in der Nossener Feuerwehr, gehört der Wehrleitung an und ist Schriftführerin. Die gleiche Funktion hat sie auch im Vorstand der Kleingarten-sparte „Am Rodigt“. Ihre 200 Quadratmeter große Scholle liebt sie sehr, vor allem ihre Gladiolen und den kleinen Teich mit Goldfischen, Moderlieschen und Fröschen. „Die Natur bereitet viel Freude“, sagt sie. Auch ihre zwei Enkel machen sie fröhlich. Sie freut sich ebenfalls über das nach der Wende in Nossen Geschaffene. „Die Stadt ist wunderschön geworden“, sagt sie.

„Frustriert bin ich, dass es in unserer Region so eine hohe Arbeitslosigkeit gibt. Ich hänge an meiner Heimat, möchte nicht wegziehen“, sagt sie. 331 Euro plus die Miete erhält Karin Weigelt im Monat, hinzu kommen durchschnittlich 30 Euro in der Woche für den Ein-Euro-Job und ein kleines Entgelt für die stundenweise Aushilfe in einem Freiberger Zeitungsladen.

Urlaub ist nicht drin

„An die 100 Euro bleiben mir da zum Leben im Monat“, sagt sie. Urlaub ist seit Jahren nicht drin. Sie kauft in Billigmärkten ein, macht ihre Frisur selbst. Sie hofft, dass ihr altes Auto noch durchhält und dass die Benzinpreise nicht weiter steigen. „Ständig muss ich rechnen“, sagt die 54-Jährige. In Sorge ist die, dass sie aus ihrer kleinen schmucken Neubauwohnung auf der Waldheimer Straße ausziehen muss, wenn das Landratsamt nicht den Menschen, sondern nur gesetzliche Vorgaben sieht. „Das wäre ein großes Unglück für mich“, sagt die Nossenerin.

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