SZ +
Merken

Eine ganz stille Familie

Fabian ist zwölf Jahre alt und wächst als hörendes Kind bei gehörlosen Eltern auf. Ihm fällt kein Grund ein, warum man ihn bemitleiden sollte.

Teilen
Folgen

Von Ute Meckbach

So ein Film macht eine Heidenarbeit, besonders, wenn der Hauptdarsteller gerade mal fünf Zentimeter groß ist und man alles alleine machen muss. Aber für Fabian gibt es nichts, was er an diesem Sonnabendvormittag lieber täte. Er sitzt an seinem Schreibtisch und ist Drehbuchautor, Regisseur und Kameramann in einem. Der Held seines Films trägt Helm und Schwert – es ist eine Legofigur. Fabian bewegt das Männchen Schritt für Schritt, lässt es laufen, das Schwert aus der Scheide ziehen, sich umdrehen. Er macht Fotos von den einzelnen Sequenzen, spielt sie in den Computer und hängt dann Bild für Bild, 15 Stück pro Sekunde, aneinander. So entsteht ein Film, eine kleine Geschichte.

Wenn seine Eltern mit Fabian sprechen, machen sie das ein bisschen so wie seine Filmfiguren. Sie bewegen Arme und Hände und formen auf diese Weise Wörter, Sätze, Geschichten. Stimmt’s? Fabian schaut auf, der Blick halb genervt, halb unsicher. „Ja, ich unterhalte mich mit ihnen in Gebärdensprache.“ Und: „Nein, meine Eltern können wirklich nichts hören.“ Es sind immer die gleichen Fragen, die er gefragt wird. Über seine Trickfilme spricht Fabian viel lieber. Auch über das Basketballtraining, den Konfirmandenunterricht, oder warum er Paläontologe werden will. Fabian ist zwölf, geht in die 7d des Dresdner Gymnasiums Dreikönigschule und wohnt mit seinen Eltern im Einfamilienhaus in Weixdorf. Seine Mutter, Carola, bereitet in der Küche für das Mittagessen Quarkkeulchen vor. Vater Johannes fliest mit einem Freund das Bad, und Fabian werkelt vor sich hin. Eine ganz normale Familie.

Es klingelt an der Haustür und blitzt dabei an mehreren Lichtanlagen im Haus. Mit Umarmungen begrüßen die Eltern eine Freundin aus der Gehörlosengemeinde. Sie ist Gebärdendolmetscherin. Man duzt sich und setzt sich ins Wohnzimmer an den Esstisch, Mutter und Vater nebeneinander. Sie sind 47 und 53 Jahre alt und sehen aus wie zwei Verliebte, weil sie ununterbrochen Blickkontakt halten.

Beide sind seit frühester Kindheit gehörlos, er von Geburt an, sie durch eine Krankheit. Johannes, schlank, mit ergrautem Bart in einem sich stets bewegenden Gesicht, schaut ab und zu auf seine Digitaluhr, weil der Kumpel und die Fliesen warten. Carola mit lieben braunen Augen, die denen von Fabian ähneln, trägt ein Kruzifix-Goldkettchen und lächelt. Sie sieht aus wie eine Frau, die gern mindestens vier Kinder gehabt hätte. Leider blieb es bei dem einen. „Ich habe mich so auf das Baby gefreut“, berichtet Carola. „Es war mir völlig egal, ob es hören kann oder nicht.“ Carola erzählt nicht nur mit ihren Händen, sie schnalzt mit der Zunge und macht vor den Sprechpausen mit den Zähnen klappernde Geräusche. Die Freundin übersetzt. Nach der Geburt hat der Arzt mit Fabian einen Hörtest gemacht. Als er in die Hände klatschte, zuckte Fabian zusammen. „Natürlich war ich froh darüber und habe gedacht: Dann kann er uns später helfen.“

Sie gaben sehr auf ihn acht, hatten ihn meist mit im Zimmer, trugen ihn viel herum. In der Nacht schlossen sie das Babyfon an die Lichtanlage an, zur Sicherheit, oft wachte Carola aus mütterlicher Unruhe von allein auf. Von Anfang an kommunizierten sie mit ihm in Gebärdensprache und machten dabei, wie es heißt, die Stimme aus. Das laute Sprechen übernahmen die Großeltern, die bis vor drei Jahren mit im Haus wohnten. Fabian wuchs also zweisprachig auf. Sein erstes Wort war: Auto, in Gebärdensprache. Er legte die Hände an ein imaginäres Lenkrad und lenkte einmal kurz nach links und rechts. Es dauerte, bis er begriff, dass seine Eltern nichts hören. Bei einem Frühstück, Fabian saß noch im Kinderstühlchen, blickte er ängstlich um sich, was die Eltern irritierte. Sie suchten und fanden die Ursache für Fabians Unruhe: Die elektrische Brotschneidemaschine war noch angestellt und sirrte vor sich hin. Johannes schaltete sie aus und Fabians Gesicht entspannte sich.

Die Großmutter begleitete die Eltern mit Fabian zu den Ärzten, übte mit ihm Lesen, spielte ihm Schallplatten und auf dem Klavier vor. Alle sagen, dass er ein schlauer, interessierter und technisch versierter Junge sei. Die Geschichtslehrerin erzählt, dass er sehr belesen ist und oft Informationen mitbringt, die er nicht aus dem Unterricht hat. Die Mitschülerin erinnert sich an Fabians urkomische Buchvorstellung, die er mit den technischen Daten, also dem Gewicht und den Längenmaßen des Buches begann. Gute Noten hat er in allen Fächern. In den Fremdsprachen ist er einer der Besten. Als Johannes beim Elternabend davon erfuhr, meinte er trocken: „Von mir hat er’s nicht.“ Er kann ihm nur in Mathe und Naturwissenschaften helfen. Den Rest erledigt Fabian allein mit Internet und Büchern.

Johannes arbeitet als Feinmechaniker bei einer Leuchtreklame-Firma und Carola in einer Hostienbäckerei. Bücher sind nicht ihr Ding. Sie haben wie die meisten Gehörlosen Schwierigkeiten mit der Schriftsprache, wo Satzbau, Wortschatz und Grammatik komplizierter sind als in der Gebärdensprache. Manchmal bitten sie Fabian, ihnen bei einer Formulierung zu helfen oder ein Telefonat für sie zu führen. Ansonsten halten sie sich an den Vorsatz, ihren Sohn aus ihren Angelegenheiten rauszuhalten.Was aber passiert, wenn Fabian mal wütend ist, wenn anderswo laut rumgemotzt und mit Türen geknallt wird? Der Vater sieht so aus, als hätte er die Frage nicht verstanden: „Fabian macht so was nicht. Er hat viele Freunde und nie Langeweile. Es geht ihm gut bei uns.“ Als Johannes ihm bedeutet, dass es Zeit wird, die Kaninchen zu füttern, steht Fabian auf und erledigt das ohne Kommentar. Er sagt, er mag es, wenn es nicht so laut ist. Das schlimmste Schimpfwort, das ihm in Gebärdensprache einfällt, ist Piepvogel.

„Früher, als ich noch klein war“, erzählt der Zwölfjährige, „da habe ich mich manchmal geschämt, weil die Leute oft komisch gucken.“ Wenn er beim Reden mit seinen Eltern beobachtet wird, ist ihm das heute noch peinlich, deshalb gebärdet er draußen nur ganz klein. Seine Eltern wissen das und versuchen, ihn öffentlichen Dolmetscherauftritten zu verschonen. Was sie nicht wissen: Fabian hatte Angst, selbst einmal gehörlos zu werden. „Ich hatte aber keine Angst vor dem Nicht-Hören-können“, erinnert er sich, „sondern weil ich dann in eine Gehörlosenschule gemusst hätte und den Kontakt zu meinen Freunden hätte abbrechen müssen.“ Die Angst, die eine der beiden Welten, zwischen denen er hin- und herwechselt, verlassen zu müssen, behielt er für sich: „Ich mache solche Sachen mit mir selbst ab.“

Seiner Lehrerin ist ein ganz besonderer, verschlossener Gesichtsausdruck bei Fabian aufgefallen. Sie kann sich nicht erinnern, dass sie ihn einmal ausgelassen hat lachen sehen. „Er wirkt reifer und erwachsener als Gleichaltrige“, sagt sie. Wie könnte es auch anders sein? Er ist als Kind seinen Eltern überlegen, ist immer der Sohn, der etwas kann, was sie nicht können: Mit dem Klempner telefonieren. Im Urlaub Englisch reden. Den Tagesschau-Sprecher verstehen. Wie oft musste er von Außenstehenden hören: „Deine Eltern sind gehörlos? Du Armer! Da musst du für sie mithören und gut auf sie aufpassen!“ So was macht erwachsen.

Aber Fabian fällt kaum etwas ein, was er nur allein tun könnte. Sogar Fahrradtouren sind möglich, seit sie das Tandem haben, da sitzt seine Mutter hinten. „Ich würde meine Eltern schon als behindert bezeichnen“, sagt Fabian. „Aber Blindsein wäre viel schlimmer.“ Ihm fällt kein Grund ein, warum er auf Kinder mit hörenden Eltern neidisch sein sollte: „Ich kann mich mit meinen Eltern durch Glasscheiben unterhalten, das können die nicht. “ Und Musik? Er könnte sie aufdrehen, bis die Wände wackeln. Macht Fabian aber nicht. Er sagt: „Musik ist nicht so mein Ding.“