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Eine große alte Dame unserer Stadt ist tot

Elisabeth Antkowiak ist am Dienstag gestorben. Die 82-Jährige war früher Chefredakteurin der Zeitung „Tag des Herrn“.

Von Peter Stosiek

Elisabeth Antkowiak ist am Dienstag gestorben. Eine große alte Dame unserer Stadt ist tot. Es war schon lange still geworden um sie, die 82-Jährige, und es wird Zeit, noch einmal an sie zu erinnern.

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Am 11.Oktober 1927 wird sie in Beuthen in eine urkatholische, oberschlesische Familie hineingeboren, und damit sind zwei nahezu axiomatische Stützpfeiler ihres späteren Lebens benannt, die bei aller Schulung des kritischen Intellekts nicht mehr wirklich infrage gestellt werden, die Familie und die Kirche.

Kindheit und Jugend sind von Krieg und Vertreibung gekennzeichnet. Nach dem Abitur beginnt sie das Studium der Germanistik, Anglistik und Publizistik in Leipzig, das damals für Leute wie Hans Mayer und Ernst Bloch offen und attraktiv ist.

Lektorin beim St- Benno-Verlag

Mit deren Vertreibung wäre der Endpunkt des akademischen Holzweges für einen gläubigen Katholiken in der DDR markiert gewesen. Was Elisabeth Antkowiak aber jetzt tut, ist der Beginn eines beispiellosen Balance-Aktes am Rande der sozialistischen Literaturkante, ein ideologisches Katze-und Maus-Spiel besonderer Art.

Sie wird Lektorin und später Mit-Herausgeberin des St.Benno-Verlages in Leipzig, somit eines nur den bischöflichen Hirtenstäben unterstellten, staatlicherseits stets schief beäugten „innerkirchlichen“ Raumes. In diesem ist auf wunderbare Weise die verbotene Kost des „Klassenfeindes“ immer vorhanden.

Sie muss nur in kleine Häppchen zerlegt, unkenntlich gemacht, neu gemischt und fromm angemalt werden, und schon entsteht ein neues Elaborat, eine „Mogelpackung“ oft, deren Imprimatur teils mit Augenzwinkern, teils mit ängstlicher Spannung erwartet wird.

Mit über 60 solcher Benno-Bücher erweitert Elisabeth Antkowiak den DDR-Markt moderner Autoren entscheidend. Eine besondere Meisterleistung sind dabei ihre Vorworte, hoch informative und kluge Einführungen in die Gedankenwelt sonst unbekannter Schriftsteller. Bald wird sie bekannt, hält literarische Vorträge im ganzen Land, regelmässige Ferien-Workshops in kirchlichen Einrichtungen, über Jahrzehnte Literaturvorlesungen an der Theologischen Hochschule Erfurt und wird zur Vergabe von ausländischen Literaturausscheiden in die Jury berufen.

Noch als Hochbetagte reist sie zu Vorträgen im Lande herum, lernt Polnisch in der Volkshochschule. Diese wundervolle, kleine Frau ist eine Instanz. Sie hat über viele intellektuelle Kaskaden Anteil am intellektuellen Niveau der gesamten DDR-Bevölkerung.

Zum Schluss, besonders nach dem Tode ihres geliebten Roland, wurde sie immer kleiner, dünner und weisshaariger. Trotz aller Bescheidenheit wusste sie aber immer, was sie wert ist. Als die Wende kam, haben manche frommen Christen geklagt, dass man sie um einen Chefposten gebracht hat. „Mich haben sie um einen Lehrstuhl gebracht“, hat Elisabeth Antkowiak da gesagt.