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Eine halbe Million Euro für Hartz-IV-Wohnungen

Seit 20 Jahren verfällt ein Haus an der Talstraße. Das ändert sich jetzt – weil ein Investor etwas Bleibendes hinterlassen möchte.

© hübschmann

Von Christoph Scharf

Von den Schlammfluten auf der Talstraße wurde das Eckhaus an der Ilschnerstraße zwar nur verhältnismäßig leicht erwischt. Aber besonders schön sah es schon vorher nicht aus. Kein Wunder nach zwei Jahrzehnten Leerstand. Seit Jahren regnete es rein, nicht nur das Dach war stellenweise eingebrochen, sondern auch mehrere Zwischendecken. Dass sich lange kein Investor an das Mehrfamilienhaus nahe des Triebischtal-Kaufland wagte, hat seinen Grund. „Es gehörte einer Erbengemeinschaft von mehr als 40 Leuten“, sagt Volker Herbold. Der Meißner Makler hat sich um den Verkauf der Immobilie gekümmert und betreut jetzt die Sanierung des Gebäudes. Schon das Zusammenbekommen der nötigen Unterschriften war eine Odyssee. „Einer der Erben war als Soldat in Afghanistan eingesetzt. Finden Sie dort mal einen Notar ...“, sagt der 64-Jährige.

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Doch auch die eigentliche Sanierung bietet genug Schwierigkeiten. Schon von den Wohnungen im ersten Stock aus lässt sich ein Blick auf den Meißner Himmel erhaschen, weil die Decken dazwischen eingestürzt sind. „Ich hätt’s nicht gekauft“, sagt ein Handwerker, der verschimmelte Holzbalken nach draußen bugsiert. „Wir konnten einen Balken mit zwei Fingern hochheben, so morsch war der.“ Makler Volker Herbold hat trotzdem keine Sorge, dass der neue Eigentümer mit dem Haus überfordert wird. „Der war sein Leben lang auf dem Bau tätig. Dem macht keiner was vor“, sagt er über den Nürnberger, der dort insgesamt elf Wohnungen ausbauen lässt. Der einstige Polier, der bald 80 wird, will im Triebischtal ein besonderes soziales Projekt verwirklichen: elf Wohnungen für Familien mit Kindern, die von Hartz-IV leben müssen. „Dementsprechend sind die Wohnungen von der Größe und vom Mietpreis her zugeschnitten“, sagt der Makler.

Die kleinsten Einheiten werden 80 Quadratmeter haben, die größten um die 100. Bei einem Kaltmietpreis etwas über vier Euro pro Quadratmeter ist die Nachfrage groß: Acht der elf Wohnungen sind längst weg. „Die Klientel hat es ja auch nicht überall leicht, eine Wohnung zu finden“, sagt Volker Herbold. Den Standort an der Ilschnerstraße hält er für doppelt passend: Einerseits sei das Triebischtal – trotz der jüngsten Schlammlawine – mit den kurzen Wegen, Ärzten und Einkaufsmöglichkeiten zum Wohnen gut geeignet. Andererseits passe auch der Hintergrund des Straßennamens, über den ein kleines Schild an der Fassade Auskunft gibt. Paulus Ilschner war ein aus Meißen stammender Pfarrer, der bei seinem Tod 1664 sein Vermögen für wohltätige Zwecke stiftete – unter anderem für den Unterhalt der Stadtschule und arme Studenten. „Auch der neue Hauseigentümer hat sein Vermögen jetzt in eine Stiftung gesteckt, von deren Erträgen Kindergärten und ähnliche Einrichtungen profitieren“, sagt der Makler.

Ohne den sozialen Hintergrund würde ein fast 80-Jähriger wohl auch kaum mehr als eine halbe Million Euro in die Sanierung eines Hauses stecken, das für Hartz-IV-Familien vorgesehen ist. „Fördermittel fließen für das Projekt nicht!“ Für den Betrag wird vom Keller bis zum Dach alles neu gemacht. Neue Heizung, neue Bäder, neue Elektrik. Die neuen Fenster sind längst montiert, die alten Kachelöfen werden aber so weit wie möglich erhalten. „Vielleicht lassen sie sich später sogar befeuern.“ Die Fassade soll sich vom bekannten Grau in freundliches Grün verwandeln. „Das ist doch auch toll für das Stadtbild“, sagt der Makler. Solche Nachrichten kann der Stadtteil jetzt besonders brauchen.