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Eine Hand wäscht die andere

Videos machen verrückt, Lehrer haben Spaß und Sachsen warten auf ihre Rückkehr. Teil 9 der Corona-Kolumne von Peter Ufer.

© Robert Günther/dpa/SZ

Morgens reinige ich mein Handy innerlich. Das Smartphone quillt über von Videos, die mir zugeschickt wurden. Wenn ich das alles hören würde, bekäme ich einen Knall: ein Virus, hundert Meinungen. In einem Film beginnt ein Mediziner damit, sich für seine Fehler des vergangenen Videos zu entschuldigen, dann gibt er zu, dass er unter einer Lese-Rechtschreibschwäche leide, und erklärt, es würde nur Perspektiven und keine Wahrheit geben. Als ich mir die Quelle anschaue, muss ich schmunzeln, es handelt sich um eine Schwindelambulanz.

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Am 01. Juli starten die Filmnächte in die Jubiläumsaktion, mit einem feierlichen Geburtstagsprogramm.

Einen Post – auch ich kann es nicht lassen – leite ich vor dem Löschen an einige Freunde weiter: „Ich hab mal eine Frage in die Runde: Weiß jemand, ob wir uns schon duschen können oder waschen wir uns weiterhin nur die Hände?“ Eine Hand wäscht die andere, dieser Spruch bekommt in dieser Zeit eine völlig neue Bedeutung. Übrigens hatte ich dem Jungen von nebenan ein Hörbuch geliehen: „Eine Woche voller Samstage“ von Paul Maar. Die Mutter meint, dass ihr Sohn die Geschichte in Dauerschleife höre, jetzt aber den ganzen Tag wie das Sams spreche, das nerve. Sie habe sich gewünscht, er möge damit aufhören, aber irgendetwas mache sie beim Wünschen wohl falsch, denn er würde nicht reagieren.

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Der Dachdeckermeister aus meinem Männerclub hat es vergangene Woche endlich geschafft, im Wohngebiet den Schrank zum Ausleihen der Bücher unweit der Apotheke aufzustellen. Danke! Aber dann kommt ein Schreiben vom Rathaus, dass die Verwaltung uns zwar weiterhin unterstütze, es allerdings zurzeit besser sei, keine Bücher in den Schrank zu stellen, denn beim Entnehmen könne sich das Virus verbreiten. Freiheit soll ja bekanntlich die Einsicht in die Notwendigkeit sein, also sehen wir Männer mal was ein. Wie schrieb schon Friedrich Engels in „Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft“: „Hegel war der erste, der das Verhältnis von Freiheit und Notwendigkeit richtig darstellte.

Für ihn ist die Freiheit die Einsicht in die Notwendigkeit. ‚Blind ist die Notwendigkeit nur, insofern dieselbe nicht begriffen wird.‘ Nicht in der geträumten Unabhängigkeit von den Naturgesetzen liegt die Freiheit, sondern in der Erkenntnis dieser Gesetze, und in der damit gegebenen Möglichkeit, sie planmäßig zu bestimmten Zwecken wirken zu lassen.“

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Ich spreche mittags lange mit benachbarten Freunden. Ihre Tochter sitze seit Wochen im Senegal fest. Die Botschaft dort habe ihr mitgeteilt, dass es zurzeit keine Rückholaktion der Bundesregierung gebe, sie solle sich selber kümmern, wenn sie in die Heimat wolle. Die Eltern sind besorgt, fühlen sich vom Auswärtigen Amt allein gelassen, weil es Versprechen nicht einlöse. Leser André Lang teilt mir in einer Mail mit, dass sein Enkel und dessen Freundin aus Kolumbien zurück seien, allerdings nicht mit der offiziellen Rückholaktion. Seine Bekannte Rita, die er von der gemeinsamen politischen Arbeit bei „Herz statt Hetze“ kenne, habe ihm geholfen, einen Flug mit KLM zu organisieren.

Er schreibt: „Nun ging alles sehr schnell, sie landeten am 25. März in Amsterdam, dort stand der Vater der Freundin mit dem Auto und brachte die beiden wohlbehalten nach Dresden zurück. Für uns zählt Rita Kuhnert zu den vielen Helden des Alltags!“.

Ich weiß von anderen Bekannten, dass auch in Argentinien noch mehr als tausend Deutsche warten würden, allerdings funktioniere dort die Rückholaktion, nur innerhalb des Landes sei es wegen der Ausgangsperre schwierig, zum Flughafen nach Buenos Aires zu kommen.

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Das Lehrerkollektiv meiner Frau bekommt eine Sammelmail. In der Betreffzeile steht: „Keine LernSextreffen in der Schule“. Es soll ein Hinweis sein, dass sich die Lehrerinnen und Lehrer zum Thema LernSax nicht persönlich im Schulgebäude treffen müssen. Allgemeine Heiterkeit im Kollegenchat. Der Absender entschuldigt sich schnell bei allen für seine Freudsche Fehlleistung, die gar keine gewesen sei, denn das Rechtschreibprogramm trage die Schuld, es kenne offenbar Sex besser als Sachsen.

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Thomas Brussig fragt an, ob ich mit ihm online in Echtzeit Schach spielen möchte. Der Schriftsteller sei zurzeit mit seiner Familie in Quarantäne in der mecklenburgischen Einöde. Er schreibt: „Mit meinem neuen Buch komme ich leider coronamäßig ziemlich unter die Räder, keine Buchmesse, alle Lesungen und Veranstaltungen abgesagt, alles nicht mehr komisch. Aber so geht’s ja vielen. Und lieber ein Virus als Krieg.“

Ich meine, Corona würde uns gerade alle mattsetzen, aber wenn er Lust am Gewinnen habe, könne er gern mit mir in den Wettstreit treten. Ich bin nämlich leider ein lausiger Schachspieler.

Wenn Sie Ihre Erlebnisse aus Ihren „Tagen mit Corona“ erzählen wollen, dann schreiben Sie an [email protected]

"Die Tage mit Corona" - die Kolumne von Peter Ufer:

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