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Eine hitzige Erfindung

Vor mehr als 150 Jahren führte ein Dresdner Lehrer eine Regel ein, die noch heute gilt. Ist’s zu warm, gibt’s Hitzefrei.

Von Linda Barthel

Jeder hat es in seiner Schulzeit mindestens einmal gehört. Jeder hat sich an heißen Sommertagen danach gesehnt. Jeder hat darauf gehofft, sobald das Thermometer über 30 Grad Celsius zeigte. Denn es bedeutete baden statt pauken. Hitzefrei. Eines der Lieblingswörter aller Schüler – und sicher auch einiger Lehrer. Was nicht jeder weiß: Der Erfinder war ein Dresdner.

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Karl Wilhelm Clauß legte eine Temperatur fest, bei der nicht mehr gelernt werden kann. Heute, über 150 Jahre später, liegt er auf dem Inneren Matthäusfriedhof in der Friedrichstadt begraben. An einem schattigen Plätzchen unter großkronigen Bäumen.

Es war vermutlich 1862, als Clauß das Wort ins Leben rief, das nach wie vor für Freudenausbrüche sorgt. Im gleichen Jahr hatte der studierte Pädagoge die Dresdner Gewerbeschule mit Sitz auf der Großen Brüdergasse im Herzen der Altstadt übernommen. Dort lehrte er Algebra, Geometrie und Physik. „Clauß hat festgestellt und anschließend festgelegt, dass man bei 31 Grad Celsius mittags um 12 nicht mehr lernen kann“, sagt der Dresdner Hobbyhistoriker Christoph Pötzsch.

Hitzefrei wurde somit allem Anschein nach an der Dresdner Gewerbeschule eingeführt. „Darüber gibt es aber keine schriftlichen Nachrichten, deshalb sind Zeit und Ort der Erfindung nicht komplett abgesichert“, sagt Pötzsch. „Nach mündlichen Überlieferungen hat Clauß die Regel aber kurz nach Arbeitsantritt eingeführt.“ Vermutlich gab es anfangs nur an der Gewerbeschule Hitzefrei. Doch die neue Erkenntnis sprach sich schnell in der Stadt herum und wurde von anderen Bildungseinrichtungen übernommen.

Vor allem die Friedrichstädter wissen, dass der Begriff vom im Stadtteil begrabenen Clauß stammt. „Er ist hier nahezu eine Ikone“, sagt Pötzsch. Das habe er erst kürzlich wieder bei einer Geschichtsführung durch die Friedrichstadt gemerkt. „Ich dachte, ich kann mehr Leute mit der Information überraschen, aber viele wussten das schon“, so der Dresdner.

Er selbst kennt die Geschichte von seinem Vater. „Schon als Kind wusste ich, dass die Hitzefrei-Regel von Clauß stammt“, sagt der Hobbyhistoriker. Doch noch heute recherchiert er zu dessen Leben. Einige Informationen hat sich der Dresdner auch bei seinen Führungen mit den Friedrichstädtern eingeholt. „Ich weiß, dass Clauß einst auf der Marienstraße gelebt hat und dass sein letzter Wohnsitz auf der Maxstraße war“, so Pötzsch. Aus einem Zeitungsartikel geht außerdem hervor, dass der Lehrer 1829 als siebentes Kind eines Tischlermeisters und Weinbergbesitzers und seiner Frau in Loschwitz geboren wurde.

Sein Grab auf dem Inneren Matthäusfriedhof an der Friedrichstraße ist noch heute gut erhalten. Aus dem Gedenkstein geht allerdings nicht hervor, dass der Pädagoge die Hitzefrei-Regel einführte. „Das ist ein wenig schade“, sagt Pötzsch.

Nach seinem Tod am 4. November 1894 wurde als Dank für Clauß Verdienste für die sächsische Bildungspolitik eine Stiftung gegründet, die seinen Namen trägt. Das gesammelte Geld ging an arme Kinder, die dank der finanziellen Hilfe ihr Schulgeld bezahlen konnten. „Die Nachkommen von Clauß haben seine gesamte Hinterlassenschaft an das Dresdner Stadtmuseum gegeben“, sagt Pötzsch. „Ich will mich durch die Aktenberge fressen, um noch weitere interessante Informationen zu finden.“ Die Zeit, alle Kisten gründlich zu durchsuchen, habe er jedoch wahrscheinlich erst als Rentner.