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Eine Kindheit im elendsten Kaff der Welt

Der Leipziger Verleger Andreas Heidtmann wechselt die Seite und schreibt einen Roman über die Siebziger.

© Schilling/dpa (Archiv)

Von Michael Hametner

Wie erstaunlich und erfreulich, vom Verleger eines der wichtigsten konzernunabhängigen Verlage der Region einen Roman zur Lektüre zu bekommen. Andreas Heidtmann ist Gründer und Chef des Verlags Poetenladen in Leipzig. Er nennt ihn „Raum für neue Literatur“ und füllt ihn mit sicherem Blick mit junger Lyrik und bietet zugleich den Ort für ein großartiges literarisches Webportal. Heidtmann hat nicht immer nur Bücher für andere gemacht. Er hat auch schon vor der Gründung des Verlags 2007 selbst Prosa verfasst, aber noch nie einen Roman.

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Nun gibt es ihn kurz vorm 60. Geburtstag des Autors unter dem Titel „Wie wir uns lange Zeit nicht küssten, als ABBA berühmt wurde“. Der Titel verspricht eine Geschichte über junge Leute zwischen Kindheit und Erwachsensein. Und er verspricht, dass diese Geschichte in der Hochzeit der ABBAs angesiedelt ist, also spätestens Mitte der 70er-Jahre. Dieses Versprechen löst der Roman ein, natürlich mit gebrochenem Blick, denn sonst lohnt ein Roman nicht. „Es war unser Los, dazusitzen und gemeinsam die reglementierte Idylle zu verachten und uns als Kinder des elendesten Kaffs der Welt zu betrauern“, heißt es im Buch. Das Kaff kann Hünxe am Niederrhein sein, wo Heidtmann geboren wurde. Ob Hünxe als Lippstadt in den Roman gekommen ist oder Lippstadt die Chiffre ist für elende Käffer, die einem die Jugend versauen können, weiß nur der Autor.

Musik treibt das Erzählen an

Ben Schneider heißt der Erzähler, der vierzehneinhalb ist und alles andere als ein ABBA-Fan. Die Band ist ihm viel zu poppig. Er schwärmt für Susanna, das Mädchen, mit dem er geht. Wie es sich für einen guten Roman über junge Leute gehört, spielt die Musik ihrer Zeit kräftig mit. Die meisten Kapitelüberschriften sind Musiktitel: von „Don’t let it be“ über „Wild Thing“ bis „Here Comes the Sun“. Zusammen ist es eine Playlist von Musik, die das Erzählen grundiert, rhythmisiert, vorantreibt.

© dpa/PR

Die Halbstarken, wie man sie wohl damals nannte, sind trotz latenter Unzufriedenheit relativ brav. Abschreiben in der Schule, Rauchen gegen das Verbot der Eltern, Überschreiten der Ausgangszeit. Zentrales Motiv ist der Mief der westdeutschen Kleinstadt – eine ostdeutsche roch vermutlich anders miefig. Was den Erzähler Ben so deprimiert, sind „die geharkten Bürgersteige, die sauber geschnittenen Hecken, die schummrigen Partykeller, der Stumpfsinn der Kneipen, die schlagerbestückten Musicboxen und der rituelle Leerlauf der Feiertage“. Was macht man dagegen? Rauchen, trinken, mit Mädchen rummachen und auf der Bank im Park knutschen oder dumme Sprüche klopfen. Einmal gehen sie über die rote Linie, als sie in den Kiosk von Olschowski einbrechen und vier volle Beutel mit Zigaretten, Bier, Schnaps und einer großen Menge von Bounty-Riegeln rausschleppen. Sie haben sich vorgenommen, ihm irgendwann das Geld hinzulegen, aber das gerät aus dem Blick. Leider hat dieser Einbruch so gar keine Folgen für die Diebe, und man muss als Leser immer hoffen, dass doch noch etwas ganz Großes passiert. Aber auch darin verlässt Andreas Heidtmann die engen Grenzen von Lippstadt alias Hünxe nicht.

Das Einerlei zwischen Partys mit Schaumwein der Marke „Söhnlein brillant“ und Zigaretten, die noch „HB“ und „Ernte 23“ heißen, durchbricht der Tod eines Jungen, der sich sehr um die Aufmerksamkeit des Erzählers bemüht hatte. Er hinterlässt ihm einen langen Brief und sein Sopransaxophon. Am Ende öffnet Lippstadt widerwillig die Tür für Ben, denn der hat die Zulassung zum Konservatorium in Essen erhalten. Er wird weggehen und Klavier studieren.

Mal zart und mal böse

Andreas Heidtmanns Erzählen hat große Stärken in den Dialogen. Sie sind satt vom Lebensgefühl der jungen Leute damals. Das perlt wie „Söhnlein brillant“, ist manchmal zart, manchmal böse. Man muss freilich anmerken, dass Erzählungen über die bleierne Jugendzeit ein mächtig strapaziertes Sujet in der Literatur sind. Mindestens seit Salingers „Fänger im Roggen“ wurde diese jugendliche Rebellion gegen das Leben im Gehäuse probiert. Auch Georg Kleins „Roman einer Kindheit“, vor zehn Jahren mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet, ist literarisch nah verwandt.

Da lädt sich Andreas Heidtmann schon Schweres auf, wenn er diese erkundeten Wege noch einmal benutzt. Mal gelingt es ihm brillant, mal kommen auch nur Sätze heraus, wie „Was für eine schöne Illusion, dies sommerleichte Leben, das in Wahrheit nicht ohne Schatten auskommt“. Hätte jemand geglaubt, dass es diesen Schatten nicht gibt?

Andreas Heidtmann: Wie wir uns lange Zeit nicht küssten, als ABBA berühmt wurde. Steidl Verlag, 340 Seiten, 22 Euro

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