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Eine Kleinstadt zum Gernhaben

Viele Roßweiner leben gern in ihrer Stadt. Sie wollen aber auch, dass das Zentrum wieder attraktiver gestaltet wird.

Von Heike Stumpf und Cathrin Reichelt

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Glücklich ist, wer in Roßwein lebt. Das hat im vergangenen Jahr eine großangelegte Umfrage der Sächsischen Zeitung belegt. Die Roßweiner sind glücklicher als manche Döbelner oder Leisniger. Sie stehen bei ihren Schul- und Heimatfesten zusammen, freuen sich über einen kleinen, aber feinen Weihnachtsmarkt. Die meisten schwärmen von der herrlich grünen Umgebung, in der sie leben, und genießen es, schnell auf den Autobahnen zu sein. Und die Roßweiner sind willens, anzupacken. Sie sind großartig, wenn es darum geht, Jugendliche im Sport anzuleiten oder Dreckecken, die andere hinterlassen, ehrenamtlich zu beräumen.

Die Muldestädter überlegen aber auch, wie sie ihr derzeit grau und trist wirkendes Zentrum beleben können. Jens Tamke zum Beispiel wünscht sich ein Café. Ute Lomtscher findet, dass es der Stadt gut zu Gesicht stünde, wenn einige der alten Gebäude, deren Anblick eher demotiviert, verschwinden könnten. Währenddessen sieht Matthias Jürgens in diesen „alten Buden“ eher einen Anreiz für jene, die Altes lieben und es mit Herzblut ausbauen möchten. Dafür allerdings fehlt den meisten das Geld, wie die Ehrenamtlichen festgestellt haben, die seit Herbst 2013 in der Roßweiner Zukunftswerkstatt mitarbeiten.

Auch in dieser Runde sind viele Ideen auf den Tisch gekommen. Allerdings: Dort liegen die meisten noch. Eingerichtet werden sollte eine Art Immobilienbörse für Gebäude im Zentrum, in die die Alteigentümer selbst nicht mehr investieren möchten. Dass diese von jungen Familien übernommen und ausgebaut werden, ist ein Wunsch, den die Stadtväter hegen. Sie jedoch haben sich bislang nicht dazu durchringen können, diese Familien, die in Roßwein in ein desolates Haus sanieren wollen, finanziell zu unterstützen. Das ist ein Knackpunkt.

Ein anderer dürfte sein, dass sich noch nicht alle von den Erinnerungen an eine Innenstadt verabschiedet haben, in der wie zu DDR-Zeiten ein Geschäft am anderen ist. Doch Läden in so kleinen Städten wie Roßwein werden in Zukunft immer seltener. Das ist den Generationen geschuldet, die überwiegend im Internet einkaufen. Das macht den Einzelhändlern das Überleben schwer bis unmöglich.

Dass es trotzdem möglich ist, das Zentrum zu beleben, zeigen seit der Wende die Mittwochsmärkte. Während diese in anderen Städten im Laufe der Jahre immer mehr geschrumpft sind, breiten sich die Händler jeden Mittwoch über den gesamten Marktplatz aus. Dann bieten auch Spezialitätenhändler aus Roßwein wieder ihre Waren vor Ort an. Ansonsten ziehen sie damit von Stadt zu Stadt. Denn in Roßwein dauerhaft ein Geschäft zu betreiben, rechnet sich für sie nicht mehr. „Mittwochs ist immer noch schön was los bei uns“, bescheinigen Martina und Richard Thiele. Die Heimatfreunde sind jeden Mittwoch im Heimatmuseum anzutreffen. Sie haben den Trubel sozusagen vor der Museumstür. Der Handel auf dem Markt hat schon Tradition. Bereits vor Jahrhunderten haben Fleischer und Bäcker vorm Rathaus ihre Waren feilgeboten.

Christine Sommer ist eine Händlerin der heutigen Zeit. Sie kennt ihre Kunden. Seit 25 Jahren kommt sie jeden Mittwoch auf den Roßweiner Markt und verkauft für die Gärtnerei Beyer aus Kleinweitzschen Obst und Gemüse. „Roßwein ist eine schöne Stadt. Nur schade, dass die Industrie kaputt ist und die jungen Leute wegziehen“, sagt sie. An ihren Marktstand kommen überwiegend ältere Menschen. Die meisten begrüßt sie mit Namen und kennt ihre Vorlieben. Christine Sommer weiß auch, wer für Verwandte oder Bekannte mit einkauft und fragt gezielt danach.

Die Gemüsefrau ist eine Institution auf dem Roßweiner Markt. Da vertrauen ihr die Kunden schon mal ihre vollen Beutel an, damit sie den restlichen Einkauf leichter erledigen können. „Warten Sie! Ich mach das. Sie werden sonst schmutzig“, ruft sie einem Mann zu, und steht Sekunden später neben ihm, um die losen Kartoffeln in seinen Beutel zu füllen. Auch wenn sich vor ihrem Stand eine Schlange bildet, behält sie alles im Blick. „Ich bin gern in Roßwein. Wir verstehen uns alle gut“, sagt sie und meint die Händler auf dem Markt. Auch die, die nur aller 14 Tage kommen.

Christine Sommer stellt aber auch Veränderungen fest. Sie begrüßt immer mehr jüngere Kunden. Das sind nicht nur die Kinder der Frauen und Männer, die schon vor 25 Jahren bei ihr eingekauft haben. Es sind junge Menschen, die auf eine gesunde Ernährung achten und Wert auf frisches Gemüse aus der Region legen. „Das war vor zehn Jahren noch nicht so“, meint sie.

Dass die Waren frisch sind, ist auch der Grund für ein Ehepaar, das seit 2003 in Roßwein wohnt, jede Woche auf dem Markt einzukaufen. Sie finden auch die sonstigen Einkaufsmöglichkeiten in Roßwein in Ordnung. Ein Mann aus der Gemeinde Mochau sieht das anders. „Auf dem Markt ist das Angebot am größten. Sonst ist hier nicht viel da“, meint er. Eine Frau aus Niederstriegis kommt dagegen in die Stadt, wenn sie etwas Besonderes sucht. Auf dem Markt ist sie schon oft fündig geworden. Der Markt ist für viele aber nicht nur ein Ziel zum Einkaufen. „Es ist ein Zeitvertreib“, sagt eine ältere Frau. Zwei andere Damen kommen gezielt. „Wir treffen uns jeden Mittwoch hier und gehen anschließend Kaffee trinken.“ Das ist ein Ritual für die beiden ehemaligen Arbeitskolleginnen. Sie ärgern sich jedoch darüber, dass ausgerechnet am Mittwoch die Sparkasse geschlossen hat. Wer auch dort etwas erledigen möchte, muss das seit einiger Zeit an anderen Tagen und dafür ein zweites Mal nach Roßwein kommen.

Dass die Leute das, was da ist, nutzen, ist ein großer Wunsch der ehrenamtlichen Mitstreiter der Zukunftswerkstatt. Das beginnt bei Cafés und Gaststätten, geht weiter über den Einzelhandel bis hin zu Spielplätzen und Kultur. Da hat Roßwein einiges zu bieten, manches muss besser vermarktet werden. Das hat Bürgermeister Veit Lindner (parteilos) indes eingesehen. Er freut sich über den Glücksbonus, der den Roßweinern bescheinigt worden ist, und ist sich sicher, mit den Bewohnern gemeinsam „seine Vision“ der Stadt Wirklichkeit werden zu lassen. Veit Lindner sieht Roßwein als eine liebenswerte Kleinstadt, in der die Leute gern leben – weil sie kinder- und familienfreundlich ist, man hier Sport treiben und seine Freizeit genießen kann, weil auch etwas für Senioren getan werden kann. Dass er damit nicht allein dasteht, beweist die Unterstützung, die der Rathauschef bekommt. Dass Roßwein auf einem guten Weg ist, belegen außerdem Zuzüge aus der Umgebung und aus den umliegenden Großstädten gleichermaßen. Manchen Alteingesessenen überrascht das nicht: Wer will nicht gern dort wohnen, wo man offenbar ziemlich glücklich ist?

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