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Eine komplizierte Partnerin

Als Bauherrin hat die Stadt derzeit nicht nur Ärger mit ihren Rathaus-Planern.

© steffen füssel, steffen fuessel

Von Sandro Rahrisch

Die Stadt zählt bei Handwerkern und Architekten nicht gerade zu den beliebtesten Auftraggebern. Klar geworden ist das zuletzt vor zwei Wochen, als Finanzbürgermeister Hartmut Vorjohann (CDU) die Planer der Rathaus-Sanierung fristlos entlassen hat. Die Stadt wirft ihnen Geldverschwendung und mangelhafte Bauüberwachung vor, die Architekten beschuldigen die Stadt wiederum, sich immer wieder in ihre Aufgaben eingemischt zu haben. Es ist nicht die einzige Baustelle, auf der sich Planer und Stadt streiten. Das weiß Henri Lossau aus eigener Erfahrung: Acht Monate nach Eröffnung der Waldschlößchenbrücke wartet der Technische Leiter des Projekts immer noch auf Geld. Die Stadt habe sich als äußerst komplizierter Bauherr herausgestellt, sagt er.

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Der Verkehr rollt darüber, abbezahlt ist die Waldschlößchenbrücke aber noch nicht, sagt Henri Lossau, der Technische Leiter des Bauprojekts. Foto: MKL-News (Archiv)
Der Verkehr rollt darüber, abbezahlt ist die Waldschlößchenbrücke aber noch nicht, sagt Henri Lossau, der Technische Leiter des Bauprojekts. Foto: MKL-News (Archiv) © marco klinger/ mkl-news

Der Diplom-Ingenieur, der für den Freistaat schon Brücken über die Autobahnen 4 und 72 gebaut hat, weiß, wie die Stadt mit Nachforderungen umgeht. „Sie nimmt diese Mitteilungen zur Kenntnis, dann werden sie ausgesessen oder einfach abgelehnt“, sagt er. Bei der Waldschlößchenbrücke habe es eine Entwurfsänderung gegeben, die rein optisch zwar kaum sichtbar sei, dafür aber teuer.

Strittig seien auch die Mehrkosten für den Stahl. Rund 7 000 Tonnen sind verbaut worden. „Mehr Material als ursprünglich geplant“, so Lossau. Das sei mit Mehrarbeit verbunden gewesen. Nur Zweidrittel der Kosten erkenne die Stadt an. „Ich denke, dass dieser Streit bei Gericht landen wird.“ Derzeit rechnet die Sächsische Baugesellschaft, für die Lossau arbeitet, noch einmal alle Kosten zusammen. Die Stadt habe dann zwei Monate Zeit, das Geld zu überweisen. Der Ingenieur wisse nicht, ob dem Stadtrat überhaupt klar sei, was da an Forderungen noch auf die Stadt zukomme. Alle Baufirmen zusammen haben noch offene Rechnungen von rund zwölf Millionen Euro. Im November 2012 scheiterte die Stadt beim Oberlandesgericht, einen Teil dieser Zusatzforderungen in Höhe von zwei Millionen Euro abzuwehren. „Ich glaube, dass sich das nicht so einfach klären wird“, vermutet Lossau.

Architekt Werner Bauer, der mit Wolfgang Hänsch an den Plänen für den Kulturpalast und den Altmarkt gearbeitet hat, nennt den Umgang mit den Rathaus-Planern unsäglich unfair. Der Sprecher des Dresdner Bundes Deutscher Architekten hat unter anderem den Neubau des Verwaltungsgebäudes „Kontor am Landtag“ entworfen. Für die Christuskirchgemeinde in Strehlen errichtet er bis 2015 eine neue Kita für 84 Kinder. Bauen für Kommunen werde immer teurer, sagt er. Es gebe zu viele Ämter, die bei Projekten mitreden dürften. Und jedes vertrete eine andere Meinung. Schuld seien aber auch die Wirtschaftslobbys. „Die Politik stellt immer neue Forderungen auf, zum Beispiel an den Brandschutz“, sagt Bauer. „Da kommt man als Planer zum Schluss nicht mehr mit der ursprünglichen Kostenkalkulation hin. Wir geraten dann in Verruf und werden als die Schuldigen hingestellt.“

Wenn der Einbau der alten Leuchten aus der Entstehungszeit des Rathauses für den Finanzbürgermeister ein Thema sei, habe er dafür kein Verständnis. Dresden sei eine Kulturstadt und das Rathaus ein wesentliches Gebäude darin. Dass der Streit jetzt wohl vor Gericht ausgetragen wird, findet Bauer erschreckend. Früher sei nur dann ein Anwalt auf die Baustelle gekommen, wenn es einen Unfall gab. „Inzwischen sind die Juristen schon bei der Auftragsvergabe dabei.“

Derzeit versucht die Stadt, das Verhältnis zur Dresdner Handwerkerschaft geradezubiegen. Für den Bau von zwei Schulen in Pieschen und im Straßenbahnhof Tolkewitz wollte das Rathaus eigentlich einen Generalübernehmer beauftragen. Dieser hätte die Gebäude zum Festpreis errichtet und dafür Subunternehmer beschäftigt. Die Kammern gingen auf die Barrikaden. Sie fürchteten, dass die lokalen Betriebe bei der Auftragsvergabe leer ausgehen oder vom Generalübernehmer zu Dumpinglöhnen beschäftigt werden. – Die Stadt gab nach. Immerhin will sie bis 2017 insgesamt 20 Schulen neu bauen und sanieren, 33 Schulen erweitern und 22 Sporthallen errichten. Eine Mammutaufgabe, die ohne Tischler, Metallbauer und Maurer unlösbar ist. Im Gegenzug forderte die Stadt allerdings, dass sich die Handwerker an den Ausschreibungen beteiligen und sie nicht, wie zuletzt, ignorieren.

„Inzwischen sind die ersten Aufträge vergeben worden“, sagt Kreishandwerksmeister Frank Herrmann. Er selbst sei derzeit mit der 89. Grundschule beschäftigt, die ab Herbst saniert werden soll. „Auch private Arbeitgeber können schwierig sein“, so der Elektroinstallateur. Bei der Stadt sei er sich wenigstens sicher, dass der vereinbarte Preis bezahlt werde. Es komme immer darauf an, wer das Projekt seitens der Stadt leitet. Natürlich spiele sich vieles über die persönliche Ebene ab.

Das sieht übigens auch die Stadt so: Seit dem Herbst sei ein vernünftiges Arbeiten mit den Rathaus-Planern kaum noch möglich gewesen, heißt es in einem vertraulichen Schreiben des Finanzbürgermeisters an die Stadtratsfraktionen. Die Architekten wollen sich hingegen nicht als Kostentreiber hinstellen lassen und haben eine Schadenersatzforderung angekündigt.