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„Eine Kugel ist so gut wie sicher in deinem Kopf“

Drei Kurznachrichten bringen einen Niederauer ins Gefängnis. Vor allem sein kriminelles Vorleben fällt ihm auf die Füße.

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Von Jürgen Müller

Er wollte ein „klärendes Gespräch“, sagt der Angeklagte. Deshalb schickte er einem jungen Mann eine SMS. Der solle am Abend um 20 Uhr am Kik erscheinen. „Entweder du bist am Kik oder eine Kugel ist so gut wie sicher in deinem Kopf“, tippt der Niederauer in sein Handy. Und weil der so Aufgeforderte nicht reagiert, schickt er weitere Nachrichten hinterher. „Du hast dein Leben verloren“, lautet die Nächste. „Noch hast du 54 Minuten. Weinböhla ist abgesperrt, wenn du nicht kommst“, droht er jetzt. Der Mann, der die SMS erhielt, geht zur Polizei. Wegen versuchter Nötigung sitzt der Angeklagte nun vor Gericht.

Er gibt zu, was nicht zu leugnen ist: Ja, die SMS habe er geschrieben. „Ich war aufgebracht, hatte Angst um meine Freundin und unser ungeborenes Kind“, sagt der 29-Jährige dem Richter. Denn der Mann, dem die Kurznachrichten galten, habe zuvor seine schwangere Freundin bedroht, habe sie aufgefordert, die Wohnungstür aufzumachen, sonst trete er sie ein. Die Freundin habe ihn daraufhin aus Angst angerufen.

SMS einen Tag später

Ganz so kann es nicht gewesen sein. Zwar gab es einen Vorfall mit dem späteren Geschädigten, doch das war einen Tag, bevor der Angeklagte die SMS schrieb. Der Geschädigte soll an jenem Tag den Nachbarn der Freundin verprügelt haben. Dieser sei in die Wohnung der Freundin des Angeklagten geflüchtet. „Ich kenne die Freundin des Angeklagten gar nicht, war bei deren Nachbarn“, sagt der Geschädigte. Die Kurznachrichten nimmt er sehr ernst. Immerhin soll der Angeklagte eine Neun-Millimeter-Pistole besitzen. Auch Munition hat er besessen. Das Amtsgericht München hat ihn deswegen zu einer Geldstrafe verurteilt. Es habe sich um „Vogelschutzmunition“ gehandelt, die er für Silvester habe umbauen wollen, sagt der Angeklagte dem Richter. Warum er sie mit nach München nahm und im März für Silvester haben wollte, bleibt unklar wie so vieles an den Aussagen des Mannes.

Der Geschädigte nimmt die Drohungen auch ernst, weil er Fotos erhält, die seinen Campingplatz in Radeburg zeigen. Der Angeklagte will ihm damit wohl sagen, dass er weiß, wo er sich aufhält und dass er ihn findet. „Der wusste auch, wo mein Auto steht“, sagt der Mann. Ein unbescholtenes Blatt ist der freilich auch nicht. Gegen ihn wird wegen Körperverletzung ermittelt.

Doch das ist gar nichts gegen den Angeklagten. Sein Sündenregister zieren zwölf Eintragungen. So wurde er wegen versuchter räuberischer Erpressung schon mal zu elf Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Weil er sich nicht bewährte, musste er die elf Monate doch absitzen. 2010 bekam er dann von Amtsgericht Meißen wegen Vergewaltigung und Körperverletzung ein Jahr und neun Monate ohne Bewährung. Er hatte seine Freundin vergewaltigt, weil sich diese von ihm trennen wollte. Die Strafe fiel relativ milde aus, weil das Gericht damals nicht ausschließen konnte, dass er vermindert schuldfähig war. In der Berufung wandelte das Landgericht Dresden die unbedingte Haftstrafe in Bewährung um. Die läuft noch bis zum Juni 2015. Die neuen Taten beging er also in der Bewährungszeit. Die Strafe wurde wegen einer anderen Tat noch mal „aufgestockt“ auf ein Jahr und zehn Monate.

Die Bewährung laufe gut, sagt der Angeklagte. Er legt dem Gericht einen Arbeitsvertrag vor, nach dem er einen Tag nach der jetzigen Verhandlung wieder eine Arbeit aufnimmt. Und siehe da, am gleichen Tag hat er auch einen Termin bei seinem Psychiater. Die vorherigen Behandlungen hatte er von sich aus abgebrochen.

Nichts mehr mit Bewährung

Doch so toll, wie er selbst meint, läuft die Bewährung gar nicht. Von sechs Terminen bei seinem Bewährungshelfer nahm er nur zwei wahr, viermal fehlte er unentschuldigt. Und gegen sein Alkoholproblem hat er auch nichts unternommen.

Auch deshalb sieht die Staatsanwältin keinen Raum für eine erneute Bewährungsstrafe. „Ich nehme Ihnen Ihre Geschichte nicht ab, glaube nicht, dass Sie aus Sorge um Ihre Freundin und um Ihr ungeborenes Kind gehandelt haben“, sagt sie. Stattdessen habe er den Geschädigten wegen einer anderen Auseinandersetzung bestrafen wollen. „Die Drohung war ernst gemeint“, sagt sie. Er sei mehrfacher Bewährungsbrecher, habe keine Lehren gezogen, könne sein Leben nicht realistisch einschätzen, beschönige Dinge.

Wie beantragt verurteilt ihn der Richter zu einer Haftstrafe von vier Monaten ohne Bewährung. Dies sei eine Verurteilung am unteren Rande dessen, was möglich sei, so der Richter. Er hat in seinem Urteil bereits berücksichtigt, dass nun auch die noch offene Bewährungsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten widerrufen wird. Insgesamt muss der Niederauer also zwei Jahre und zwei Monate im Gefängnis verbringen.