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Eine lebendige Truppe

Porträt. Die katholische Pfarrei Wilsdruff feierte 50 Jahre Kirchweih.

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Von Annett Heyse

Nach dem letzten Amen leert sich die kleine Kirche allmählich. Überwiegend Rentner, ein Schüler, drei jüngere Leute sind unter den Besuchern. Aber es ist ja auch Dienstagvormittag. „Am Sonntag“, sagt Heinrich Bohaboj, „ist die Kirche regelmäßig voll.“ Denn die katholische Gemeinde in Wilsdruff ist eine lebendige Truppe. Zwei Gottesdienste gibt es wochentags, einen am Sonntag. Dazu kommen Kleinkindstunde, Jugendabend, Seniorennachmittag. Rund 600 getaufte Mitglieder zählt Pfarrer Bohaboj zu seinen Schäfchen, die 50- bis 70-Jährigen überwiegen. „Aber weil viele junge Leute in den Dresdner Speckgürtel nach Grumbach, Kesselsdorf oder Klipphausen ziehen, haben wir eigentlich keine so großen Nachwuchssorgen.“

Tanzgaststätte abgelehnt

Die Sorgen liegen überhaupt lange zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Vertreibung war die Gemeinde stark angewachsen. Viele Katholiken aus Schlesien, dem Sudetenland und Ungarn waren rings um Wilsdruff untergekommen. Zunächst wurden in Freital-Deuben Gottesdienste abgehalten, ab 1952 auch in Wilsdruff. Doch ausgerechnet, als der Bedarf am größten war, wurde den Gläubigen die Nutzung der Schlosskapelle verweigert, weil in dem Bauwerk eine Spiegelfabrik untergebracht wurde. „Eine Tanzgaststätte sollte Ausweichort für unsere Gemeinde werden“, sagt Heinrich Bohaboj.

Der damalige Kaplan Herrmann Scheipers protestierte bei den Behörden energisch gegen diese Herabsetzung. Vielleicht auch, weil Scheipers im KZ Dachau gesessen hatte, hatte er Erfolg. Gleich neben der großen Stadtkirche in Wilsdruff durften die Katholiken ein kleineres Gotteshaus errichten. Grundsteinlegung war 1955, nach einem Dreivierteljahr waren die Bauarbeiten beendet. „Pfarrer Scheipers kam aus dem sehr katholischen Westfalen, hatte dahin noch Verbindungen. Die Westfalen unterstützten den Kirchenbau sehr und schickten sogar Waggons mit Ziegeln nach Wilsdruff.“

Am 6. September 1956 wurde die Kirche geweiht und als Schutzpatron der heilige, 1914 verstorbene, Papst Pius X. gewählt. Am vergangenen Wochenende konnten die Katholiken nun 50 Jahre Kirchweihe feiern und sogar Herrmann Scheipers, mittlerweile 93 Jahre alt, nahm daran teil.

Heinrich Bohaboj kam 1988 als Pfarrer nach Wilsdruff, nachdem er schon die Meißner Pfarrei führte. Heute könnte der inzwischen 69-Jährige längst im Ruhestand sein. Aber erstens ist sein Chef – der Dresdner Bischof – mit 70 noch in Amt und Würden. Und zweitens gibt es doch Nachwuchssorgen. Nämlich bei den Priestern. „Zwar haben wir einen recht krisensicheren Arbeitsplatz“, scherzt Bohaboj und wird dann ernst: „Doch wollen trotzdem immer weniger junge Männer ihr Leben Gott widmen.“ Und so hat der Wilsdruffer Pfarrer seine Arbeitszeit eben verlängert.

2005 wurde die St. Pius-Pfarrei mit der St. Benno-Gemeinde Meißen zusammengelegt. „Das hatte vor allem ganz praktische Gründe. So sparen wir in der Verwaltung einiges ein“, sagt Heinrich Bohaboj.

Nicht nur mit den Meißner Gläubigen haben die Wilsdruffer Katholiken vieles gemeinsam. Auch mit dem großen Nachbarn, der evangelisch-lutherischen Gemeinde von der Stadtkirche, treffen sich die katholischen Christen, veranstalten gemeinsam beispielsweise das alljährliche Erntedankfest. „Berührungsängste gibt es bei uns nicht“, sagt Pfarrer Bohaboj.