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Eine Legende lebt weiter

In Einkaufsmärkten gibt es Grillhähnchen, auf Wochenmärkten das Original: Der Broiler ist wieder ein Verkaufsschlager.

© Matthias Weber

Von Mario Sefrin

Eine längere Zeit an Uwe Herwigs Hähnchenbraterei zu verbringen, ohne etwas zu kaufen, kommt einer Strafe gleich. Drehen sich doch nur einen Meter entfernt die Hähnchen am Spieß und werden mit jeder Umdrehung brauner und saftiger. An Herwigs Verkaufswagen zu stehen, führt beim Beobachter unweigerlich dazu, dass diesem das Wasser im Mund zusammenläuft und ein Hungergefühl einsetzt.

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Uwe Herwig kann dieses Gefühl bei seiner Kundschaft seit mehr als 25 Jahren beobachten. Seit 1991 ist er mit seinem Verkaufswagen im Landkreis unterwegs, um Grillhähnchen auf Wochen- und vor Einkaufsmärkten an den Mann und die Frau zu bringen. Oder besser: Broiler. „Die meisten Leute, die zu mir kommen, kaufen Broiler“, erzählt Herwig. Das stecke bei seiner Kundschaft, die großteils schon älter ist, von DDR-Zeiten eben drin, sagt er.

Nach dem Ende der DDR verschwanden die Broiler-Bars, die es landesweit in größeren Städten gab und die ganze Generationen von Menschen geprägt haben. Auch in Zittau hat es einst so eine Gaststätte gegeben, die weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt war. Doch gegen die neue Zeit und das plötzlich überbordende Speiseangebot in Supermärkten und Gaststätten hatten die Broiler-Bars keine Chance. Heute sucht man Broiler-Gaststätten in weiten Teilen Ostdeutschlands vergeblich.

Dafür sahen Händler wie Uwe Herwig aus Hainewalde oder Peter Kellner aus Altbernsdorf nach der Wende eine Chance im mobilen Verkauf von Grillhähnchen. „Ich war früher in der Landwirtschaft beschäftigt“, erzählt Uwe Herwig. Als der Betrieb in der Wendezeit aufgelöst wurde, habe ich eine Zeitungsanzeige gesehen, in der eine selbstständige Tätigkeit mit Grillwagen offeriert wurde.“ Herwig gefiel der Gedanke an eine solche Arbeit, und so hat er als Verkaufsfahrer für eine bayerische Firma, die die Annonce aufgegeben hatte, gearbeitet. 17 Jahre hat diese Liaison gedauert, dann hat Uwe Herwig den Schritt in die vollkommene Selbstständigkeit gewagt. „Ich fahre noch immer mit dem Verkaufswagen übers Land, nur mache ich das nun eben ausschließlich für mich.“ Auch Uwe Herwigs Bruder ist mittlerweile ins Geschäft mit eingestiegen, weshalb für Herwigs Hähnchenbraterei nun zwei Verkaufswagen Woche für Woche auf Tour gehen. Diese Touren führen die Broiler-Wagen nach Zittau und Löbau, nach Olbersdorf, Seifhennersdorf und Großschönau. Über fehlende Nachfrage kann Uwe Herwig jedenfalls nicht klagen. „Die Leute kaufen gern Broiler“, sagt der Hainewalder. An guten Tagen gehen etwa 90 bis 100 Hähnchen über den kleinen Verkaufstisch vor Herwigs Grillwagen – im Viertel, halb, ganz.

Auch Peter Kellner aus Altbernsdorf ist mit einem mobilen Hähnchengrill auf den Wochenmärkten in Görlitz, Niesky, Herrnhut und Löbau-Süd präsent. Und wie Herwig ist auch er schon lange im Geschäft: „Wir haben uns 1992 selbstständig gemacht“, sagt Peter Kellner. Im Gegensatz zum Hainewalder Herwig ist Kellner aber noch immer Systempartner eines großen Unternehmens. Im Laufe der Zeit haben er und Uwe Herwig dabei nicht nur gute Geschäftsjahre erlebt. „Mitte der 1990er Jahre hat es ein richtiges Tal gegeben“, erinnert sich Peter Kellner. Auch Uwe Herwig sagt: „Ab 1994 sank die Nachfrage stetig.“ Der Grund dafür sei gewesen, dass immer mehr Menschen die Region verlassen hätten. Zum Glück war diese Talfahrt nicht von Dauer: „Ab 2000 stabilisierte sich die Nachfrage wieder“, sagt Uwe Herwig. Dass es mittlerweile in vielen Einkaufsmärkten ebenfalls Grillhähnchen zu kaufen gibt, stört ihn kaum. Einerseits habe es früher auch schon Konkurrenz gegeben und andererseits spiele auch beim Broilerkauf die Qualität eine große Rolle. Seine Hähnchen aus Bodenhaltung, die ihm ein brandenburgisches Geflügelunternehmen zweimal wöchentlich liefert, bekommen natürlich noch einen persönlichen Anstrich. „Ich würze sie selbst“, sagt Uwe Herwig. Das Rezept verrate er natürlich nicht. Seine Kunden jedenfalls schätzen den besonderen Geschmack: „Wenn ich in Zittau auf dem Wochenmarkt stehe, bin ich kurz nach dem Mittag ausverkauft“, sagt Uwe Herwig. Und darum hat der Hainewalder auch kaum mal ein freies Wochenende: „Da bin ich mit meinem Grillwagen bei Familienfeiern, Geburtstagen oder Polterabenden.“