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Eine Märtyrerin in Horka

Ein Stolperstein erinnert an die jüdische Sorbin Annemarie Schierz aus Horka. Am Mittwoch wäre ihr 100. Geburtstag.

© Andreas Kirschke

Von Andreas Kirschke

Horka. Annemarie Schierz lebte in Demut und Bescheidenheit. Freude und Güte strahlten aus ihrer Seele. „Sie war eine herzensgute, zurückhaltende, hilfsbereite, gebildete Frau. Sie wusste um ihre jüdische Herkunft. Ebenso stand sie fest zu ihrem katholischen Glauben“, sagt Eva-Maria Elle (56) in Horka. Seit fast vier Jahren erinnert vor dem Haus Crostwitzer Straße 17 ein Stolperstein an sie. Bildhauer Gunter Demnig aus Frechen bei Köln verlegte ihn unter großer Anteilnahme. Es ist der erste Stolperstein in sorbischer Sprache (die SZ berichtete). „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, zitierte er damals den Talmud. Annemarie Schierz (1918 -1943) war ein NS-Opfer.

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Eva-Maria Elle zeigt Fotos aus den 1930er Jahren vom früheren Wohnhaus, von Annemarie Schierz (1918-1943) und von Pflegevater Georg Schierz.
Eva-Maria Elle zeigt Fotos aus den 1930er Jahren vom früheren Wohnhaus, von Annemarie Schierz (1918-1943) und von Pflegevater Georg Schierz. © Andreas Kirschke

Sie stammte aus der jüdischen Familie Kreidl. Diese siedelte um 1900 von Böhmen nach Dresden. Dort führten Carl und Bertha Kreidl ein Bekleidungsgeschäft. Ihre Tochter Gertrude erwartete mit 17 Jahren ein uneheliches Kind. Das war nicht standesgemäß. Sie zog zu guten Bekannten der Eltern – zu Georg Schierz und seiner Schwester Maria in Horka bei Crostwitz. Dort kam Tochter Annemarie zur Welt. Gertrude kehrte nach Dresden zurück. Dort heiratete sie später. Tochter Annemarie blieb in Horka. Dort wuchs sie sorbisch-katholisch auf. In Crostwitz ging sie zur Schule. Regelmäßig trug sie sorbisch-katholische Tracht. Georg und Maria Schierz adoptierten 1925 das Kind. Fortan hieß das Mädchen sorbisch Hanka Šercec. „Es war eine ambivalente Situation. Auf der einen Seite war der Gemeinderat in Horka gegen die Adoption. Auf der anderen Seite sollten die Geschwister Schierz das Kind sorbisch-katholisch erziehen. Das ist in der Adoptions-Urkunde schriftlich verbürgt“, sagt Eva-Maria Elle.

Die Horkaerin, früher Lehrerin für Geo-graphie und Mathematik im Sorbischen Gymnasium Bautzen, lebt heute auf dem früheren Hof der Geschwister Schierz. Seit 2008 erforscht sie intensiv Annemarie Schierz´ Leben. „Meine Großmutter Agnes Maria Elle war die Cousine von Georg und Maria Schierz. Agnes Ehemann Paul Elle, mein Großvater, hatte land- und forstwirtschaftliche Flächen 1941 gepachtet. Sein Sohn Benno Elle, mein Vater, schrieb später Paul Elles Erinnerungen auf.“ Aus Benno Elles Aufzeichnungen ist bekannt: Bei ihrer Einschulung wurde Annemarie getauft; zwei Jahre später war ihre Erstkommunion; zur Firmung 1934 durch Bischof Petrus Legge (1882-1951) war sie mit 16 Jahren älteste Teilnehmerin im Ort. Annemarie suchte Kontakt im Dorf. Sie nahm teil an Veranstaltungen. Bräuche und Traditionen wie Vogelhochzeit, Federnschleißen, Ostern, Erntedank, Kirmes und Singen in der Spintestube erlebte sie genauso mit wie die anderen jungen Frauen. „Sie war gut integriert“, sagt Eva-Maria Elle. „1928 starb ihr Großvater Carl. Noch drei Jahre zuvor – bei der Adoption – hatte er sinngemäß gesagt: Es gibt für Annemarie keinen besseren Ort als Horka.“

Nach ihrem Schulabschluss 1933 ging Annemarie Schierz als Hausmädchen bei Bauern in Siebitz, Temritz und Camina in Stellung. Nach 1937 arbeitete sie in Dresden und in Kamenz. Zu ihrer Firmung wählte sie den jüdischen Namen Esther. „Das war ein dreifaches Bekenntnis“, sagt Eva-Maria Elle. „Erstens das Bekenntnis zum katholischen Glauben, weil sie das Sakrament der Firmung empfing; zweitens zu ihrer jüdischen Herkunft, weil sie sich den Namen Esther wählte; und drittens zum sorbischen Volk, weil sie in sorbischer Tracht das Sakrament empfing.“

Chance auf Bildung

Annemarie Schierz kannte beide Lebenswelten. In Horka lebte sie den sorbisch-katholischen Alltag. Bei Besuchen in Dresden bei den Großeltern spürte sie ihre jüdischen Wurzeln. Die Landwirte stellten sie zwar als Hausmädchen ein. Doch bald entließen sie die junge Frau wieder. „Stark anzunehmen ist, dass sie inmitten der Nazi-Diktatur zunehmend unter Druck gerieten und Repressalien fürchteten“, sagt Eva-Maria Elle. „Tatsache ist, dass Annemarie Schierz keine faire Chance auf Bildung und berufliche Entfaltung hatte. Der Nazi-Staat grenzte sie aus.“

Ihre Unterschrift bei der so genannten „Nichtarier-Erklärung“ 1937 lenkte die Gestapo auf Annemarie Schierz. In Horka, so Eva-Marie Elle, kam es zu Unterstellungen, Vorwürfen, Verdächtigungen. „Die Gerüchteküche – geschürt von Neid und von Missgunst – brodelte im Dorf“, sagt Eva-Maria Elle. „Aufklärung darüber können heute nur noch Berichte von Zeitzeugen geben.“ Seit 1941 musste Annemarie Schierz den Judenstern tragen, was sie jedoch nicht tat. Später durfte sie nicht mehr in Tracht gehen. Öffentliche Veranstaltungen wie Tanz musste sie meiden. Ihr Pflegevater Georg Schierz versuchte, mit seiner Mitgliedschaft in der NSDAP Annemarie besser zu schützen. Dennoch suchte ihn die Gestapo öfter auf. Georg Schierz musste brutale Verhöre erdulden. 74-jährig, starb er im August 1941. Für Annemarie wurde es jetzt noch schwerer. Sie durfte nicht mehr an Gottesdiensten teilnehmen. Sie durfte keine heiligen Sakramente mehr empfangen. Pater Dr. Lucius Teichmann hielt sich nicht an das Verbot. Insgeheim versorgte er Annemarie Schierz mit Sakramenten. Sie musste sich in regelmäßigen Abständen in Dresden im Polizeipräsidium oder bei der Gestapo melden. Stets wurde sie von ihrer Pflegemutter Maria Schierz begleitet. „Beim letzten Verhör am 6. August 1942 in Dresden wurde Annemarie verhaftet“, erläutert Eva-Maria Elle. „Danach verlor sich ihre Spur. Geriet sie ins Frauengefängnis nach Litzmannstadt? Kam sie ins Judenhaus Dresden und von dort weiter in ein Ghetto? Führte ihre Spur gar nach Bunzlau und nach Oppeln? Viele Fragen sind offen.“

Lebendige Mahnung

Das Amtsgericht Dresden legte den 1. Juli 1943 als Todesdatum für Annemarie Schierz fest. Ihre Pflegemutter Maria hatte noch lange um Annemaries Freilassung gekämpft. Doch einsam und vergeblich wartete sie darauf. Das letzte bislang bekannte Foto zeigt Annemarie Schierz im Kreis ihrer Familie. Sie trägt dabei mit Stolz ein Christuskreuz als Zeugnis und Bekenntnis ihres Glaubens. „In einer grausamen Zeit bewahrte sich Annemarie im tiefsten Innern ihre jüdische Herkunft. Mit ihrer Haltung zeigte sie Rückgrat“, meint Eva-Maria Elle. „Und sie war offen für andere Religionen, Kulturen, Sprachen. Damit kann sie heute jungen Menschen Vorbild sein.“

Bei seinem Besuch am 11. Mai 2009 in Jerusalem in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem stand der damalige Papst Benedikt XVI. vor der ewigen Flamme. Er hielt inne und gedachte der unzähligen Opfer des Holocaust. „Gott hat euch beim Namen gerufen, und nicht mit einer Nummer“, rief er damals aus. Das hat Eva-Maria Elle tief berührt. Durch Annemarie Schierz´ Schicksal wird diese Mahnung lebendig. Zur Ehrung für Annemarie Schierz an deren 100. Geburtstag am 15. August wird Eva-Maria Elle mit anderen auf dem Hof dafür beten. Sie erarbeitet eine Dokumenten-Sammlung. Dafür sucht sie weitere Quellen über Annemarie Schierz. Für Fotos, Briefe, Dokumente, Gegenstände, Erinnerungen von Zeitzeugen wäre sie dankbar.

Kontakt: Eva-Maria Elle, Crostwitzer Straße 17, 01920 Horka, Telefon: 03 57 96/9 54 56.