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„Eine nie dagewesene Herausforderung“

Die Corona-Krise bedeutet auch für die regionalen Banken eine Ausnahmesituation. Sächsische.de sprach mit den Vorständen.

Viele Firmen, aber auch Privatpersonen müssen jetzt genau nachrechnen und sind auf die Hilfe der Banken angewiesen.
Viele Firmen, aber auch Privatpersonen müssen jetzt genau nachrechnen und sind auf die Hilfe der Banken angewiesen. © Fotostand

Region Döbeln. Geschäfte sind geschlossen, Gaststätten dicht, Unternehmen befinden sich im Corona-Stillstand: Auch in der Region geht dadurch einigen jetzt das Geld aus. Viele haben schon staatliche Unterstützung bei den regionalen Banken beantragt. Die haben sich auf den Ansturm eingestellt, sagen die Vorstände Angelika Belletti von der VR-Bank Mittelsachsen eG sowie Thomas Gogolla von der Sparkasse Döbeln.

Für Unternehmen, Solo-Selbstständige sowie Kleinunternehmer gibt es staatliche Förderprogramme. Wie hat sich die Nachfrage danach entwickelt?

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Angelika Belletti: Seit dem 18. März haben uns viele Anträge auf Tilgungsaussetzungen und Fragen zu bestehenden Förderprogrammen der Sächsischen Aufbaubank, der Bürgschaftsbank Sachsen GmbH sowie der KfW erreicht. Verständlicherweise wird dies noch eine Weile andauern.

Thomas Gogolla: Wir stellen derzeit einen immensen Beratungsbedarf der Unternehmen und Selbstständigen fest. Unsere Firmenkunden-Berater reden ganz aktiv mit jedem ihrer Kunden und stimmen individuelle Maßnahmen, zum Beispiel zur Tilgungsaussetzung, ab. Dabei beraten wir auch intensiv zu den staatlichen Unterstützungspaketen und helfen bei der Antragstellung. Allerdings stellt uns das derzeitige Ausmaß vor nie dagewesene Herausforderungen. Unsere Mitarbeiter arbeiten unter größten Anstrengungen an einer schnellen Hilfe für jeden Kunden.

Angelika Belletti gehört neben Torsten Bruß zum Vorstand der VR-Bank Mittelsachsen eG.
Angelika Belletti gehört neben Torsten Bruß zum Vorstand der VR-Bank Mittelsachsen eG. © Dietmar Thomas

Von welchen Unternehmensgrößen und Branchen werden die Hilfen besonders in Anspruch genommen?

Belletti: Das Anfragevolumen lässt sich keiner spezifischen Branche oder Unternehmensgröße zuordnen. Grundsätzlich kann man jedoch sagen, dass vor allem Unternehmen, die ihren Geschäftsbetrieb teilweise oder vollständig schließen mussten, einen Unterstützungsantrag gestellt haben. Viele wenden sich programmgemäß auch direkt an die Sächsische Aufbaubank.

Gogolla: Auf Basis aktueller Erfahrungen halten wir alle Dienstleistungsbereiche im unmittelbaren Kontakt mit Menschen, insbesondere Gastronomie oder Praxen, als auch automobilnahe Zulieferer über alle Größen hinweg für besonders gefährdet.

Wie lange dauert es in der Regel, bis das Geld an die Betroffenen fließt?

Belletti: Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. Um die zur Verfügung stehenden Förderprogramme in Anspruch nehmen zu können, müssen verschiedene Voraussetzungen und Auflagen der KfW erfüllt werden. Ob unsere Kunden diese erfüllen, müssen wir anhand betriebswirtschaftlicher Unterlagen prüfen. Je eher die Unterlagen durch unsere Kunden an uns weitergeleitet werden, umso schneller erfolgt die Antragsbearbeitung beziehungsweise Weiterleitung durch unsere Bank.

Gogolla: Die Zeit bis zur Auszahlung der beantragten Mittel hängt viel von der Transparenz der wirtschaftlichen Situation jedes einzelnen Unternehmens und der Qualität der Anträge ab. Wir haben bereits schon verschiedene Auszahlungen an betroffene Unternehmen verzeichnen können.

Seit 15. April kann der neue KfW-Schnellkredit beantragt werden. War mit einem Ansturm zu rechnen?

Belletti: Wir stehen mit den Kunden seit Mitte März in Kontakt und wissen, wer einen KfW-Kredit beantragen wird. Es ist abzusehen, dass wir kurzfristig eine sehr hohe Anzahl von Finanzierungsanfragen bearbeiten werden. Die bisherige Zeit haben wir genutzt, um internen Prozesse, unter Beachtung der weiterhin bestehenden kreditspezifischen Regulatorik der Bankenaufsicht, an die Bearbeitung der Anträge und Vorgaben der KfW anzupassen.

Gogolla: Eigentlich rechnen wir nicht mit einem Ansturm, aber mit steigendem Beratungsbedarf. Wir sind mit unseren Firmenkunden im Gespräch und verfügen über detaillierte Wirtschaftsdaten der Unternehmen. Die Herausforderung besteht darin, dass sich die Informationen in ihrer Aktualität überschlagen und wir die Berater stets auf einem einheitlichen Wissensstand halten müssen. Und bei jeder Antragstellung gilt: Wir müssen weiter im Rahmen der banküblichen Sorgfalt prüfen, ob der Kunde das neue Darlehen zusätzlich zu schon bestehenden Darlehen zurückzahlen kann. Das ist von größter Bedeutung.

Thomas Gogolla wechselte 2017 in den Vorstand der Sparkasse Döbeln. Mit Uwe Krahl stellt er die Führungsspitze.
Thomas Gogolla wechselte 2017 in den Vorstand der Sparkasse Döbeln. Mit Uwe Krahl stellt er die Führungsspitze. © R. Jungnickel

>>>Über die Ausbreitung des Coronavirus und über die Folgen in der Region Döbeln berichten wir laufend aktuell in unserem Newsblog.<<<

Möglich ist auch die Stundung von Kreditraten. Wie ist da die Nachfrage?

Belletti: Im Interesse der betroffenen Kunden hatten wir uns Mitte März entschieden, unkompliziert und schnell eine Tilgungsaussetzung für mehrere Monate anzubieten. Stellt sich die wirtschaftliche Situation für die Kunden wieder positiver dar, kann die Tilgung auf Wunsch jederzeit wieder einsetzen. Für die Aussetzung der Tilgungsleistungen berechnen wir keine zusätzlichen Zinsen oder Gebühren.

Gogolla: Alle deutschen Sparkassen bieten für Privatkunden eine Aussetzung von Zins- und Tilgungsleistungen für die Monate April bis Juni für Kunden an, die Corona-bedingt Einnahmeausfälle haben und auch auf anderem Wege nicht zahlen können. Das gilt für private Baufinanzierungen und Ratenkredite. Die Anfragen kommen verteilt über unser Kunden-Service-Center, unsere Privatkundenberater oder über unsere Internetfiliale. Hier kann jeder betroffene Kunde schnell mit uns Kontakt aufnehmen. Individuell wird dann geklärt, ob der Zeitraum von drei Monaten ausreichend ist oder gegebenenfalls eine längere Aussetzung oder Reduzierung der Rate bis zu sechs Monate oder noch länger erforderlich wird.

Wie lässt sich der Ansturm an Anfragen derzeit personell bewältigen?

Belletti: Wir sind auf den Ansturm bestens vorbereitet. Hierzu haben wir Umstrukturierungen in den einzelnen Abteilungen vorgenommen, sodass genügend Personal zur Verfügung steht.

Gogolla: Bisher ist das Anfragevolumen in einem Rahmen, welches von unseren Beratern zu bewältigen ist, wobei das Anfragevolumen bei Baufinanzierungen deutlich höher ist, als bei Ratenkrediten.

Wie gehen die Anträge auf Stundung bzw. auf finanzielle Unterstützung bei Ihnen ein? Überwiegend digital?

Belletti: Kunden der VR-Bank Mittelsachsen eG können die erforderlichen Anträge direkt von unserer Homepage downloaden, am eigenen PC ausfüllen und per E-Mail an uns senden. Anträge auf Tilgungsaussetzungen oder Liquiditätshilfedarlehen werden mit dem Eingang zentral erfasst und umgehend bearbeitet. Die Kunden erhalten nach Eingang der Anträge sofort eine E-Mail mit der Zusammenfassung beziehungsweise Bestätigung der zur Bearbeitung der Anfrage benötigten Unterlagen.

Welche weiteren Hilfen und Entwicklungen gibt es noch bei Ihrer Bank?

Belletti: Im Vordergrund steht aktuell die Ermittlung des tatsächlichen Liquiditätsbedarfs zur Beantragung der Hilfskredite. Da aktuell unklar ist, wie lange unsere Kunden von Schließungen oder Einschränkungen betroffen sind, haben wir zur Ermittlung des Liquiditätsbedarfs ein Berechnungstool entwickelt, das verschiedene Szenarien abbildet. 

Mit unseren Kunden und deren Steuerberatern diskutieren wir diese Annahmen und versuchen so, den tatsächlichen Liquiditätsbedarf zu ermitteln und im Anschluss das passende Förderprogramm zu beantragen. Wir sprechen mit unseren Kunden auch über den Zeitraum nach der Covid-19-Pandemie. Dabei spielen Themen wie kontaktloses Bezahlen, Digitalisierungsvorhaben oder Absicherung von unternehmerischen Risiken eine Rolle. 

Im Rahmen der genossenschaftlichen Finanzgruppe bieten unsere Verbundpartner Unterstützungsmaßnahmen für unsere Kunden an. So sind zum Beispiel Tilgungsaussetzungen der TeamBank sowie der VR-Smart Finanz AG möglich. Die VR-Smart Finanz AG bietet zusätzlich ein Liquiditätshilfedarlehen für Unternehmen mit einem Zinssatz von 1,0 % p.a. an. Unsere Berater unterstützen die Kunden hier als Koordinator und kümmern sich um die individuelle Abstimmung mit unseren Verbundpartner.

Die Fragen stellte Maria Fricke. 

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