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Eine nur fragmentarische Wahrheit

Der eigentliche Grund für den Rücktritt von Sachsens Landesbischof Carsten Rentzing sind Texte, die dieser einst in einer rechtsradikalen Zeitschrift veröffentlichte.

Carsten Rentzing, damals noch Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, spricht am 4. Juni 2019 in Dresden.
Carsten Rentzing, damals noch Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, spricht am 4. Juni 2019 in Dresden. ©  dpa/Sebastian Kahnert

Seinen Festtag als neuer Präsident des Landeskirchenamts der Evangelisch-Lutherischen Kirche hat sich Hans-Peter Vollbach wohl anders vorgestellt. Beim Gottesdienst zu seiner Amtseinführung in der Dreikönigskirche am Freitag fehlte Landesbischof Carsten Rentzing; er ließ sich von einem Oberlandeskirchenrat vertreten.

Der Grund: Rentzing hatte kurz zuvor seinen Rücktritt angekündigt. Er wolle Schaden von der sächsischen Landeskirche abwenden, teilte er in einer nur wenige Zeilen umfassenden Erklärung mit. „Ich muss mit großem Bedauern feststellen, dass die aktuelle Diskussion um meine Person diesem Ziel schadet. Sie ist nicht nur für mich persönlich, sondern auch für die gesamte Kirche derzeit eine Belastung“, heißt es darin.

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Ende September hatte die Sächsische Zeitung Rentzings Mitgliedschaft bei der schlagenden Studentenverbindung Alte Prager Landsmannschaft Hercynia bekanntgemacht. Zudem bestätigte der Bischof, im Dezember 2013 ein Referat bei der neurechten Denkfabrik „Bibliothek des Konservatismus“ gehalten zu haben. Daraufhin starteten insbesondere Pfarrer und andere Amtsträger der evangelische Kirche aus dem Raum Leipzig eine Petition. In dieser forderten sie Rentzing auf, sich von der Hercynia zu distanzieren sowie von „allen nationalen, antidemokratischen und menschenfeindlichen Ideologien“. Bis zum Freitag hatten rund 800 Leute die Petition unterschrieben, viele davon sind Pfarrerinnen und Pfarrer.

Und dennoch kam Rentzings Entscheidung überraschend. So teilten die Autoren der Unterschriftenliste unmittelbar nach Bekanntwerden des Rücktritts mit, der 52 Jahre alte Bischof habe das weder wegen ihrer Petition noch wegen seiner Mitgliedschaft in der Studentenverbindung getan. In einer ersten Reaktion auf den Rücktritt schreibt der Leipziger Ex-Thomaskirchen-Pfarrer Christian Wolff, nun kristallisiere sich immer mehr heraus, dass Rentzings „Beheimatung in rechten Kreisen keine böswillige Unterstellung ist, sondern offensichtlich mit Tatsachen unterfüttert werden kann“.

Rentzing erklärte, dass die Kirche ihn verändert habe

Tatsächlich muss es in der freitäglichen Sitzung des Landeskirchenamts, dem Führungsorgan der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Sachsen, zu Turbulenzen gekommen sein. Nach SZ-Informationen hätten „gewisse Texte“ gelesen werden müssen. Sie stammen angeblich aus der Feder Rentzings und seien Ende der 1980er, Anfang der 1990er-Jahre entstanden. Von teils rechtsradikal anmutenden Texten ist die Rede, die „erschreckt“ hätten. Der Pressesprecher Rentzings sollte später am Tag von „einem einmaligen Vorgang“ sprechen. Der Bischof selbst schrieb in seiner Erklärung, sein Weg in die Kirche habe ihn verändert, sodass er Positionen, die er vor 30 Jahren vertreten habe, heute nicht mehr teile.

Vor 30 Jahren? Das passt genau in die Zeit, in der die Texte entstanden sein sollen. Einige Beispiele liegen der SZ vor. So heißt es in einem sehr revisionistisch wirkenden Rentzing-Aufsatz in einer Zeitschrift namens „Fragmente“: „Gerade auch aufgrund dunkler Kapitel unserer jüngeren Geschichte fällt es selbsternannten Neo-Jakobinern unter uns leicht, Andersdenkende mit dem moralischen Zeigefinger in die Enge zu treiben und zu brandmarken.“ In einem anderen Aufsatz formuliert Rentzing: „Grundsätzlich ist es nach dieser konservativ-aristokratischen Anschauung besser, ein Volk in Unwissenheit zu halten, als Aufklärung über den wahren Daseinszustand der Menschen zu betreiben, denn dieser ist ohnehin nur einem geringen Teil der Aufzuklärenden zugänglich.“ Der Bischof gibt sich als Anhänger „neo-konservativer Philosophen“ zu erkennen, die neue Wege beschritten, „um das westliche Demokratieverständnis – diesmal gegen die Angriffe der Neuen Linken – zu verteidigen“. 

Nach der Wende unterstellt er in einem weiteren Artikel etablierten Parteien „den üblichen Politbrei“ und schreibt, die Gesellschaft werde erst zum Rückgrat des Staates, „als man sich emotional über alle Unterschiede hinweg als ein Volk, als eine Nation verstand“. Und weiter: „Auch in Deutschland selbst spielt der ethnisch-kulturelle Faktor der Gesellschaftsübereinkunft zunehmend die Hauptrolle (wie in ganz Europa!).“ Die Wiederherstellung des deutschen Nationalstaates werde abgelehnt. Wer alte Werte anzweifle, dem sollte klar sein, „dass er auf den Widerstand derjenigen stoßen wird, die an ethnisch und religiös Tradiertem festhalten wollen - allen Anfeindungen und Verleumdungen zum Trotz!“ Dem „Establishment“ unterstellt Rentzing „wildes Geschrei“, das auch nichts mehr daran ändern könne, „dass mindestens 15 % der Bevölkerung von derart revolutionären, kulturzersetzenden Umwälzungen unter dem Deckmantel der liberalen Weltoffenheit nichts halten“. Eine seiner Kernthesen lautet: „So unpopulär dies auch klingen mag: Nur über Gehorsam und Wiederinachtsetzung der alten Offenbarungs- und Richterinstanz sieht der Verfasser eine freiheitlichere Zukunft Europas gewährleistet.“

© Reproduktion: SZ

Rentzing interviewte damals zudem den Geschichtsprofessor Ernst Nolte, dessen These von der Kausalität zwischen den Verbrechen des Gulag-Systems in der Sowjetunion und dem Holocaust 1986 den Historikerstreit auslöste. Er sprach ebenso mit dem 2005 gestorbenen Schriftsteller Wolfgang Venohr, in dem die SPD einen Rechtradikalen sah. In der Zeitschrift „Fragmente“, für die Rentzing auch unter der Autorenkennung „care“ schrieb, wird unter anderem für den Coburger Convent geworben, die Oberorganisation der studentischen schlagenden Verbindungen; aber auch für eine Publikation der rechtsradikalen Partei Die Republikaner, für die damals gerade erst entstehende Tageszeitung Junge Freiheit („Der Traum von einer richtigen Zeitung“), für die reichsbürgerähnliche Gemeinschaft Deutscher Osten, den esoterischen „Bundesverband Ökologie“, die Burschenschaft Danubia oder einen Versand der deutschen Reichskriegsflagge (90 x 150 cm).

Zum sechsköpfigen Autorenteam von „Fragmente“ zählt außer Rentzing auch Wolfgang Fenske, der Leiter der Bibliothek für Konservatismus in Berlin. Das ist jener Ort, in dem Rentzing Ende 2013 seinen Vortrag zur Zukunft der evangelischen Kirche in Deutschland hielt. Im Gespräch mit der Sächsischen Zeitung hatte der Bischof gesagt, er kenne den Leiter der Bibliothek aus der Zeit seines Theologiestudiums. „Der sprach mich an wegen des Vortrags.“ Ihm sei aber nicht klar gewesen, welche Stiftung die Bibliothek finanziere und welche Personen dahinter stünden. „Da habe ich keine Ahnung von.“

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Das zu glauben, fällt inzwischen schwer. Es ist die Förderstiftung „Konservative Bildung und Forschung“ (FKBF), die die Bibliothek finanziell trägt. Ihr Gründer Caspar Freiherr von Schrenck-Nortzing, der ein Vordenker der Neuen Rechten ist und für dessen ehemalige Zeitschrift „Criticon“ schon damals der heutige AfD-Parteichef Alexander Gauland schrieb, wollte nach seinem Tod seine umfangreiche Büchersammlung der Öffentlichkeit vermachen. Für diese Idee gewann er den Chefredakteur der Zeitung Junge Freiheit, Dieter Stein. So entstand die Bibliothek des Konservativismus. Bischof Rentzing antwortete im SZ-Gespräch auf die Frage, ob er Herrn Stein kenne: „Herr Stein, wer ist das? Den kenne ich nicht.“ Rentzings Studienfreund Fenske aber schrieb später gelegentlich für die Zeitung. Der jetzige Vorsitzende der FBKF, Schrenck-Notzings Sohn Alexander, gehörte mit zu den Gründungsmitgliedern der Rechtsradikalen-Partei Die Republikaner. Trotz all dieser Indizien betonte Rentzing im SZ-Gespräch damals: „Mit der neurechten Bewegung, damit will ich wirklich nicht in Verbindung gebracht werden.“ 

Am Sonnabend war Carsten Rentzing für die SZ nicht zu erreichen. Er sei in Urlaub gefahren, hieß es.

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