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Eine ostdeutsche Karriere

Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) gibt seine Ämter auf – ein Schlaganfall zwingt zum Rückzug.

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Von Peter Heimann

Am Ende klang Matthias Platzeck fast erleichtert: Sein gesundheitliches Potenzial reiche nicht mehr aus, um seine Ämter als Brandenburgs Ministerpräsident und SPD-Landeschef auszuüben. Ende August, zur nächsten regulären Landtagssitzung, werde er seinen Rücktritt einreichen. Nachfolger soll der bisherige SPD-Innenminister Dietmar Woidke werden.

Matthias Platzeck hält die Fäden in der Hand. 2005 wurde er zum SPD-Chef gewählt. Das Wollknäuel bekam er damals auf dem Parteitag.
Matthias Platzeck hält die Fäden in der Hand. 2005 wurde er zum SPD-Chef gewählt. Das Wollknäuel bekam er damals auf dem Parteitag. © AP
Der Ministerpräsident war auch als „Deichgraf“ bekannt. Hier besucht er 2010 einen mit Sandsäcken gesicherten Deich nahe Neuzelle. Fotos (3): dpa
Der Ministerpräsident war auch als „Deichgraf“ bekannt. Hier besucht er 2010 einen mit Sandsäcken gesicherten Deich nahe Neuzelle. Fotos (3): dpa © picture alliance / dpa
2002 trat Platzeck sein Amt als Ministerpräsident an. Sein Vorgängers Manfred Stolpe zeigt ihm seinen neuen Dienstschreibtisch.
2002 trat Platzeck sein Amt als Ministerpräsident an. Sein Vorgängers Manfred Stolpe zeigt ihm seinen neuen Dienstschreibtisch. © dpa
Bei der Tagung der Volkskammer 1990 in Berlin vertrat Matthias Platzeck (roter Rahmen) die Grüne Partei der DDR.Foto: Wikimedia/BArch/Bild 183-1990-0205-019
Bei der Tagung der Volkskammer 1990 in Berlin vertrat Matthias Platzeck (roter Rahmen) die Grüne Partei der DDR.Foto: Wikimedia/BArch/Bild 183-1990-0205-019 © Bundesarchiv

Platzeck war gestern nach drei Wochen Urlaub offiziell in die Potsdamer Staatskanzlei zurückgekehrt. Der 59-Jährige hatte im Juni, wie er selbst sagte, einen leichten Schlaganfall erlitten und daraufhin eine Auszeit genommen. Der Politiker hatte in der Vergangenheit mehrfach mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Beim letzten Mal, vor sechs Wochen, ging es ihm „wahrlich nicht gut“, erzählte der Ministerpräsident damals: „Es war mit dem Sehen nicht toll und mit dem Laufen nicht toll.“ Was er für eine Kreislaufschwäche gehalten habe, sei ein Schlaganfall gewesen. Zehn Tage später trat er mit der Mitteilung vor die Medien, er habe dessen Folgen dank guter Behandlung weitgehend überwunden. Mit dem Gehen und dem Sehen habe er keine Probleme mehr. „Der Strom hat sich neue Wege gesucht. Die Signalverarbeitung funktioniert. Es gibt noch ein paar Restanten.“ Gemeint waren Gleichgewichtsstörungen. „Der Linksdrall wird weniger, aber ist noch stärker, als das Parteibuch erfordert“, scherzte Platzeck schon wieder. Aber: „Das wird schon noch ein paar Wochen dauern.“

Ein überzeugendes Bekenntnis zur eigenen Leistungsfähigkeit klingt anders. Und fast beiläufig sagte Platzeck damals: „Für meine Frau war die Sache wahrscheinlich ein größerer Schock als für mich. Das ist natürlich eine neue Lebenserfahrung.“ Seine zweite Ehefrau Jeanette, zehn Jahre jünger als Platzeck, soll bei der jetzigen Entscheidung auch eine „gewisse Rolle“ gespielt haben, sagt einer, der es wissen muss: Er solle es mit seiner Gesundheit nicht übertreiben. Die beiden lernten sich im Potsdamer Rathaus kennen. Er war OB, sie arbeitete in seinem Büro. 2007 haben sie geheiratet – in der Uckermark.

In Potsdam hieß es gestern auch, der Ministerpräsident habe zwar keine Einschränkungen mehr: „Man merkt ihm nichts an.“ Aber das volle Programm als Regierungschef mit 80 Stunden und mehr in der Woche würde momentan nicht funktionieren. Ministerpräsident gehe eben nur ganz oder gar nicht. Und jeder verfrühte Feierabend, jedes Fehlen bei Terminen würde zu Fragen führen. Deshalb habe sich Platzeck entschieden, die Angelegenheit „kontrolliert und ehrlich“ zu klären.

Spätestens seit 2006 gilt Platzeck als gesundheitlich angeschlagen, Damals war er nach nur rund fünf Monaten im Amt als Vorsitzender der Bundes-SPD zurückgetreten: „auf dringenden ärztlichen Rat“. Erst hatte er einen Hörsturz nicht ernst genommen, später dann einen Kreislauf- und Nervenzusammenbruch erlitten. „Es hat sieben, acht Tage gebraucht, bis wieder alles richtig tickte“, erzählte der Potsdamer seinerzeit. Wieder trat er – entgegen der ärztlichen Wünsche – kaum kürzer. Kurz darauf folgte dann der zweite Hörsturz „mit erheblichem Verlust des Hörvermögens“ und „einigen anderen Begleiterscheinungen“. Kurz darauf kam Platzeck für sich zu dem Schluss, es habe keinen „Sinn mehr, weiter gegen die Wand zu laufen“. So ähnlich muss es jetzt wieder gewesen sein.

Der jähe Bruch warf alle Pläne Platzecks über den Haufen. Er wollte die Landtagswahl nächstes Jahr wieder für die SPD gewinnen. Platzeck, durch und durch Landespolitiker, ist in Brandenburg die SPD – und die Landesregierung gleich mit. 1953 in Potsdam geboren, kam er über die DDR-Bürgerrechtsbewegung in die Politik. In seiner Heimatstadt war er noch zu DDR-Zeiten – nach einer kurzen Episode in der LDPD – Mitgründer einer Umweltinitiative. Als Vertreter der DDR-Grünen gehörte er 1990 mit dem Titel eines „Ministers ohne Geschäftsbereich“ der vorletzten DDR-Regierung unter Ministerpräsident Hans Modrow an. Bundesweite Bekanntheit erreichte er 1997 beim Oder-Hochwasser als Umweltminister. Von 1998 bis 2002 war er Oberbürgermeister von Potsdam. Nach dem Rücktritt Manfred Stolpes wurde er 2002 Ministerpräsident Brandenburgs.

Angela Merkel, die er aus Wendezeiten gut kennt, ist von Platzeck selbst informiert worden. Sie erfuhr die Brandenburger Neuigkeiten im Urlaub.