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Wenn Radprofis im Tagebau um die Wette fahren

Das kleine Spremberg erspart dem großen deutschen Verband eine Blamage. Allerdings läuft nicht alles so problemlos wie erhofft.

Irgendwo im Nirgendwo fahren die deutschen Radprofis um den Zeitfahrtitel. Die Straße im Tagebaugebiet ist jedoch ideal: neu angelegt, glatt, schön.
Irgendwo im Nirgendwo fahren die deutschen Radprofis um den Zeitfahrtitel. Die Straße im Tagebaugebiet ist jedoch ideal: neu angelegt, glatt, schön. © dpa/Jan Woitas

Zumindest die Dusche nach dem Rennen war den Radprofis sicher. Das Schwimmbad von Spremberg öffnete extra länger am Freitagabend. Ansonsten war in der Lausitzer Kleinstadt nicht zu merken, dass hier deutsche Meisterschaften stattfanden. Nirgendwo ein Hinweisschild, und auch die Tankstellenbesitzerin ganz in der Nähe des Tagebaugeländes hörte am Freitag zum ersten Mal vom Zeitfahr-Rennen.

An die Strecke hatten sich vermutlich auch deshalb nicht viel mehr als 200 Zuschauer verirrt. Eine Woche vorm Start der Tour de France hätten die deutschen Radprofis mehr Aufmerksamkeit verdient. Beinahe aber hätte es gar keine Meisterschaft gegeben – sondern eine peinliche Absage, weil bis Ende Mai kein Ausrichter gefunden war. Dann sprangen Spremberg für die Zeitfahrwettbewerbe und der Sachsenring für die Straßenrennen am Sonntag ein, und dem Bund Deutscher Radfahrer blieb eine Blamage erspart.

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Nun organisierte also kurzfristig der RK Endspurt Cottbus mit dem 85-jährigen Eberhard Pöschke an der Spitze die Wettbewerbe – und bemühte sich um eine gute Veranstaltung. Die wenigen Zuschauer jedenfalls konnten durchs Fahrerlager spazieren und waren so ganz nah dran an den Stars um Tony Martin, der vor seinem Start noch Autogrammwünsche erfüllte.

Sieg mit prominenter Unterstützung: Die querschnittsgelähmte Bahnrad-Olympiasiegerin Kristina Vogel gratuliert ihrer Freundin Lisa Klein.
Sieg mit prominenter Unterstützung: Die querschnittsgelähmte Bahnrad-Olympiasiegerin Kristina Vogel gratuliert ihrer Freundin Lisa Klein. © dpa/Jan Woitas

Martin, der im 20 Kilometer entfernten Cottbus geboren wurde, dominierte dann auch das Männerrennen. Neunmal ist der inzwischen 34-Jährige bereits deutscher Zeitfahrmeister geworden, seit 2012 gewann er den Titel ununterbrochen. Diesmal kam ihm Nils Politt sehr nahe, doch Martin, als Letzter der 62 Teilnehmer auf die 35 Kilometer lange Strecke gegangen, sicherte sich einmal mehr den Sieg.

Nur auf die offizielle Zeit mussten Sportler und Zuschauer warten. Wie schon beim Frauenrennen löste die Zeitnahme auf der Anzeigetafel nicht aus, was bei Martin aber einen anderen Grund hatte. Er wechselte nach einer Panne unterwegs das Rad, nur hatte dies keinen Transponder für die Zeitmessung. Am Ende lag Martin mit 39:11 Minuten dennoch deutliche 18 Sekunden vor Politt. „Es war der härteste Kampf seit langen, vor allem mental – weil ich schon bei Kilometer neun die Panne hatte. Das hat mich völlig aus dem Rhythmus gebracht“, sagte Martin, dem in einer Kurve der Hinterreifen vom Rad sprang.

Er sei lange im Niemandsland unterwegs gewesen, sagte Martin – und er meinte das nicht örtlich, sondern auf die Zeit bezogen. Auch im Ziel wusste er nicht, ob es zum Sieg gereicht hatte.

Alles andere wäre eine Überraschung gewesen, zumal der Zeitfahr-Spezialist in dieser Saison beim niederländischen Team Jumbo wieder Auftrieb bekommen hat. Die verschenkten Jahre zuvor bei Katusha-Alpecin scheinen vergessen zu sein, die Tour de France kann kommen. Bei seiner elften Teilnahme gibt es jedoch keine Warmlaufphase. Der Prolog nächsten Samstag in Brüssel und das Zeitfahren einen Tag später sind für Martin und seine Mannschaft enorm wichtig. In seinem neuen Team erlebt der fünfmalige Tour-Etappensieger einen Hang zur Perfektion, den er „noch nie erlebt hat“, wie Martin sagt. „Das Team gibt ihm das Gefühl, dass er der fehlende Punkt war. Er ist extremes Vorbild für die jungen Leute“, erklärt sein Manager Jörg Werner.

Die neue deutsche Meisterin Lisa Klein hatte wiederum einen besonderen Talisman dabei. Ihre Freundin Kristina Vogel saß im Begleitfahrzeug. „Am Wendepunkt habe ich Lisa angefeuert. Ich bin heute als Groupie hier“, meinte die Olympiasiegerin, die seit einem Trainingsunfall vor einem Jahr querschnittsgelähmt ist und in diesen Tagen einen straffen Zeitplan verfolgt. Vogel kam direkt von einer Fernsehaufzeichnung bei Markus Lanz aus Hamburg, und am Sonntag unterstützt sie ihren früheren Teamkollegen Maximilian Levy bei dessen Ironman-Debüt in Frankfurt.

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Klein, die zum ersten Mal den Zeitfahrtitel bei den Frauen gewann, freute sich sichtlich über den Besuch – und schenkte ihrer Freundin den Siegerstrauß. „Letztes Jahr wollte ich kurz nach Kristinas Unfall gar nicht zur deutschen Meisterschaft fahren. Dann habe ich für sie gekämpft, als sie gerade um ihre Leben kämpfte“, sagt die Vorjahresdritte Klein, die am Sonntag auf dem Sachsenring auch um den Straßentitel fährt. „Heute war mein Tag. Ich bin mein eigenes Rennen gefahren, die Taktik ging auf“, meinte sie. Was am Ende irgendwie auch für die rührigen Organisatoren galt.

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