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Eine Rose am Altar

Vor 150 Jahren wurde Wilhelm Haverkamp geboren. Der Bildhauer gestaltete auch die Görlitzer Lutherkirche aus.

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Von Ralph Schermann

Eine vergoldete Rose hat es Ingrid Wilke angetan. Mitten im Altar der Görlitzer Lutherkirche ist das edle Blümchen angesiedelt, und für Gäste macht Frau Wilke damit manchmal eine Art Suchspiel. Überhaupt kennt sich die resolute Frau aus mit den vielen Details in dem Sakralbau zwischen Lutherplatz und Jochmannstraße. Kein Wunder, ist sie doch nicht nur im Gemeindebeirat, sondern von Kind an in dem Gotteshaus unterwegs. Nicht minder ihr Mann Erich Wilke, den Görlitzern seit Jahrzehnten ein Begriff als Organist und Kantor. Zwei Unruheständler, deren Wissen und Engagement Innenstadtpfarrer Hans-Wilhelm Pietz immer wieder begeistert. „Deshalb müssen beide unbedingt mit aufs Foto“, sagt er, als es aus gutem Grund jetzt um die Innenausstattung geht.

Nicht nur an der Rose, auch insgesamt wurde mit Gold nicht gespart. „Das ist die Farbe der himmlischen Schönheit“, erklärt Hans-Wilhelm Pietz, und diese Schönheit feiert ein Jubiläum. Der bedeutende Bildhauer Wilhelm Haverkamp hat sie geschaffen, den Altar, die Kanzel, den Taufstein und vier große Evangelistenfiguren. „Vielleicht auch noch zwei Engel auf der Orgel-Empore“, vermutet Ingrid Wilke, doch das ist nicht belegt. Was Haverkamp 1901 auf seinem schöpferischen Höhepunkt für die Görlitzer Lutherkirche schuf, ist jedenfalls feinste Kunst und „ein Geschenk des Himmels“, wie es die Kirchenleute sehen.

Um den Rom-Preis beworben

Dies zu würdigen, ist den Wilkes wichtig: Am 4. März wäre der bedeutende Vertreter des Historismus, der westfälische Bildhauer Wilhelm Haverkamp 150 Jahre alt. Gestorben ist er nur 65-jährig in Berlin-Friedenau am 13. Januar 1929. Ingrid Wilke schwärmt für die Werke des Meisters, hat sich belesen, weiß viel zu berichten. Zum Beispiel darüber, dass Haverkamp bei seinen Großeltern aufwuchs und zunächst in Münster mithilfe eines Stipendiums studieren konnte, dass er in einem Wettbewerb gewonnen hatte – mit dem Einreichen einer Gruppe Rotkäppchen. Ab 1883 lernte er dann an der Preußischen Akademie der Künste bei Albert Wolff und Fritz Schaper, besuchte 1889 Paris und bewarb sich mit dem Relief „Gang zum Hades“ für den Rom-Preis, auch „Großer akademischer Staatspreis“ genannt, den er 1890 tatsächlich erhielt. Damit bezahlte er seinen Aufenthalt in Rom und schuf dort unter anderem 1891 die im Entree des römischen Palais Huffero aufgestellte Knabengruppe auf korinthischem Kapitel.

Nach seiner Rückkehr aus Rom im März 1892 heiratete Wilhelm Haverkamp in Senden (Westfalen) Margarethe Ferlmann-Bringelmann, die Adoptivtochter eines in die USA ausgewanderten Onkels. Die Familie bekam drei Kinder und lebte in Berlin, wo Haverkamp ab Oktober 1901 am Königlichen Kunstgewerbemuseum lehrte und 1903 zum Professor ernannt wurde. Das ist insofern eine erstaunliche Leistungsfülle, weil er um diesen Jahrhundertwechsel ein bedeutendes Werk nach dem anderen schuf. Neben der Ausstattung der Görlitzer Lutherkirche enthält das Verzeichnis allein von 1900 bis 1903 insgesamt 32 Werke, darunter so gewaltige Aufträge wie das Kurfürstendenkmal in Minden, den „Fürstenzug“ in Berlin-Charlottenburg, die Kreuzigungsgruppe in der Christuskirche Hamburg oder die künstlerische Ausstattung des Schnelldampfers „Wilhelm II“ in Bremen.

Als Lehrer hatte Haverkamp damals je Semester stets an die zwölf Schüler, die er mit zur Ausführung seiner Kunstwerke einsetzte. Gerade bei sakralen Aufträgen wählte Haverkamp aber auch oft wiederkehrende Motive. So schmücken seine lebensgroßen Evangelisten-Standbilder die Lutherkirchen in Görlitz, Friedenau und Apolda ebenso wie die Apostelkirche Ludwigshaven und die St. Georgenkirche Berlin-Mitte. „Und wir haben hier auch eine gute Verbindung zur Städtepartnerschaft zwischen Görlitz und Wiesbaden“, sagt Ingrid Wilke: Auch in der Ringkirche der hessischen Landeshauptstadt finden sich der Görlitzer Lutherkirche ähnliche Haverkamp-Motive.

256 Kunstwerke geschaffen

Man kann zudem davon ausgehen, dass Professor Johannes Otzen Gefallen an den erst in Berlin zu sehenden Figuren fand, denn er und sein Görlitzer Schüler Arno E. Fritsche waren die Architekten der eben aufgezählten Gotteshäuser. Insgesamt schuf Wilhelm Haverkamp 256 Kunstwerke, darunter Grafiken, Skulpturen, Reliefs, Denkmäler. Dafür wurde er hoch geehrt, unter anderem mit dem Anhaltischen Orden für Wissenschaft und Kunst sowie diversen goldenen Medaillen auf Kunstausstellungen und den Kieler „Roten Adlerorden“. Ab 1913 war er Mitglied der Preußischen Landeskunst-Kommission, ab 1916 Ordentliches Mitglied der Akademie der Künste.

Die Innenstadtgemeinde will dem Bildhauer am 27. April gedenken. Es ist der Tag, an dem neben der Kirche die Kindertagesstätte eingeweiht wird, und dann bietet sich auch die Osterzeit zum Feiern an. Für Christen ist dies stimmiger als jetzt in der bevorstehenden Passionszeit, betont Hans-Wilhelm Pietz, und Wilhelm Haverkamp wäre dies sicher recht. Denn seine Kirchenausstattung wird ohnehin von der Gemeinde Sonntag für Sonntag angenommen. Und wo in der Altarmitte die goldene Rose sitzt, ist ohnehin kein Geheimnis mehr.