merken
PLUS

Eine schrecklich korrupte Familie

Der Fußballverband Fifa hat mehr Mitglieder als die Uno und einen Präsidenten, der deshalb über allen thront.

© Reuters

Von Jens Weinreich

Joseph Blatter kann sehr charmant sein. Wer mit ihm ein paar Gläser Radeberger trinkt, dieses Bier hat er in den 1980er-Jahren bei einigen Besuchen in der DDR schätzen gelernt, unterhält sich prächtig. Blatter ist ein Plauderer, er hat ein einnehmendes Wesen. Eines aber hat man in Blatters Nähe nie: ein Gefühl der Ruhe. Seine Augen rotieren ständig und notieren jede Bewegung. Er saugt jede Information auf, kann nicht still sitzen, sucht Körperkontakt. Schauen Sie sich Bilder von Blatter mit Politikern an: Er mag es, Menschen zu umarmen oder ihnen wenigstens auf die Schulter zu klopfen, was manchmal ulkig wirkt, weil die meisten größer sind als er.

Gesundheit
Gesund und Fit
Gesund und Fit

Immer gerne informiert? Nützliche Informationen und Wissenswertes rund um das Thema Gesundheit haben wir in unserer Themenwelt zusammengefasst.

Joseph Blatter, von aller Welt Sepp gerufen, weshalb er sich offiziell Joseph S. Blatter nennt, ist seiner Enkelin Celina gewiss ein guter Großvater. Er hat allerdings wenig Zeit. Mehr als 300 Tage im Jahr ist er als Präsident des Fußball-Weltverbandes Fifa unterwegs, oft im gemieteten Privatjet, der in Anspielung an die Maschinen der US-amerikanischen Präsidenten „Fifa One“ genannt wird. Airforce One. Fifa One. Darunter macht es Sepp Blatter nicht. Seine Fifa vereine mit 209 Mitgliedsländern mehr als die Vereinten Nationen, sagt er gern. Er sieht sich auf einer Stufe mit Ministerpräsidenten und Staatspräsidenten, ach was, er sieht sich über den meisten thronend. Bis vor einigen Jahren hatte die Fifa das Motto „For the good of the game“, für das Gute im Spiel. Das war Blatter zu wenig. Der Slogan lautet nun: „Für die Welt“.

Das Problem mit Sepp Blatter und der Fifa ist allerdings, dass „die Welt“ zwar Fußball mag und sich für das Kernprodukt des Unternehmens interessiert, den goldenen Weltpokal, der alle vier Jahre bei den WM-Turnieren ausgespielt wird, dass „die Welt“ aber die Fifa überhaupt nicht schätzt. Das Akronym Fifa – Fédération Internationale de Football Association – ist zu einem Synonym für Korruption und Vetternwirtschaft geworden, das man in Hunderten Sprachen versteht. „Fifa-Mafia“ steht in brasilianischen WM-Städten an Häuserwänden. Ausgerechnet in Brasilien gingen schon beim WM-Test, dem Konföderationenpokal vor einem Jahr, Millionen Menschen auf die Straße. Sie protestierten auch gegen die Fifa, die aus der WM-Vermarktung, mit Fernsehrechten, Sponsorenverträgen, Lizenzen, Ticketerlösen und Hospitality-Paketen einen Milliardenprofit macht – während Brasilien mindestens 13 Milliarden Dollar aus öffentlichen Mitteln unter anderem in Stadien investiert, die bald verrotten, weil es keine Nachnutzung gibt.

Blatter kann das nicht verstehen. Er ist entsetzt und hat vor einem Jahr bei der Eröffnungsfeier „Fair Play“ angemahnt. Ausgerechnet er. Die Menschen buhten ihn noch lauter aus. Zur Eröffnung des Fifa-Kongresses am Dienstagabend in São Paulo störte kein buhenden Publikum. Blatter fühlte sich sicher im Kreise seiner Fußballfamilie, wie er das illustre Völkchen stets nennt. Er rief: „Musik! Tanz! Kultur! Karneval! Freundschaften! Brücken bauen! Liebe!“ Im Kongresszentrum gab es Beifall, er hat nur wenige Gegner, die vor allem aus Europa kommen. Draußen aber, in der richtigen Welt, kommen derlei primitive Botschaften nicht mehr an.

Joana Havelange, die Enkelin des 98 Jahre alten früheren Fifa-Präsidenten João Havelange, hat kürzlich im Foto-Netzwerk Instagram geschrieben, die Brasilianer sollten sich nicht so aufregen, es sei nicht zu ändern, die Milliarden „sind verbaut, gestohlen und geraubt“ und für sinnvollere Zwecke wie Gesundheit, Bildung und öffentlichen Nahverkehr ohnehin verloren. Joana Havelange hat gut reden: Sie ist Teil der Fifa-Familie, die von Opa João und Joseph Blatter geprägt wurde. Sie wurde nur deshalb im WM-Organisationskomitee angestellt – mit 37 000 Euro Monatsgage.

Mit seinen inzwischen 78 Jahren täte Joseph Blatter gut daran, in den Ruhestand zu gehen. Es wäre angebracht, wenn er es seinem Vorgänger Havelange nachmachen und nun zurücktreten würde. Havelange, dem millionenschwere Korruption gerichtsfest nachgewiesen wurde, verabschiedete sich Ende 2011 erst aus dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC), dem auch Blatter angehört, vor einem Jahr trat er als Fifa-Ehrenpräsident zurück. Blatter aber hat diese letzte Größe nicht. Er will nicht begreifen, dass er gemeinsam mit Havelange und etlichen anderen Funktionären, die seit Jahrzehnten die Fifa regieren, für das flächendeckende System des Gebens und Nehmens verantwortlich ist.

Nur der Rücktritt von Blatter und seiner kompletten, schwer belasteten Führungs-clique um Generalsekretär Jérôme Valcke, den Ersten Vizepräsidenten Julio Grondona, den Vizepräsidenten Michel Platini und vielen anderen würde der FIFA Perspektiven des Wandels eröffnen. Diese Typen braucht kein Mensch. Sie sind nicht wichtig für das Geschäft der Fifa, die Vermarktung der Weltmeisterschaften. Da der Verband, der in Zürich residiert und nach dem Schweizer Vereinsrecht organisiert ist – was skurril genug ist –, das Monopol auf den Goldpokal und die WM hat, füllen sich die Kassen fast von allein.

Da braucht es nur eine transparente agierende, professionelle Administration. Und es bräuchte Gesetzesänderungen, zunächst in der Schweiz. Entsprechende Initiativen scheiterten stets an opportunistischen Politikern, die sich wie auch in Deutschland im Glanze des Fußballs sonnen und auf Ehrentribünen drängen, und an von der Fifa bezahlten Lobbyisten. Inzwischen aber hat die Schweizer Regierung, der Bundesrat, zwei Gesetzesnovellen abstimmungsbereit vorgelegt: Es geht zum einen um die Verschärfung des Korruptionsstrafrechts. Erstmals könnten Sportfunktionäre belangt werden. Zum anderen wird das Geldwäschegesetz verschärft – auch hier geht es explizit um die dunklen Kanäle der Sportkonzerne.

Es ist absurd, Fifa und IOC sind Vereine, die als Holdings keine Einkommensteuer zahlen und im Kerngeschäft von der Umsatzsteuer befreit sind. Zugleich operieren sie wie globale Konzerne, ohne von internationalen Antikorruptionsabkommen erfasst zu werden. Sie agieren in großem Stil am Finanzmarkt und häufen Reichtümer an, die sich kaum mit dem Vereinsrecht vereinbaren lassen. Die Fifa verfügt über Reserven von 1,432 Milliarden US-Dollar. Das IOC hat 932 Millionen Dollar Rücklagen.

Alle diese juristischen und fiskalischen Widersprüche müssen dringend aufgelöst werden. Doch eine Revolution von innen wird es nicht geben. Den Reformen darf man nicht trauen. Um eine andere Kultur auszuprägen, bräuchte es Jahrzehnte – und erst einmal glaubwürdige Führungskräfte. Blatter aber wird nicht gehen. Er wird 2015 für eine fünfte Amtszeit wiedergewählt oder per Akklamation bestätigt. Wer sich ihm in den Weg stellt, hat keine Chance. Blatter verlässt das Fifa-Haus nur im Sarg.

Denn in der Fifa läuft es bis heute nach dem System, das Havelange und Blatter aufgebaut haben. Havelange war 1974 bis 1998 Präsident. Blatter wurde 1975 Fifa-Direktor, 1981 Generalsekretär und 1998 Präsident. Das Prinzip heißt: Geld und Vergünstigungen für Stimmen. Es wird demokratisch verbrämt mit dem Motto „One country, one vote“. Winzige Eilande, die nur wenige Tausend Menschen zählen, haben bei Fifa-Kongressen eine Stimme wie die Giganten England, Deutschland oder Brasilien. Das Prinzip ist nicht mehr tragbar, in anderen Sport-Weltverbänden wie etwa im Skisport gibt es das Verhältniswahlrecht. Das wäre in der Fifa angebracht.

Gemeinsam mit seinem einstigen Wahlhelfer aus Katar, dem langjährigen Exekutivmitglied Mohamed Bin Hammam, hat Blatter das System ab 1998 verfeinert und zwei Finanzprogramme installiert: Im ersten erhält jeder der 209 Nationalverbände, ungeachtet der Größe, jährlich 250.000 Dollar und manchmal Bonuszahlungen, die Blatter gerade in São Paulo wieder versprach. Außerdem gibt es das Entwicklungshilfeprogramm GOAL.

Vor allem Letzteres, lange Zeit von Bin Hammam verwaltet, wurde nachweislich ständig missbraucht. Auch von Blatter. Wahrscheinlich sind Hunderte Millionen in den Taschen korrupter Funktionäre verschwunden. Die Sunday Times hat dazu viele Beweise vorgelegt. Was aber macht Blatter? Er stellt sich vor jene Delegierten, die das Geld kassiert haben und betreibt Propaganda: Die Medienberichte seien Rassismus. Das Völkchen applaudiert stehend!

Sie werden Blatter wiederwählen. Sie wissen, dass die Überweisungen aus Zürich pünktlich eingehen – auf welchen Konten auch immer. Sie wissen, dass es mit Blatter keine Aufklärung gibt, dass nur einige geopfert werden, die er als Helfer nicht mehr braucht. Illusionen sind unangebracht. Die Fifa bleibt die Fifa, solange dort Sepp Blatter bleibt.

Jens Weinreich, geboren 1965 in Haldensleben, war von 2002 bis 2008 Sportchef der Berliner Zeitung. Seitdem arbeitet er als freier Journalist.

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die Sächsische Zeitung kontroverse Essays, Analysen und Interviews zu aktuellen Themen. Texte, die Denkanstöße geben, zur Diskussion anregen sollen.