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Eine Stadt in Dauer-Metamorphose

Weißwasser zeigt sich heute als moderne und bunte Stadt. Das war nicht immer so. Nun steht neuer Wandel bevor.

Verbandsspitzen der Deutschen Wohnungswirtschaft auf Sommertour in Weißwasser. Besucht wurde auch das Eisstadion.
Verbandsspitzen der Deutschen Wohnungswirtschaft auf Sommertour in Weißwasser. Besucht wurde auch das Eisstadion. © Foto: Sabine Larbig

Von Sabine Larbig

Weißwasser. Eine Metamorphose in Endlosschleife sind die 84 Jahre Stadtgeschichte von Weißwasser: Aus dem Heidedorf wurde durch Kohle- und Glasindustrie eine Stadt, die Jahrzehnte wuchs. Stadtteile aus großen grauen Betonbauten, entstanden, wo zuvor Wälder waren. 

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„Im Jahr 1989 hatten wir 8 800 Wohnungen im Bestand“ – diese Zahl nannte Petra Sczesny, Geschäftsführerin der Wohnungsbaugesellschaft mbH (WBG) Weißwasser, gestern bei einer Stadtrundfahrt mit Vertretern der Verbandsspitzen der Wohnungswirtschaft Deutschlands. Diese besuchten auf ihrer Sommertour 2019 auch Weißwasser. Wie die Gäste erfuhren, feiert die WBG in diesem Jahr 70-jähriges Bestehen – doch nur noch mit Mietern in 3 884 Wohnungen. Alle anderen Wohnungen wurden nach der Wende, als Weißwasser durch den Niedergang der Glasindustrie seine Einwohner an Regionen mit Arbeit verlor, abgerissen. „Damals kündigten monatlich etwa 40 Familien“, listet Sczesny auf. Als wirtschaftlicher Ausweg blieb Wohnungsunternehmen, zu denen auch die seit 65 Jahren bestehende Wohnungsbaugenossenschaft Weißwasser mbH (WGW) zählt, nur der Abriss. Bis heute riss allein die WBG 3 110 Wohnungen in Weißwasser und Boxberg ab; zuerst modernste, zehn Jahre alte Blocks am Rande von Weißwasser, wo heute wieder Wald ist.

Verbliebene Blöcke wurden saniert und modernisiert. Aus einer 38 000-Einwohner-Stadt mit grauem Plattenbau-Charme wurde dank Hunderter Millionen Investitionen der Wohnungsunternehmen eine farbenfrohe Kleinstadt, in der es sich gut lebt und Mieten von durchschnittlich 4,54 Euro pro Quadratmeter bezahlbar sind. Zeugnisse für modernes und am Bedarf orientiertes Wohnen sind sanierte Wohngebiete wie Sonnenbergsiedlung oder Boulevard.

Nun aber stehen Weißwasser und die Region erneut vor gravierenden Veränderungen und Herausforderungen durch das Kohle-Aus und den Strukturwandel. Zwar plant die WBG, ihre 60 Millionen Euro Altschulden bis 2025 abzubauen und die Konsolidierung – trotz 200 Millionen Euro Investitionsvolumen seit der Wende – erfolgreich fortzusetzen. Auf Grund der demografischen Entwicklung gehört der Abriss weiterer 570 Wohnungen bis 2027 dazu. Ob es so kommt, bleibt abzuwarten. „Wir sind noch lange nicht in der Normalität angekommen. Dazu waren und sind die Herausforderungen zu groß“, bekennt Sczesny. Und Oberbürgermeister Torsten Pötzsch sagt: „Weißwasser ist mit allen Problemen und Konflikten eine Art Laborfall.“ Aber der Stadtchef bescheinigt Einwohnern und Akteuren viel Innovation, Kreativität, Engagement, gepaart mit einem optimistischen Blick in die Zukunft. „Um einen erfolgreichen Strukturwandel hinzubekommen, müssen jedoch die Rahmenbedingungen stimmen“, gibt er zu bedenken.

So sehen es auch die Vertreter der deutschen Wohnungswirtschaft. „Es wird viel und laut über Probleme in Großstädten geredet. Diese Lautstärke wäre für Weißwasser und die Region wünschenswert“, so Axel Gedaschko, Präsident des Bundesverbandes deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW). Er fordert für die regionale Wohnungswirtschaft den Einsatz der Strukturwandel-Gelder vor Ort – und Bundesgelder für die Instandhaltung sozialen Wohnungsbaus im ländlichen Raum; Investitionskomponenten, die Rückbau und/oder Aufwertung ermöglichen. Einen Nachfolger für das Altschuldengesetz sieht er als unverzichtbar an. Plänen, wonach bis 2050 alle Wohngebäude CO -frei sein sollen, erteilt er dagegen eine Absage. „Das überfordert die Wohnungsunternehmen und die Menschen und hilft niemandem“, glaubt WGW-Vorstand Dietmar Lange ebenfalls. Zudem habe die Wohnungswirtschaft in Weißwasser, so Petra Sczesny, andere akute Probleme. „Nur noch bis 2028 besteht Versorgungssicherheit mit Fernwärme vom Kraftwerk Boxberg. Danach müssen wir die Häuser anders heizen.“

Alle in Weißwasser gehörten Probleme will Gedaschko heute bei einem Spitzentreffen in Berlin ansprechen. „Wir setzen uns als Verband massiv für die Strukturwandel-Förderung und die Probleme der Branche ein“, so der GdW-Chef. „Doch die Dimensionen gravierender Veränderungen in so kurzer Zeit, wie sie Weißwasser erlebte, gibt es nirgends im Land.“ Umso mehr sei er vom Willen der Menschen angetan, die Entwicklung als Chance zu sehen.

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