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Eine Stelle für Sindy

Nur selten schaffen Behinderte den Einstieg in ihren Traumjob. Eine Erfolgsgeschichte zum Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung.

© hübschmann

Von Marco Henkel

Sindy Berger wollte den Job unbedingt. Schon während ihrer Schulzeit arbeitet die junge Meißnerin deswegen jeden Freitag im Pflegeheim „Carpe Diem“. „Sie hat einen sehr lieben Umgang mit den Bewohnern, ist zuverlässig und gewissenhaft“, urteilt Pflegedienstleiterin Martina Sperling.

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Dass die fast 20-Jährige die Arbeitsstelle im Pflegeheim bekommen hat, war trotzdem nicht selbstverständlich. Denn Sindy hat große Schwierigkeiten beim Lernen, gilt deswegen sogar als schwerbehindert. Sindy braucht länger, um sich in neue Aufgaben einzuarbeiten und sich an neue Situationen zu gewöhnen. Ihre Kollegen müssen deswegen etwas mehr Geduld aufbringen als bei Menschen ohne Behinderung, ihr Handgriffe auch notfalls zwei oder drei Mal erklären. Das bedeutet natürlich einen Mehraufwand und der schreckt viele potenzielle Arbeitgeber ab. Ende November waren im Arbeitsagenturbezirk Riesa 730 schwerbehinderte Männer und Frauen arbeitslos gemeldet. Das entspricht 6,3 Prozent aller Erwerblosen im Agenturbezirk.

Laut Gesetz müssten alle Firmen über 20 Mitarbeiter einen Schwerbehinderten beschäftigen, tun sie das nicht, müssen sie eine monatliche Ausgleichsabgabe leisten. Andererseits können Arbeitgeber Lohnkostenzuschüsse beantragen, wenn sie Menschen mit Behinderungen einstellen. Doch das überzeugt nicht alle Arbeitgeber. Sindy ist in diesem Jahr die einzige Schülerin der Förderschulen (G) im Bereich des Arbeitsagenturbezirkes Riesa, die einen Arbeitsvertrag für ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis erhielt. „Viele meiner Schulkameraden arbeiten in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung, aber da wollte ich auf keinen Fall hin“, erzählt sie. Stattdessen wollte sie wie ihre Mutter in der Altenpflege arbeiten. „Sie hat mir gesagt, dass es schwer werden wird, aber dass ich es schaffen kann“, berichtet Sindy.

„Ich habe mich riesig gefreut, als ich die Stelle bekommen habe“, erinnert sich Sindy. Zunächst ist die Stelle auf zwei Jahre befristet. Aber auch vonseiten des Pflegeheims wünscht man sich, dass der Vertrag später in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis umgewandelt wird. Sie ist sich sicher, dass der Job der Richtige für sie ist – auch wenn sie oft auch an Wochenenden oder Feiertagen arbeiten muss, wenn andere in ihrem Alter in der Disco feiern. „Ich bin eh nicht so ne Partymaus. Deswegen ist das nicht so schlimm.“

Auch für das Pflegeheim ist es das erste Mal, dass man mit Sindy eine Schwerbehinderte einstellt. „Wir waren am Anfang gespannt, wie sie die Aufgaben meistert. Aber jetzt sind wir wirklich zufrieden mit ihr“, sagt Pflegedienstleiterin Martina Sperling. „Wir nehmen Sindy den Druck und überfordern sie nicht. Sie bekommt zum Beispiel mehr Zeit sich an einzelne Wohngruppen zu gewöhnen“, beschreibt Sperling. Besonders bei den kleineren Schreibarbeiten hat Sindy noch Probleme. „Da muss ich mich noch verbessern“, weiß sie.

Genug gefordert wird Sindy wie alle anderen Angestellten trotzdem. „Sie soll ja schließlich eine Unterstützung für ihre Kollegen sein und keine Last“, so Sperling. Besonders morgens kann es im Pflegeheim schon mal stressig werden: „Das ist eben die Generation der Frühaufsteher. Jeder will zuerst am Frühstückstisch sitzen, erzählt Sperling lachend.