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Pirna

„Eine Umgehungsstraße wäre die Lösung“

Die Bürgerinitiative kämpft gegen den Auto-Wahnsinn im Kurort Berggießhübel. Sie hat erste kleine Erfolge erzielt – und braucht viel Geduld.

© Symbolfoto: Steffen Unger

Die Berggießhübler wollen die tägliche Blechlawine durch ihren Ort nicht mehr länger hinnehmen. Deshalb und für einen lebenswerten Kurort haben sie eine Bürgerinitiative gegründet. Ein Ziel, der Geschwindigkeits-Smiley, war relativ schnell realisiert. Einige andere Ziele sind noch weit entfernt. Warum und wie sie erreicht werden sollen, sagt Sprecher und Mitbegründer Jochen Flaske.

Von null auf hundert könnte man den Start der Berggießhübler Bürgerinitiative „Bürger für einen lebenswerten Kurort“ bezeichnen. Im Februar von 14 Einwohnern gegründet, machen schon 50 mit. Was treibt die an, Herr Flaske?

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Dass unsere Initiative weiter wächst, ist nicht verwunderlich, denn immer mehr Bürger setzen sich gegen den unerträglich gewordenen Verkehr durch unseren Kurort zur Grenze und retour zur Wehr. Wir und unsere Gäste wollen nicht länger darunter leiden, dass unser Kurort einer der sächsischen Abladeplätze für Autoabgase und Lärm ist. Das extrem hohe Verkehrsaufkommen verursacht Feinstaub- und Stickoxidbelastungen, schadet damit unser aller Gesundheit. Lärm und Raserei verunsichern die Anwohner, insbesondere Ältere und Familien mit Kindern. Die Lebensqualität im Kurort Berggießhübel wird dadurch stark beeinträchtigt.

Jochen Flaske  wohnt in Berggießhübel, hat die Bürgerinitiative maßgeblich ins Leben gerufen und ist nun ihr Sprecher. 
Jochen Flaske wohnt in Berggießhübel, hat die Bürgerinitiative maßgeblich ins Leben gerufen und ist nun ihr Sprecher.  © Norbert Millauer

 Wir sind sehr besorgt, denn diese Verkehrsbelastungen verhindern mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass unserer Stadt 2021 erneut das Kurortprädikat zuerkannt wird. Die Zahl der unseren Kurort als Durchfahrtroute zu und von der Grenze nach Tschechien nutzenden Autos muss drastisch reduziert werden. Zu unseren vorrangigen Anliegen gehört deshalb, den Verkehr zu beruhigen und so die Sicherheit aller zu erhöhen.

Das sind viele Ziele und Aufgaben auf einmal. Wie sollen sie erreicht werden?

Die Schwerpunkte hat die Bürgerinitiative in ihrer Grundsatzerklärung aufgeschrieben. Das ist erstens die Reduzierung der Geschwindigkeit auf der gesamten S 173 im Kurort Berggießhübel auf 30 km/h, zweitens Fußgängerüberwege am Berggießhübler Rathaus, an der Prinzessinsäule sowie der Eisenstraße und drittens eine Fußgängerampel mit Bedarfsregelung an der Prinzessinsäule unweit von Grundschule und Kindergarten. Dazu kommen die mittel- und langfristigen Themen. Perspektivisch muss die bisherige Mautregelung durch Regierungsverhandlungen mit Tschechien geändert werden, das heißt, auch die Rückfahrt aus Richtung Tschechien muss mautfrei sein. Vor der Autobahn-Anschlussstelle der A17 Berggießhübel/Bahretal ist ein großes Schild mit dem Hinweis auf Mautfreiheit bis zur D-8-Anschlussstelle Petrovice aufzustellen. Eine Umgehungsstraße würde die generelle Lösung bringen,

Für diese Ziele brauchen Sie Verbündete wie die Stadt, den Landkreis und den Freistaat, Für die aber ist Berggießhübel ein Problem von vielen.

Sicher, aber es lohnt sich. Vor allem von der Realisierung der an die Landesregierung gerichteten Vorschläge verspricht sich unsere Bürgerinitiative eine deutliche Verminderung des Transitverkehrs durch Berggießhübel. Natürlich ist der Bau einer Umgehungsstraße, ähnlich der Südumfahrung von Pirna, ein nicht von heute auf morgen umzusetzendes Vorhaben. Es ist beträchtlich teuer und langfristig, aber unserer Meinung nach realisierbar.

Was sind die größten Hindernisse?

Wir haben den Eindruck, dass zurzeit das größte Hindernis im zuständigen Bereich des Landratsamtes zu finden ist. In der Bürgerinitiative wird deshalb erwogen, zum Beispiel das Vorhaben „Sicherer Schulweg“ und andere Forderungen in den Kreistag zu bringen. Dazu bereiten wir Gespräche mit potenziellen Verbündeten vor. Wir wollen das Negieren der Bürgerinteressen nicht hinnehmen.

Woraus schlussfolgern Sie, dass das Landratsamt Ihre Initiative negiert?

Unser Verständnis ist zu Ende, wenn wir hören, dass die Flüssigkeit des Verkehrs auf der Staatsstraße S173 ein „wertvolles Gut darstellt“, aber vergessen wird, wie gesundheitsschädlich Autoabgase und Lärm für die Bürger an der Transit-Strecke sind. Diese Worte in einem Schreiben des Vize-Landrates haben uns erschreckt.

Was bedeutet das für die weitere Zusammenarbeit mit dem Landratsamt?

Unsere basisdemokratische Bürgerinitiative ist unbedingt kooperativ. Der Vizelandrat hat sich ja zu weiteren Gesprächen aufgeschlossen geäußert. Ein großer Teil der Berggießhübler, alles „Wahlvolk“, erwartet, dass nicht Paragrafen Priorität haben, sondern Gesundheit und Lebensqualität.

Wer unterstützt die Bürgerinitiative?

Bürgermeister Christian Walter hat im Rahmen seiner Möglichkeiten Verständnis für unsere Anliegen bekundet. Offene Ohren fanden wir auch bei den Stadtratsfraktionen der Linken und der neuen „Liste Freier Bürger.“ Wir wollen auch die Sächsische Landesregierung in einem Brief um Unterstützung ersuchen.

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