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Eine Zerreißprobe für den Sport

Warnsignale sind nicht zu übersehen: Der Spitzensport verliert an Bedeutung, die Athleten sind verunsichert, vergreifen sich am Fairplay. Veränderungen sind nötig.

© dapd

Von Helmut Digel

Ein zu schnell fahrender Zug, der die Warnzeichen übersieht, mehrere Weichen überfährt und ein großes Unglück zur Folge hat, ist ein oft genutztes Bild, wenn man vor Entwicklungen warnen möchte, die möglichst zu vermeiden sind. Nicht immer ist dieses Bild passend, für die Probleme, die sich in der deutschen Sportentwicklung schon seit vielen Jahren zeigen und deren Lösung dringend erforderlich ist, scheint das Bild von der richtigen Weichenstellung jedoch hilfreich zu sein.

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Eine ganze Reihe von Warnsignalen ist schon seit längerer Zeit nicht zu übersehen. Hinter jedem der Warnsignale steht ein gravierendes Problem, das schon seit längerer Zeit einer Lösung bedarf und wobei sich die Frage stellt, wie die Dachorganisation des deutschen Sports, der Deutsche Olympische Sportbund DOSB, sich mit dieser Problemstellung auseinandersetzt und welche Lösungswege er zu suchen bereit ist.

Das erste Problem betrifft den deutschen Spitzensport, den der Deutsche Olympische Sportbund mit seinen Fachverbänden vertritt und der finanziell ganz wesentlich durch den Staat mit den Mitteln des Steuerzahlers alimentiert wird. Für diesen Spitzensport stellt sich längst die Frage der gesellschaftlichen Legitimation. Im Spitzensport ist ein kultureller Bedeutungsverlust zu beobachten, der sich vor allem dadurch auszeichnet, dass sich seine Wertestruktur völlig verändert hat, ja es muss bereits von einem Werteverfall gesprochen werden. Der Spitzensport von heute ist vorrangig ein Produkt der Unterhaltungsindustrie, er folgt fast ausschließlich einer ökonomischen Logik. Die Rolle der Athleten hat sich dabei in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Sie stellen überwiegend Einzelunternehmer dar, ihr Leistungshandeln ist unternehmerisches Handeln und ihre Leistungen werden als Ware am Markt betrachtet. Training und Wettkampf zeichnen sich dabei durch totalitäre Tendenzen aus.

Die Athletinnen und Athleten werden voll und ganz in diesem Hochleistungssport beansprucht. Will man erfolgreich sein, sind Bildung und Ausbildung unterzuordnen. Die Risiken, die die Athletinnen und Athleten dabei einzugehen haben, sind erheblich. Der moderne Hochleistungssport weist immer häufiger frühkapitalistische Produktionsmerkmale auf, und es stellt sich immer entschiedener die Frage der sozialen Verantwortung und der sozialen Gerechtigkeit.

Das zweite Problem hängt auf das Engste mit dem ersten zusammen. Der gravierende Werteverfall, der im Hochleistungssport zu beobachten ist, trifft vor allem die konstitutive Maxime, die den Hochleistungssport zu prägen hat, das Fairplay-Prinzip. Immer mehr Athleten stellen dieses Prinzip infrage. Die selbst gesetzten Regeln werden immer häufiger außer Kraft gesetzt. Am deutlichsten zeigt sich dies beim Dopingbetrug, der mittlerweile umfassenden Charakter hat. Sämtliche Spitzensportverbände sind davon betroffen und vielleicht gerade deshalb wird der Dopingbetrug immer häufiger als nahezu naturgegeben hingenommen. Gleiches gilt für Wettkampf- und Ergebnismanipulationen.

Das dritte Problem betrifft die Mitgliederentwicklung in den Mitgliedsorganisationen des Deutschen Olympischen Sportbunds. Der DOSB konnte sich in den vergangenen 60 Jahren als eine Organisation von Bürgern darstellen, die sich für die deutsche Gesellschaft als äußerst attraktiv erwiesen hat. Es war dabei ein stetiges Wachstum zu beobachten, teilweise kam es zu sprunghaften Entwicklungen. Einige Sportarten haben sich dabei als besonders attraktiv erwiesen. Ein generelles Wachstum des DOSB scheint nun allerdings der Vergangenheit anzugehören.

Die demografische Entwicklung der Bundesrepublik hat längst auch ihre Auswirkungen auf dem Gebiet des Sports, und könnte der DOSB seinen Organisationsgrad in Bezug auf die deutsche Gesellschaft halten, so müsste man dies bereits als einen großen Erfolg bezeichnen. Die Realität spricht allerdings eine andere Sprache, einige Verbände haben in den vergangenen Jahren erhebliche Einbußen aufzuweisen und es wird immer schwieriger, den relativen Anteil zu halten, den der Sport in Bezug auf die Organisiertheit in freiwilligen Vereinigungen erreicht hat.

Das Mitgliederproblem verweist auf ein viertes Problem, das sich vor allem in der Sozialstruktur der Sportorganisationen widerspiegelt. Dem Sport ist es schon immer schwergefallen, das untere Drittel der Gesellschaft in seine Sportorganisationen einzubinden. Vor allem der Freizeit- und Breitensport war es, der sich seit Gründung des Sportbundes 1950 vorrangig an den Interessen und Bedürfnissen der mittleren und oberen Schicht unserer Gesellschaft orientiert hat. Betrachtet man die sozialstrukturellen Bedingungen der Sportverbände von heute, so wird diese Mittelschichtorientierung besonders offensichtlich. Dies gilt für die Ehrenämter des Sports in besonderem Maße. Aber auch die Ebene der Trainer und Übungsleiter ist davon betroffen.

Gewiss lassen sich noch weitere bedeutsame Probleme benennen, mit denen sich der organisierte Sport auseinandersetzen muss. Wenn am Wochenende ein neuer Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes gesucht und gewählt wird, wenn ein neues Sportparlament gegründet werden soll, so stellt sich die Frage, wie der Deutsche Olympische Sportbund mit seinem Präsidium und seinem Präsidenten die Weichen für die zukünftige Entwicklung stellen wird.

Die hier skizzierten Leuchtsignale sollten beachtet werden. Gelingt dem neuen DOSB eine Legitimation des Hochleistungssports, die glaubwürdig ist, die sich nicht durch Sonntagsreden auszeichnet, sondern eine Praxis zur Folge hat, die auf wirkliche Veränderungen ausgerichtet ist? Wird der neue DOSB sich durch eine Geschlossenheit im Antidopingkampf auszeichnen, die sich vor allem dadurch kennzeichnet, dass die Verbände wirklich bereit sind, die Täter in ihren eigenen Reihen einer gerechten Strafe zuzuführen und die Entourage des Betruges auszumerzen?

Wird der DSOB die Strafverfolgung der Täter in seinen eigenen Reihen begrüßen und wird er die notwendigen partnerschaftlichen Leistungen erbringen? Durch welche Qualitätssteigerungen gelingt es dem neuen DOSB, seine Mitglieder zu binden und Neue mit attraktiven Ideen zu erreichen? Wie schafft es der neu gewählte DOSB auch den Menschen, die in prekären Situationen leben, ein attraktives Sportangebot zu unterbreiten? Kann der DOSB seine Mitgliederstruktur so verändern, dass er tatsächlich ein Abbild der Gesellschaft ist?

Will der neu gewählte DOSB die Weichen richtig stellen, so benötigt er Zeit und intelligente Ratgeber. Er benötigt vor allem Funktionäre, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, die aber auch bereit sind Risiken einzugehen, um tragfähige Lösungen für die anstehenden Probleme zu finden. Er benötigt schließlich auch Mitglieder, die nicht angepasste Ja-Sager sind, sondern sich ideenreich in die Diskussionen einbringen, wo immer der DOSB sich seinen Problemen stellt.