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Einen Plausch gibt’s gratis

In der Großröhrsdorfer Buch- und Spielwarenhandlung Robert Philipp wird noch immer eingetütelt. Aber nicht nur.

Grit Gebler erfüllte sich gemeinsam mit Sandra Kretzschmar den Wunsch vom eigenen Buchladen.
Grit Gebler erfüllte sich gemeinsam mit Sandra Kretzschmar den Wunsch vom eigenen Buchladen. © Matthias Schumann

Großröhrsdorf. Ein Ohr am Telefon mit dem Lieferanten, ein Ohr bei der Kundschaft im Geschäft am Verkaufstresen einer älteren Dame. Da kommt auch noch ein Postbote mit Ware und schon wieder geht die Tür auf. Grit Gebler steckt mitten im Weihnachtsgeschäft. Die ältere Dame packt zufrieden zwei Abreißkalender ein, während Grit Gebler bestellte CDs aus dem Päckchen zutage fördert. Die Buch- und Spielwarenhandlung an der Hohen Straße in Großröhrsdorf ist kein gewöhnliches Geschäft, es atmet Geschichte. Robert Philipp steht in goldenen Lettern draußen über den Schaufenstern und auch an diesem Tag Großröhrsdorfer davor, die interessiert die Ware begutachten. Das war wohl schon früher so, als Robert Philipp das Geschäft Ende 1880 gründete. Bis heute ist Dietel-Philipp den Großröhrsdorfern ein Begriff. So wurde er genannt wegen der Tütchen, in welche die Ware damals gesteckt wurde. Vieles wurde ja lose verkauft. Grit Gebler und Sandra Kretzschmar belebten das Geschäft als Buch- und Spielwarenhandlung Robert Philipp vor zehn Jahren neu. Mitte der 1990er-Jahre hatte das Geschäft geschlossen.

Die beiden Freundinnen und Kauffrauen erfüllten sich mit dem Start in die Selbstständigkeit mit einem Buchladen einen Herzenswunsch. Von dem hatten sie beim Kaffee immer wieder geträumt. Die Liebe zum Buch war da. Veränderte Lebensumstände, Familie, die Kinder ließen dann auch den Entschluss reifen, beruflich neu anzugfangen. Als Kauffrauen brachten sie zwar Fachwissen mit, aber das reichte nicht für die Existenzgründung. Die beiden Frauen fassten sich ein Herz und machten sich bei einem sechsmonatigen Seminar in Hoyerwerda fit. Dazu ein Kurzlehrgang über den Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Gar nicht so einfach sei es gewesen, die Finanzierung aufzubauen. Im Oktober 2008 ging es dann los. Durch Zufall erfuhren die Frauen damals vor zehn Jahren, dass der traditionsreiche Laden renoviert wurde: „Wir waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort“, sagt Sandra Kretzschmar, „und bei Grit Gebler kamen ja noch die ganzen positiven Kindheitserinnerungen an den Laden dazu.“ Im Geschäft hängt auch ein Porträt des Firmengründers Robert Philipp mit seiner Frau Clara, geborene Gebler. Deren Sohn aus erster Ehe übernahm später das Geschäft. Mit der Familie ist Grit Gebler sogar verwandt, wenn auch weitläufig. Aber umso schöner sei es jetzt, in diesen Räumen zu stehen. Zumindest ein Teil davon ist es. Grit Gebler deutet auf ein paar Treppenstufen, die an einer Wand enden. Dort sei es früher zum Kontor gegangen. Mit ihrer Oma sei sie hinaufgestiegen und habe beim damaligen Chef als kleines Kind unterm Schreibtisch gespielt. Wer aus dem Schaufenster blickt, sieht auf das Großröhrsdorfer Heimatmuseum. Dort steht noch die alte Ladeneinrichtung vom Dietel-Philipp. Auch die Kunden erzählen gern von ihren Erinnerungen und vor allem davon, wie sie sich an den Schaufensterscheiben die Nasen platt gedrückt haben. Eine Kundin lässt sich unterdessen zu Püppchen für die Puppenstube beraten. Was nicht vorrätig ist, wird bestellt. Die Bücherregale sind gut gefüllt. Ein Schaukelpferdchen steht neben dem Tisch, der Blick gleitet über Kuschelpuppen für Babys und Holzautos. Kleine Prinzessinnen sind hier gut aufgehoben, aber auch Naturforscher. Experimentierkästen stehen neben Gesellschaftsspielen. Günter Krulich aus Großröhrsdorf sucht ein Buch für einen seiner Enkel, altersgerecht. Für ihn sei es heute wie früher das Sortiment ausgewählter Produkte, das ihn herziehe: „Eine ansprechende Auswahl“ im Überangebot der Massenwaren und gute Qualität.

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Vor Weihnachten sind Bücher gefragt

Heute ist das Sortiment zu gleichen Teilen auf Spielwaren und Bücher fokussiert. Wobei die beiden Frauen viel Wert auf Individualität legen. Dazu gehört pädagogisch wertvolles Holzspielzeug, nicht die typische Plastikware. „Es sind Sachen, von deren Qualität wir überzeugt sind, die wir mit unseren Kindern getestet haben“, versichert Sandra Kretzschmar. Jetzt vor Weihnachten seien Bücher sehr gefragt. Für Kinder ganz unterschiedliche Sachen. Es könne ein Kegelspiel oder ein Kaufmannsladen aus Holz sein, auch Puppen und Gesellschaftsspiele seien sehr beliebt.

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Den Berufswechsel hätten sie beide nie bereut, auch wenn der Job mit der Internetkonkurrenz im Nacken nicht leicht sei. Sandra Kretzschmar: „Wir sind sehr stolz auf unsere Kunden, die sich im Internet durchaus Anregungen holen, aber doch zu uns kommen, um zu bestellen.“ Weil es ihnen wichtig sei, dass es kleine Läden in der Stadt gibt, dass sie zu einer Stadt gehören. Hier kommt noch der zwischenmenschliche Kontakt dazu. So entwickelt sich am Tresen gerade ein Gespräch über Kochbücher. Zur Ware gibt es also noch einen Gratisplausch oder Tipps. Für ihr Geschäftskonzept erhielten die Frauen einst sogar einen Gründerpreis. Sandra Kretzschmar sagt heute: „Man wird nicht reich mit so einem Geschäft, aber es ist unsere Leidenschaft und wir kommen jeden Tag gern ins Geschäft, das ist doch auch wichtig für ein erfülltes Leben. Da fällt auch noch das wichtigste Stichwort: „Brauchen sie eine Tüte“, fragt Sandra Kretzschmar eine Kundin. Hier, wo einst „Dietel-Philipp“ hinterm Tresen stand, wird immer noch eingetütelt.