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Feuilleton

Einfach mal anhalten, wenn die Welt durchdreht

Alle reden nur noch über das Coronavirus. Der Alltag ändert sich. Wie unser Autor Peter Ufer das alles erlebt, erzählt er hier ganz persönlich.

© Wikimedia/SZ

Spontan entschließe ich mich, ein Tagebuch zu schreiben. Denn jeder Tag ändert gerade mein Leben. Es ändert sich jetzt das Leben von so vielen. Als SZ-Autor arbeite ich von zu Hause aus, wie ab heute die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen. Sie organisieren ihre Heimarbeit oder wie es neusächsisch heißt: Homeoffice.

Ich lese noch vor dem Frühstück meine Mails. Eine Leserin schreibt mir: „Danke für den Artikel ,Mit Humor gegen Virenangst‘ in der SZ. Er hat mir geholfen, diesen Tag mit Würde zu überstehen. Gatte operiert früh, überall Desinfektionen, Schule zu, Kindergarten weiß nichts – ich unterrichte dort Tschechisch. Wohne an der Grenze zu CR; fahre einkaufen, verursache einen Unfall. Könnte heulen, dann ihr Artikel… Danke. Noch lache ich nicht, bin aber voller Zuversicht, den Wahnsinn zu überleben.“

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DDR-Mitgliedsbuch statt Impfausweis

Ich muss plötzlich daran denken, dass schon vor Tagen der Bundesgesundheitsminister Menschen über 60 empfohlen hatte, sich gegen Pneumokokken impfen zu lassen. Das hilft nicht gegen CoronaViren, aber gegen eine bakterielle Lungenentzündung. Ich werde erst in vier Jahren 60, aber im Frühjahr reagiere ich allergisch auf Pollen, da bekomme ich Asthma.

Ich rufe meine Hausärztin an, ob die Impfung sinnvoll ist. Sie meint, ich möge am besten sofort kommen, das Wartezimmer sei gerade leer, aber ich solle unbedingt den Impfausweis mitbringen. Ich fange an, meinen Impfausweis zu suchen, den ich bestimmt seit zwanzig Jahren nicht mehr in der Hand hatte. Ich finde ihn nicht, dafür das Mitgliedsbuch des Deutschen Roten Kreuzes der DDR, Tag der Aufnahme 9. Februar 1982, Mitgliedsnummer 04995.

Meine Hausärztin muss lachen, als ich das erzähle, impft mich trotzdem, das dauert zwei Minuten. In den vergangenen zwei Stunden hatte sie 60 Kontakte mit Patientinnen und Patienten, erzählt sie, meistens grippale Infekte, viele Telefonberatungen. Die Verunsicherung sei groß, aber die meisten Menschen seien freundlich.

Datsche in der Sächsischen Schweiz

Am Freitag wäre ich eigentlich auf der Leipziger Buchmesse gewesen. Aber da war ich nicht. Schon vor zwei Wochen wurde bekannt gegeben, dass sie nicht stattfindet. Keine Lesung, keine Zuhörer, kein Honorar, aber Zeitgewinn.

Ich rufe meinen Vater an, den ich seit Wochen nicht angerufen habe, und frage, wie es ihm geht. Er ist 83 Jahre und meint, ihm gehe es großartig. Er habe sich mit seiner Frau in seine Datsche in die Sächsische Schweiz zurückgezogen. „Wir können uns die nächsten acht Tage selbst versorgen, alles Notwendige besorgt, wir müssen nicht raus“, sagt er.

Er sitze auf der Terrasse in der Sonne, und ich solle das auch tun. „Was?“, frage ich. Er: „Einfach mal anhalten. Die Welt ist völlig durchgedreht, da ist es gut, dass wir alle mal zur Ruhe kommen.“

Auch ich als sein Sohn würde doch zur Generation Alles-ist-möglich gehören und solle mal auf den Boden der Tatsachen zurückkommen. Ich biete ihm an, falls er etwas braucht, ihm alles vorbeizubringen. „Das meine ich, mein Junge, das meine ich“, sagt er.

Freude über Video-Handy-Anruf

Sonnabend wollten sich meine Frau und ich mit Freunden treffen, ihr Sohn feierte 18. Geburtstag. Weil von Verwandten die Kinder mit anderen Kindern in Kontakt waren, die unter Coronaverdacht stehen, wird die Feier, die in einer Gaststätte stattfinden sollte, abgesagt. Wir treffen uns zu einem Spaziergang im Freien, nehmen in Thermoskannen Kaffee mit, picknicken an einer Bank auf der Wiese im Kaitzer Loch in Dresden. Wir essen selbst gebackenen Kuchen, und es wird eine lustige Open-Air-Party.

Seit vergangenem Donnerstag hat auch das Tom Pauls Theater in Pirna geschlossen. Der Landkreis Sächsische-Schweiz-Osterzgebirge verfügte schon am Mittwoch, dass keine Veranstaltung mit über 100 Personen mehr stattfinden darf. In Dresden lag da der Maßstab noch bei 1.000. Als Mitbetreiber des Pirnaer Hauses berate ich täglich mit Tom Pauls und unserer Geschäftsführerin Kerstin Kochan, was wir tun.

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Am Mittag erkläre ich über Festnetz meiner 83-jährigen Mutter, die alleine lebt, wie das mit dem Video-Handy-Anruf über WhatsApp funktioniert. Als sie es verstanden hat, ruft sie mich per Handy zurück, freut sich, mich zu sehen.