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Einfach mal das Bauchtuch vergessen

Jedes Jahr ereignen sich Tausende Behandlungsfehler. Viele ließen sich vermeiden.

Die meisten Fehler entstehen im Krankenhaus.
Die meisten Fehler entstehen im Krankenhaus. © dpa/Sven Hoppe

Der Fall klingt wie die Szene aus einem schlechten Film: Ein Patient musste sich wegen eines Darmverschlusses ins Krankenhaus begeben. Bei der Operation erlebten die Ärzte eine Überraschung: Im Körper des Mannes befand sich – ein Bauchtuch. Es wird bei Eingriffen genutzt, um Blut und Sekret aufzusaugen.

Der Patient ahnte sofort, wie das Tuch in seinen Bauch geraten war. Rund sieben Monate zuvor lag er nämlich schon einmal auf dem OP-Tisch – damals wegen eines Dickdarmkarzinoms. Dabei, so seine Vermutung, hatten die Ärzte das Bauchtuch einfach vergessen.

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Aber wie sollte er den Verdacht beweisen? Er wandte sich an seine Krankenkasse, die AOK Plus. Die beauftragte den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) mit der Prüfung des Sachverhaltes. Ein Gutachten kam schließlich zu dem Ergebnis, dass bei der ersten Operation eine Schlussrevision des Operationsgebietes auf verbliebenes Fremdmaterial nicht dokumentiert wurde und der Fehler also vermeidbar war. Der Mann lebt nun mit künstlichem Darmverschluss und klagt auf Schadenersatz.

In der Fachsprache heißt so etwas „Never Event“ – ein Ereignis, das nie hätte passieren dürfen. Und doch kommt es in deutschen Krankenhäusern immer wieder zu solchen Vorfällen. Deren unverminderte Häufigkeit gebe „besonderen Anlass zur Sorge“, sagte Dr. Stefan Gronemeyer, Vize-Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes der Krankenkassen (MDS), bei der Vorstellung der Jahresstatistik am Donnerstag in Berlin.

Genaue Zahlen zu solchen vermeidbaren Fehlern gibt es allerdings nicht. Dabei sei dies ein wichtiges Mittel, um Fehler in der Zukunft zu vermeiden. Gronemeyer verwies auf zahlreiche andere Länder, wo sich eine nationale Never-Event-Liste, verbunden mit einer anonymen Meldepflicht, bewährt habe. Dies „sollte auch in Deutschland umgesetzt werden“, forderte er. Die Anonymität sei deshalb wichtig, weil ansonsten die Angst vor einer Haftung eine Transparenz verhindere.

Behandlungsfehler oder nicht: Diese Frage ist nur äußerst selten einfach zu beantworten. Die MDKs in Deutschland fertigten im vergangenen Jahr 14.553 fachärztliche Gutachten an – 420 mehr als 2018. In jedem fünften Fall (2.953) bestätigte sich die Vermutung, dass der Fehler den erlittenen Schaden auch verursacht hat. Diese Zahlen seien jedoch nicht repräsentativ, betonte Gronemeyer. „Wir sehen nur die Spitze des Eisbergs.“

Wenn Patienten einen Behandlungsfehler vermuten, können sie sich an ihre Krankenkasse wenden. Die muss ihre Versicherten bei der Aufklärung und beim Durchsetzen eventueller Schadenersatzansprüche unterstützen. Die Kasse hilft etwa bei der Erstellung eines Gedächtnisprotokolls, beschafft die notwendigen Unterlagen und veranlasst in der Regel eine medizinische Begutachtung durch den MDK.

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Alternativ können Patienten ihren Verdacht auch bei Ärztekammern, Haftpflichtversicherungen, Gerichten oder direkt beim Behandler vortragen. Bei der Sächsischen Landesärztekammer gingen im letzten Jahr 330 Anträge wegen eines vermuteten Behandlungsfehlers ein, in 59 Fällen bestätigte sich der Verdacht.

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