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Einfluss ist alles

Die Besitzer des größten ostdeutschen Konzerns VNG sind unsicher, ob sie ihn noch brauchen.

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Von Klaus-Peter Jordan

Oldenburg. Der Konzern VNG Verbundnetz Gas AG ist der ganze Stolz der Stadt Leipzig – doch die Besitzer in Oldenburg und Moskau zögern mit entscheidenden Beschlüssen über die Zukunft des Erdgashändlers. Auch die Bilanzpressekonferenz des Haupt-Eigentümers EWE in Oldenburg brachte gestern noch keine Klarheit darüber, wer künftig die Mehrheit am umsatzstärksten Konzern Ostdeutschlands besitzt.

EWE-Vorstand Matthias Brückmann äußerte gestern die Erwartung, dass sein Energiekonzern die VNG-Aktien aus dem Besitz des russischen Gasriesen Gazprom kaufen kann. „Wir gehen davon aus, dass es keine Probleme gibt“, sagte Brückmann, der im Herbst EWE-Vorstandschef als Nachfolger von Werner Brinker wird. Dass Gazprom sich von seinen rund zehn Prozent der VNG-Aktien trennen will, war schon bekannt geworden, aber die Gazprom-Aufsichtsratssitzung steht noch aus. Der Kaufpreis für den Gazprom-Anteil wird bei 212 Millionen Euro liegen, wenn er sich an früheren Aktienverkäufen orientiert.

Die niedersächsische EWE kann mit dem Zukauf ihren Anteil an der sächsischen VNG von 63,69 auf 74,21 Prozent aufstocken. Brückmann betonte allerdings, dass der Deal „keine Auswirkungen auf die Entscheidung hat, ob EWE sein VNG-Paket dauerhaft behält oder verkauft“. Denn auch mit mehr Anteilen sieht sich EWE weiter mit einer Sperrminorität konfrontiert – kann also wichtige Entscheidungen nicht gegen neun ostdeutsche Städte wie Leipzig, Dresden und Hoyerswerda treffen, die kleinere Anteile an der VNG besitzen.

Leipzig möchte vor allem den Konzernsitz mit rund 1 000 Arbeitsplätzen dauerhaft halten. Deshalb möchte die städtische Leipziger Versorgungsgesellschaft LVV die gesamten EWE-Anteile kaufen, zusammen mit dem australischen Finanzinvestor Macquarie. Brückmann sagte dazu: „Wir haben nach wie vor nicht entschieden, ob wir unsere Anteile langfristig halten oder verkaufen.“ Das Oldenburger Unternehmen habe Zeit „und keinen Druck.“

Zu den Faktoren für und gegen einen Verkauf wollte sich Brückmann nicht äußern. Der Gesamtpreis würde wohl bei etwa 1,5 Milliarden Euro liegen. Für einen Verkauf spricht: Die EWE hat kaum eine Chance, die Sperrminorität der Kommunen zu brechen. Denn wenn eine Stadt ihren VNG-Anteil verkaufen will, haben die anderen Städte ein Vorkaufsrecht. Im VNG-Aufsichtsrat könnte EWE seine zusätzlichen Anteile wohl erst bei den Wahlen im Jahr 2017 personell umsetzen. Die Oldenburger sind außerdem in Leipzig alles andere als gern gesehen – sowohl beim VNG-Vorstand als auch bei den Kommunen. Das erschwert das Geschäft und macht eine Zusammenarbeit schwierig. „Die Kommunen müssen zu einer fairen und verlässlichen Zusammenarbeit bereit sein“, formulierte Brückmann gestern eine Bedingung für ein weiteres Engagement der EWE in Leipzig.

Der Vorstand bestätigte aber, dass mit der LVV und dem australischen Investor Gespräche über das Aktienpaket geführt werden. Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) hatte kürzlich von „guten Gesprächen mit den Kollegen aus Oldenburg“ gesprochen. Es soll auch Gespräche zwischen EWE und Macquarie sowie der sächsischen Staatskanzlei gegeben haben.

Im Geschäftsjahr 2014 hat VNG jedenfalls der EWE zu einem bedeutenden Teil einen Ertragseinbruch erspart. Während vor allem die milde Witterung der EWE geringere Erträge beim Strom- und Gasgeschäft brachten, steuerten die Leipziger rund 80 Millionen Euro mehr zum operativen Ergebnis der Oldenburger bei. Das verringerte sich 2014 um 15 Prozent auf 425 Millionen Euro. Der Umsatz des Oldenburger Energiekonzerns sank um acht Prozent auf 8,1 Milliarden Euro. (mit SZ/mz)