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Eingemauert vor der Neiße

In Görlitz sind nun der Hochschulcampus und die Hotherstraße besser vor Hochwasser geschützt. Doch Landrat Lange warnt vor Flutdemenz.

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Von Ingo Kramerund Tobias Hoeflich

Tag 829 nach der verheerenden Neißeflut vom August 2010 ist kein Tag wie jeder andere. Tag 829 ist der 13.November. Und wie es der Zufall so will, sind binnen zwei Stunden gleich zwei wichtige Hochwasserschutzprojekte in Görlitz einen Schritt vorangekommen. Am Morgen wurde in der Hochschule die neue Mauer eingeweiht, die den Campus vor Hochwasser schützen soll. Eine Stunde später haben Arbeiter an der Hotherstraße ihr Flutschutzsystem getestet. Dort saniert der Berliner Bauherr Bernd Thiedig neun Häuser und baut dabei Schotten ein, mit denen die Gebäude künftig geschützt sein sollen. Und Schutz ist auch nötig. An der Furtstraße, wo neben der Hochschule auch die Neiße-Grundschule steht, war der Flutschaden enorm. Von einer halben Million Euro sprach deren Leiter Andreas Pohl, als er ein halbes Jahr später im SZ-Interview Bilanz zog. Noch höher war der Schaden auf dem Hochschulcampus, wo allein an der Ausstattung der Gebäude 1,2 Millionen Euro Kosten entstanden.

Zwar gab es Pläne für Schutzmaßnahmen an dieser gefährdeten Stelle schon 2003 nach dem Elbe-Hochwasser. Bis zur Neißeflut vor zwei Jahren tat sich jedoch nichts. Bei der offiziellen Einweihung der Flutschutzmauer sprach Landrat Bernd Lange (CDU) von einem „großartigen Tag für den Landkreis und vor allem für die Hochschule“. Seit Februar wurde die 300 Meter lange Stahlbetonmauer gebaut. „Die Maßnahmen zeigen auch, dass die Landesregierung langfristig an Görlitz als Hochschulstandort festhält“, freute sich Landrat Lange.

Und sparte dennoch nicht mit mahnenden Worten. Zwei Jahre nach der Flut sei bei manchem eine „Hochwasserdemenz“ zu spüren. „Wir müssen mit einer ständigen Gefahr leben“, warnte er, einen absoluten Schutz gebe es nicht. Zwar sei man bei den Flüssen erster Ordnung, etwa Neiße und Weißer und Schwarzer Schöps, auf einem guten Weg. „Probleme machen uns aber deren Zuläufe.“ Die Zuständigkeiten sind geklärt, doch lasse die Verantwortung „zu wünschen übrig“.

Probleme sieht auch Hans-Ulrich Sieber, Geschäftsführer der Landestalsperrenverwaltung. Seit 2002 hat sie 1,5 Milliarden Euro in Schadensbeseitigung und Schutzmaßnahmen gesteckt. „Doch bei vielen Projekten gibt es einzelne, die sich gegen die Schutzmaßnahmen stellen“, beklagt er, meist aus städtebaulichen Gründen. Mit dem Einsatz von Glas konnte zumindest der Blick vom Hochschulgebäude GI auf die Neiße erhalten werden. „Wir sind schließlich kein Rambo in der Landschaft“, so Sieber. „Görlitz ist nun auf eine Flut wie 2010 viel besser vorbereitet.“ Auch Hochschulrektor Friedrich Albrecht urteilte, der Sicherheitsaspekt sei natürlich wichtiger als die Sichtbehinderung durch die Mauer. „Die Aufregung war auch bei den Studenten groß, doch wir können damit gut leben.“ Trotz des Schutzes hofft Albrecht, dass die 1,3 Millionen Euro teure Mauer nie tatsächlich zum Einsatz kommt.

Nicht ganz so teuer freilich ist das System, mit dem Bernd Thiedig seine Häuser schützen will: Etwa 50000 Euro hat der Berliner in den Hochwasserschutz investiert. Alle Fenster und Türen in Keller und Parterre seiner neun Häuser in der Hotherstraße lassen sich mit Schotten gegen das Wasser abdichten – und zwar bis zur Höhe des HQ 100, also des theoretisch etwa alle hundert Jahre vorkommenden Hochwassers. Vor Ort hat Bauleiter Matthias Strohbach mit einem Mitarbeiter den Test durchgeführt. Sie haben den Schutz in einer Hoftür angebracht, dahinter eine provisorische Mauer aufgebaut und anschließend den Spalt dazwischen mit Wasser geflutet.

Das Ergebnis hat Strohbach noch nicht glücklich gemacht: Zwar ist das Wasser größtenteils im Spalt geblieben, aber ein bisschen was ist durch die Bohrlöcher gedrungen, über die die Schotten am Haus befestigt werden. Im Ernstfall müsste also jemand mit dem Wischeimer hinter den Schotten stehen. Das aber ist nicht Sinn der Sache. „Da muss der Hersteller noch einmal nacharbeiten“, sagt Strohbach.

Je nach Tür- und Fenstergröße und -höhe gibt es übrigens verschiedene Varianten von Schotten. Einige werden von außen aufgeschraubt, andere an seitlichen Stegen befestigt. Gelagert werden sie an zwei zentralen Stellen auf den neun Grundstücken. Jede einzelne ist mit der korrekten Lageangabe beschriftet. „Im Ernstfall müssen wir sie so schnell wie möglich einbauen können“, sagt Strohbach. Auch das hat er getestet: Zwei Leute brauchen für eine Tür 15 Minuten, ein Fenster schafft einer allein in fünf Minuten. Allerdings hofft keiner, dass die Schotten je zum Einsatz kommen – weder in den kommenden 829 Tagen, noch später.