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Ein ganz legaler Fälscher

Einhart Grotegut erspürt Dinge mit Geschichte und sorgt mit seiner Kopier-Kunst dafür, dass alte, archivierte Schriftstücke sichtbar bleiben.

Einhart Grotegut lebt und arbeitet in der alten Briesnitzer Schule. Sie birgt jede Menge Geheimnisse. Manche lüftet der Künstler, andere lässt er gewähren.
Einhart Grotegut lebt und arbeitet in der alten Briesnitzer Schule. Sie birgt jede Menge Geheimnisse. Manche lüftet der Künstler, andere lässt er gewähren. © Marion Doering

Dresden. Es war wie so oft. Im Märchen würde der Verzauberte ein Kribbeln in den Fingern spüren und durch Geisterhand an den Ort gezogen werden, an dem der Schatz vergraben liegt. Körperliche Zeichen hat Einhart Grotegut zwar noch nie gespürt, wenn er durch verlassene Scheunen stöbert, Böden aushebt, Mauern ausbessert oder einmal wieder die Elbe entlang spaziert. Am liebsten bei Niedrigwasser. Fündig wird er trotzdem. Meistens. Auch dieses Mal.

Im Schlick zu seinen Füßen lag ein Metallteil. Eine kleine quadratische Platte konnte der Künstler erkennen, völlig verdreckt und verrostet. "Ich hab sie aufgehoben, ein wenig abgewischt und eingesteckt." Daheim nahm er sich Zeit für den Fund, reinigte ihn gründlich und  entdeckte: Das geborgene Teil ist die Druckplatte eines Geldfälschers aus Vorkriegszeiten. Fünf-Mark-Banknoten konnte er sich damit unlauter verschaffen, nicht im großen Stil, aber trotzdem illegal. "Ich habe später herausgefunden, dass während der 1920er Jahre in Freital tatsächlich ein Geldfälscher ins Gefängnis gesteckt worden ist", erzählt Einhart Grotegut.  

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Das ist nur ein Fund von unzähligen, zu denen ihn eine unklare Macht schon gelockt hat. Es erscheint dem Künstler ja selbst sonderbar. "Vielleicht kann ich die Energien der Dinge spüren, die lange im Verborgenen liegen", überlegt er. In einem verlassenen Bauernhaus entdeckte er ohne langes Suchen den Dolch eines SS-Mannes, im Elbwasser ein altes Gewehr, unter einer Diele eine ganze Sammlung Dokumente, und selbst die Zeugen eines gebrochenen Herzens hat er aus dem Wasser gefischt: Drei Fingerringe, die offenbar eine junge Frau im Zorn von einer Brücke geworfen hat.

Materialien für seine Objekte und Collagen sammelt der Künstler Einhart Grotegut ganz gezielt auf Trödelmärkten oder beim zufälligen Stöbern und Spazieren.
Materialien für seine Objekte und Collagen sammelt der Künstler Einhart Grotegut ganz gezielt auf Trödelmärkten oder beim zufälligen Stöbern und Spazieren. © Marion Doering

Faksimile statt Fälschung

Ausgerechnet das Handwerkszeug eines Fälschers zu entdecken, hat eine besondere Note. Er habe Humboldts Tagebücher gefälscht, schrieb jüngst eine Zeitung und spielte damit auf den Eklat um Hitlers falsche Aufzeichnungen an. So kunstfertig kann auch Grotegut arbeiten. Der entscheidende Unterschied: Er imitiert, wenn er den Auftrag dazu bekommt und stets im Sinne kulturhistorischer Bildung. 

Was mancher Fälschung nennt, heißt Faksimile. Das ist Einhart Groteguts hohe Handwerkskunst. Eigentlich sei er einst in der Schublade gelandet, auf der steht "Das ist der mit der Erde", erzählt er. Tatsächlich experimentierte der Architekt viele Jahre mit Erden, verwendete sie als Farbe für seine Gemälde. Damals hatte er seinen Beruf hingeworfen, weil die Plattenbauserienproduktion WBS 70 auf Dauer keine reizvolle Herausforderung für einen jungen ambitionierten Architekten wie ihn war. 

Einhart Grotegut begann, als Gestalter in der Neuen Dresdner Galerie zu arbeiten und wurde Vize-Leiter des staatlichen Kunsthandels. Mit seinen Innovationen dort stieß er regelmäßig auf den Widerwillen der Obrigkeit, und auch seine eigene Kunst, Malerei und Objekte, auszustellen, war ein eher schwieriges Unterfangen. "Für meine erste Ausstellung bin ich im Trabi samt Anhänger nach Suhl gefahren, um meine Arbeiten hinzubringen. Aber ich bekam keine Vernissage und nach wenigen Wochen war schon wieder Schluss", erinnert er sich. 

"Lerne mit den Augen"

Insgesamt 13 Klavierleuchter, deformiert im Feuersturm des 13. und 14. Februars 1945 in der Dresdner Wallgasse, hat Einhart Grotegut zu einem Kerzenständer zusammengefügt.
Insgesamt 13 Klavierleuchter, deformiert im Feuersturm des 13. und 14. Februars 1945 in der Dresdner Wallgasse, hat Einhart Grotegut zu einem Kerzenständer zusammengefügt. © Marion Doering

Von seinem Vater, Kunstmaler von Beruf, hatte er schon als Kind einen Rat fürs ganze Leben bekommen: "Schau genau hin, lerne mit den Augen. Sei neugierig und probiere dich aus!" So war er nach einem Regenguss, der Erde in faszinierenden Farben und Formen über Steine gespült hatte, auf die Erde als künstlerisches Material gekommen. Auf besondere Weise hat er auch das Papier für sich entdeckt.

Als Architekt und Kenner der Kunstgeschichte mit all ihren historischen Zusammenhängen erhielt Einhart Grotegut schon weit vor der Wende Bauforschungsaufträge - zunächst eherenamtlich, später bezahlt. Wird für Neubau oder Sanierung irgendwo der Boden geöffnet, sind Experten gefragt, die archäologische Forschungen betreiben, nach Hinterlassenschaften früherer Generationen suchen, sie dokumentieren und begutachten. So hatte Grotegut immer wieder auch mit historischen Dokumenten zu tun. So geriet Papier in den Fokus seiner künstlerischen Arbeit. 

Das Geheimnis der Knicke, Dellen und Flecke

Als schließlich eine Urkunde, die dringend für eine Ausstellung auf Schloss Weesenstein gebraucht wurde, nicht rechtzeitig aus dem Archiv geliefert werden konnte, war Einhart Grotegut gefragt. Ein Auftrag folgte dem anderen. Es blieb so. Fehlen historische Briefe, Urkunden, Verträge, Tagebuchseiten, oder können die Originale nicht ausgestellt werden, ist Grotegut gefragt. 

Über die Jahre hat er seine Kunst der Faksimiles perfektioniert. Oft bearbeitet er tagelang die gedruckte Kopie eines solchen Schriftstückes so gekonnt, dass sie wie ein jahrhundertealtes Papier anmutet und sich sogar so anfühlt. Wächsern und abgegriffen zum Beispiel dann, wenn es ein ursprüngliches Pergament darstellen soll. "Da ist der Alchemist in mir am Werk", sagt Grotegut und lächelt wissend. Abgegriffene Stellen, Knicke, Dellen, Flecken, Löcher fügt er dem Papier zu, bis es täuschend echt wirkt. "Wichtig ist die Glaubwürdigkeit eines Objektes", sagt Grotegut, "nicht die absolute Deckungsgleichkeit." Dennoch ist er sich nicht ganz sicher, ob er auf den ersten Blick sein eigenes vom originalen unterscheiden könnte."

Die Nachbildung der Gründungsurkunde der Stadt Dresden aus Einhart Groteguts Hand wird mit dem Original im Stadtarchiv verwahrt. Diese Kopie der Kopie behält der Künstler zur Erinnerung.
Die Nachbildung der Gründungsurkunde der Stadt Dresden aus Einhart Groteguts Hand wird mit dem Original im Stadtarchiv verwahrt. Diese Kopie der Kopie behält der Künstler zur Erinnerung. © Marion Doering

Die Gründungsurkunde der Stadt Dresden hat er kopiert. Auch von Freiberg und Oranienburg. Die der Landeshauptstadt liegt wie das Original gut verwahrt im Stadtarchiv, wo optimale Luft- und Lichtverhältnisse für ein langes Leben solcher Dokumente gewährleistet sind. Schließlich sollen sie nicht verblassen, nicht brüchig oder schimmelig werden. 

Häufig genügt es nicht, nur das Papier oder Pergament nachzuempfinden. Frühere Schriften zieren oft Siegel, die an Bändern oder Kordeln hängen. Auch die erschafft der Künstler im historischen Look. Auf zahlreichen sächsischen Schlössern und Burgen geben seine Arbeite nun den Besuchern eine Vorstellung von jahrhundertealten Niederschriften. Aktuell zum beispiel auf der Festung Königstein. Für eine Ausstellung dort hat Einhart Grotegut die Nachbildung einer Doppelseite aus Alexander von Humboldts Tagebüchern geschaffen. 

Jede neue Herausforderung reizt Einhart Grotegut: "Ich bin neugierig wie ein kleiner Junge, und werde mal als kleiner Junge sterben", sagt er. Und doch lässt er manch Geheimnis ruhen - aus Respekt vor dem, was vor ihm war und nach ihm kommt. 

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