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Einkauf mit spitzem Stift und ohne Geld

Es war einmal eine Frau, die freute sich sehr, als sie vor zwei Jahren eine Beschäftigung bekam: Endlich raus aus HartzIV!, frohlockte sie. Und als nach anderthalb Jahren die vom Amt geförderte Maßnahme zu Ende war, da fand sie glücklicherweise – auch ohne Amtshilfe – eine andere Arbeit.

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Es war einmal eine Frau, die freute sich sehr, als sie vor zwei Jahren eine Beschäftigung bekam: Endlich raus aus HartzIV!, frohlockte sie. Und als nach anderthalb Jahren die vom Amt geförderte Maßnahme zu Ende war, da fand sie glücklicherweise – auch ohne Amtshilfe – eine andere Arbeit. Nur leider war es damit nach einem halben Jahr Probezeit vorbei.

So ging sie noch am selben Freitag, als sie die Kündigung bekam, zur Arbeitsagentur Bautzen. Doch dort machte man ihr klar, dass sie nicht auf Arbeitslosengeld zu hoffen brauche. Denn die geförderte Maßnahme zähle nicht als versicherungspflichtige Beschäftigung – und das obwohl sie in den anderthalb Jahren treu und brav Beiträge zur Arbeitslosenversicherung gezahlt hatte.

Schweren Herzens sprach sie am darauf folgenden Montag beim Amt für Arbeit und Soziales vor, um – was blieb ihr anderes übrig? – wieder HartzIV zu beantragen. Schon erfahren in diesen Dingen gelang es ihr auch, alle nötigen Unterlagen recht zügig auszufüllen, sodass sie bereits drei Tage später ihren Antrag abgeben konnte. Im Amt wurde auch nichts beanstandet. Geduldig wartete die Frau nun einen Monat. Doch als sich dessen Ende näherte, wurde ihr mulmig. Denn bis dahin war noch immer kein Bescheid vom Amt eingetroffen, der letzte Lohn aber aufgebraucht: unter anderem für die Miete, eine plötzlich notwendige Reparatur ihres zehn Jahre alten Autos, die Rate für eine Waschmaschine – die alte hatte erst kurz zuvor ihren Geist aufgegeben – und eine selbst zu bezahlende ärztliche Untersuchung. Und am nächsten Monatsersten würde ein Versicherungsbeitrag abgebucht.

Ein Anruf ergab: Genau vier Wochen nach der Abgabe lag ihr Antrag immer noch unbearbeitet im Amt. Obwohl es ihr schwer fiel, fasste sich die Frau am nächsten Tag ein Herz und sprach persönlich vor, um nach einem Vorschuss zu fragen. Sie stotterte etwas von „30Euro für das Wochenende“. Daraufhin wurde ihr ein Warengutschein angeboten. Als ihre Bitte nach Bargeld etwas unwirsch mit der Frage „Brauchen Sie nun Lebensmittel oder nicht?“ beantwortet wurde, kam sich die Frau immer kleiner vor und verließ schließlich mit einem Gutschein „für Lebensmittel und Drogeriebedarf“ über 30Euro das Amt. Damit dürfe sie aber nur zu Aldi oder Marktkauf gehen, erfuhr sie noch.

Ziemlich aufgelöst ob dieses Erlebnisses ging sie erst einmal nach Hause. Eine Freundin bot ihr an, sie zu Aldi zu begleiten. Vorsichtshalber nahm sie aber auch noch einen Taschenrechner mit. Als der 27Euro und 30Cent anzeigte, schob die Frau ihren Wagen zur Kasse. Für die restlichen zwei Euro und 70Cent gedachte sie am Sonnabend noch frisches Brot zu holen. Aber da hatte sie die Rechnung ohne die Regeln zum Einlösen des Warengutscheins gemacht.

Zunächst einmal musste sie zum Vergleich der Daten an der Kasse auch ihren Personalausweis vorzeigen. Dann wanderten alle Einkäufe einschließlich zwei Dosen Katzenfutter anstandslos über das Band. Doch bei zwei Flaschen Moscato-Wein, die sich die Frau erlaubt hatte auszuwählen, weil sie am Wochenende Besuch erwartete, stoppte der Kassierer. Ob man die Flaschen zu Lebensmitteln zählen durfte, musste er erst seine Chefin fragen. Da beide auf dem Gutschein keinen anderslautenden Vermerk fanden, teilten sie der Frau mit, dass sie alle Waren mitnehmen dürfe. Inzwischen hörten acht weitere Kunden zu. Die Frau, die sich unterdessen wünschte, dass sich der Boden unter ihr öffnen und sie verschlucken möge, atmete kurz auf. Sie verschluckte sich aber fast an dem Hinweis, dass ihr das Restgeld nicht ausgezahlt werden könne. So musste sie gezwungenermaßen schnell und unüberlegt noch irgend etwas kaufen. Die immer länger werdende Schlange an der Kasse sah nun zu, wie sie völlig kopflos durch die Gänge rannte, um etwas Brauchbares in diesem Wert zu finden. Sie raffte zwei Mal Küchenpapier, damit dieses Theater bald zu Ende gehen möge.

Als sie sich von diesem Einkaufserlebnis erholt hatte und das Wochenende vorbei war, lag im Kasten ein Brief vom Amt. „Gott sei dank, der Bescheid ist da!“, frohlockte sie. Doch zu früh gefreut: Jetzt fehlten plötzlich Unterlagen, die sie noch am Nachmittag des selben Tages aufs Amt brachte. Schließlich bekam sie doch noch einen Vorschuss in Form von Bargeld. Aber es sollte noch einmal zwei Wochen dauern, bis der Antrag endlich bearbeitet war.

Besser geht es der Frau jetzt trotzdem nicht. Denn weil sie noch etwas Lohn für den Vormonat bekommen hatte und der nun angerechnet wird, steht ihr für diesen Monat nur noch ein Teil des ohnehin schmalen HartzIV-Satzes zu. Wovon sie bis zum Monatsende noch alle offenen Ausgaben bestreiten soll, weiß sie nicht. Dafür weiß sie jetzt: Das Grundgesetz mit seinem Paragraphen1 gilt nicht für alle. Wer arbeiten geht, wird später in irgendeiner Weise bestraft. Aber sie will weiterhin Hoffnung und Humor behalten, um das Abenteuer Leben zu bestehen.

Notiert von Madeleine Siegl-Mickisch