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Einmal am Ende und zurück

Ein Schlaganfall wirft Enrico Wenzel vor zwei Jahren aus der Bahn. Der alleinerziehende Vater gibt aber nicht auf.

Enrico Wenzel erlitt vor zwei Jahren einen Schlaganfall. Nun hat der Kamenzer ein wagemutiges Projekt vor sich: Der 38-Jährige möchte mit dem Liegerad für die Deutsche Schlaganfall-Hilfe Spenden sammeln. Die Tour soll quer durch Deutschland gehen. Dafür s
Enrico Wenzel erlitt vor zwei Jahren einen Schlaganfall. Nun hat der Kamenzer ein wagemutiges Projekt vor sich: Der 38-Jährige möchte mit dem Liegerad für die Deutsche Schlaganfall-Hilfe Spenden sammeln. Die Tour soll quer durch Deutschland gehen. Dafür s © René Plaul

Kamenz. Da sitzt er. An dem großen Holztisch mit den Kerben. Den Rollstuhl dicht an die Kante gerückt. Enrico Wenzel wartet. Auf den Therapeuten, der ganz oft auch ein Kumpel zum Quatschen ist. Auf seine Kinder, die bald aus der Schule kommen. Er wartet darauf, dass es Abend wird, der Tag vorbei geht ohne Vorkommnisse. Dabei wäre das mit den Vorkommnissen gar keine so schlechte Idee? Mal wieder was erleben. Andere Gesichter sehen. Nicht, dass er die vertrauten über hätte. Nein, er weiß genau, was er an seiner Familie hat. Die 16-jährige Angelique ist taff. Wie seine Tochter den Alltag mit ihm und dem zehnjährigen Bruder Connor wuppt – das beeindruckt nicht nur ihn. Und auch die paar Handvoll Freunde, die geblieben sind, will er nicht kleinreden.

Seit einem schweren Schlaganfall vor zwei Jahren ist alles anders. Das Leben? Ein Kampf zwischen Aufstehen, es allein bis aufs Klo schaffen, Haushalt und Weitermachen. Zwischen Hoffnung und Therapien. Enrico ist ein unruhiger Geist. Das war er schon vor dem Schicksalsschlag. Doch nun geht nicht mehr alles so, wie er es sich denkt. Das war die härteste Lektion. 37 Jahre war er, als es ihn plötzlich aus dem Leben riss. Kein Alter für einen Schlaganfall. Kein Alter zum Aufgeben.

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Treppenstufen als Herausforderung

Heute hat der Kamenzer schon Kaffee gekocht, war beim Training im FitIn-Studio, hatte eine Therapiesitzung hinter sich. Er hat mit seinem Nachbarschaftshelfer geklönt. Später will er vielleicht noch einmal raus an die Luft. Die Treppenstufen nach unten in den Hof sind eine Herausforderung. Aber auch so etwas wie die tägliche Trainingseinheit. Manchmal traut er sich an den Wochenenden weiter in die Stadt. Besucht seine Lieblingskneipe, den Irish Pub. Und rollt danach noch im Safe Club vorbei. Die Kamenzer Gehwege könnten für einen Menschen mit Behinderung besser sein, weiß er mittlerweile. Enrico Wenzel ist linksseitig gelähmt seit dem Schlaganfall. Ein paar Schritte schafft er ohne den Rolli. Aber die fehlende Mobilität regt ihn immer noch auf. Mit der rechten Hand fasst er den linken Arm und lässt ihn kurz darauf schlaff nach unten fallen. „So sieht’s aus“, meint er sarkastisch. Vor dem Schlaganfall spielte er Fußball in mehreren Vereinen. Biehla-Cunnersdorf, Deutschbaselitz, Thonberg und als Jugendlicher bei Einheit. Er hatte einen Vollzeitjob als Industriemechaniker. War gerade vom Ersatzteilmanager bei der Deutsche Backofenbau GmbH Bautzen zur Firma SMT Elektronik nach Dresden gewechselt. „Das war mein Traumjob als Arbeitsvorbereiter. Aber ein schwerer Unfall hing mir noch nach.“ Bei diesem hatte er sich 2017 einen multiplen Beckenbruch mit einer Spaltung der Lendenwirbelsäule zugezogen. Auch drei Herzinfarkte hatte er hinter sich. Doch das alles war kein Grund, die Segel zu streichen. „Ich habe mich in wenigen Monaten zurück ins Leben gekämpft, sogar wieder Fußball gespielt“, sagt er.

Wie durch einen Wattebausch

Die Dinge auf geradlinige Art und Weise regeln. Nicht lange fackeln – so war das damals. Oft wünscht er sich genau das zurück. Der schwere Unfall ereignete sich im März. Im November folgte der Schlaganfall. Ganz unauffällig hatten sich Vorboten angekündigt. Heute weiß Enrico Wenzel das. Damals hat er es ignoriert. „Ich war hart im Nehmen. Habe die Aussetzer ausgeblendet“, meint er. Sicherlich hatte er seinem Arzt gesagt, dass das linke Bein ab und zu taub war. Dass es Bewegungseinschränkungen gab. Dass er einmal fast eine Stunde an der oberen Treppenkante stand, ohne sich bewegen zu können. Aber nach einem schweren Unfall musste man so etwas einkalkulieren. Im Kurzurlaub mit der damaligen Freundin passierte es: Enrico Wenzel stolperte im Hotel-Bad, stürzte schwer. „Man bekommt da doch einiges mit. Wie durch einen Wattebausch“, meint er. Aber man kann nichts unternehmen. Als nach mehreren Stunden im Krankenhaus die Diagnose Schlaganfall gestellt wird, war kostbare Zeit verstrichen. Die Einblutungen im Hirn waren massiv, man musste stundenlang operieren. Der Gen-Defekt „Faktor V Leiden“ wurde diagnostiziert – ein angeborenes, vielfach erhöhtes Thrombose-Risiko.

Um die Blutungen zu stoppen, sägte man den Schädel auf. Anschließend lag er zehn Tage im Koma. „Ich kann mich noch heute an die wüsten Koma-Träume erinnern. Das ist nichts Schönes“, meint er. Auch die Zeit danach war verwirrend. Enrico Wenzel musste sich neu erfinden. Er kam zur Reha nach Pulsnitz. Weitere OP folgten. „Als die Ärzte mir gleich am Anfang sagten, dass das mit der Lähmung nicht mehr wird, habe ich es nicht geglaubt. Doch ich wurde eines Besseren belehrt“. Enrico Wenzel ist ein unbequemer Patient, er bitte oft um neue Therapien, beliest sich, kontaktiert andere Betroffene. „Es war unglaublich für mich, wie viele Gleichaltrige es mit dem Schicksal gab. Sogar so viele Kinder. Schlaganfall ist absolut keine Rentner-Krankheit! Und das muss in den Köpfen ankommen. Hier muss mehr Aufklärung her!“ Ein bisschen Verbitterung spricht daraus. Das Hadern mit dem Schicksal ist eine anstrengende Sache.

Nicht unnütz rumsitzen

Dabei ist er aktuell gut drauf. Enrico Wenzel hat einen Plan. Einen, der ihn seit Tagen nicht schlafen lässt. „Ich will mir ein Liegerad anschaffen und damit quer durch Deutschland radeln“, sprudelt es aus ihm. Einen ersten Hand-Bike-Test mit der Meditec hat er erfolgreich hinter sich. „Ich kann doch nicht bis ans Ende unnütz rumsitzen. Ich möchte, dass meine Kinder stolz auf mich sind. Dass ich als behinderter Frührentner etwas bewirken kann“, sagt er. Die erste Spinnerei wich konkreten Überlegungen. Erste Mutmacher haben Ohren und Herzen aufgesperrt. Und sitzen nun nicht zum letzten Mal mit ihm an dem großen Holztisch mit den Kerben. Es dürfen gern noch mehr werden …

Das Projekt: Mit dem Liegerad quer durch Deutschland

Spenden sammeln für die Deutsche Schlaganfall-Hilfe, lautet der Plan. Enrico Wenzel möchte auf der Tour auch Betroffene besuchen, Erfahrungsberichte sammeln und über die Krankheit aufklären. Die Spenden sollen Kindern zugutekommen, die an einem Schlaganfall erkranken.

Die Tour: Kamenz – Hoyerswerda – Senftenberg – Lübben – Lübbenau – Königs Wusterhausen – Potsdam – Berlin – Rostock – Lübeck – Kiel – Hamburg – Hannover – Dortmund – Frankfurt – Würzburg – Bamberg – Plauen – Hof – Bayreuth – Chemnitz – Dresden – Kamenz.

Der Plan: Sponsoren für das Liegerad und die Ausrüstung finden, Training mit dem Umgang des Liegerades, körperliches Training, Streckenfindung, Betroffenensuche, Tour 2020, eventuell ein Buch schreiben.

Kosten komplett: etwa 15 000 Euro

Geplanter Start: Ende April 2020.

Gesucht werden ehrenamtliche Helfer, die beim Marketing, Finanzplanung, Training helfen. Und mindestens ein ambitionierter Mitradler. Die Tour wird mehrere Wochen in Anspruch nehmen. Mehrere Mitradler könnten sich in das Projekt aufteilen.

Mit einer Helmkamera möchte Enrico Wenzel unterwegs seine Tour (auch zu Trainingseinheiten bis Dresden & Umgebung) festhalten und sie auf Youtube veröffentlichen. So kann man seinen Weg mitverfolgen.

Infos & Kontakt: [email protected], Telefon 0152 37139585

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