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„Einmal antanzen, bitte“

Englisch-Unterricht auf Amerikanisch? Junge Mädchen aus Boston steppten gestern vor Schülern.

Von Jane Pabst

Ob Stahlstadt hin oder her, aber die erste Frage, die Max gestern Morgen an die amerikanischen Tänzerinnen stellt, hat genau damit zu tun. „Ist das etwa Stahl unter den Schuhen?“, will der Neuntklässler wissen. Vor ihm sitzen fünf Mädchen und halten ihre schwarzen Tanzschuhe in der Hand. Sie kichern, nicken und beantworten die Frage eindeutig mit „Yes!“

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Englischstunde auf Amerikanisch

Es ist 8.30 Uhr. Die Klasse 9a der Mittelschule „Am Sportzentrum“ hat jetzt Unterricht. Englisch bei der Lehrerin Monika Böhme. Die 15 Schüler sitzen auf ihren Bänken. Noch ahnen sie nicht, dass sie eine Stunde der etwas anderen Art erwartet. Da betreten Kellie, Alison, Taylor, Kylie und Elisabeth den Raum. Sie tragen blaue Trainingsanzüge. Auf dem Rücken sind die Buchstaben „USA“ in Versalien aufgenäht. Die Schüler staunen, erheben sich und sagen: „Good Morning“. Dann stellt die Englisch-Lehrerin die fünf Gäste sowie ihre Begleiterin Shawna Sullivan vor und fordert die Schüler auf, Fragen zu stellen. Doch die Klasse hüllt sich in Schweigen.

Kein Interesse oder Angst, sich zu blamieren? „Die reden so schnell“, meint Patrick. Der Schüler war zwar bereits in England bei einer Gastfamilie. „Dort habe ich auch alles verstanden, nur selber sprechen, damit habe ich Probleme“, gibt er zu. Das Sprechen übernehmen dafür jetzt die Amerikanerinnen. Alle kommen sie aus der Nähe von Boston im Bundesstaat Massachusetts. Die Lehrerin kramt eine Landkarte hervor, heftet sie an die Kreidetafel. Alle fünf Mädels tanzen seit ihrem 3. Lebensjahr. „Vier Stunden täglich von nachmittags 17 Uhr bis abends 21 Uhr sowie samstags und sonntags trainieren wir“, sagt Kellie. Die 16-jährige Taylor spielt zusätzlich Tennis. Dann sprechen sie über amerikanische Sportarten wie Baseball und Hockey und spielen den Ball zurück an die Schüler. Wer von ihnen auch Sport macht, wollen sie wissen. Da weiß die Englisch-Lehrerin sofort Bescheid. Patrick kickt beim Fußballverein SC Borea Dresden, Max spielte Handball, bis er sich seine Hand brach und Sabrina tanzt. „Ah, cool“, die Boston-Mädels werden hellhörig, bohren nach. „Seit 6 Jahren tanze ich, Modern Dance“, sagt die Schülerin. Dann herrscht wieder Schweigen. „Ihr habt die Chance, jetzt Fragen zu stellen“, betont die Lehrerin nochmals. Die Tänzerinnen schauen gespannt. Da geht eine Hand nach oben. „Ab welchem Alter dürft ihr Waffen tragen?“, will Max wissen. Darauf gibt es keine so einfache Antwort. „Wir in Massachusetts sind ein liberaler Bundesstaat, unterstützen Obama und die Demokraten. Und die sind gegen das Tragen von Waffen. Von daher ist es bei uns erst ab 18 Jahren gestattet. Aber letztlich regelt das jeder Staat für sich“, so Shawna Sullivan. Die Begleiterin ist die Schwester von Elisabeth und hat vor vielen Jahren auch getanzt. Nun folgt das Thema Sprachen. Außer Taylor hat niemand Deutsch als Fremdsprache gewählt. „Dann können wir uns also auch mit Dir auf Deutsch unterhalten“, meint die Lehrerin schmunzelnd. Taylor kichert, winkt aber ab. Ihre Tänzer-Kolleginnen lernen Spanisch in der Schule. „In Boston gibt es viele Spanisch sprechende Leute in der Stadt“, erklären sie. Dabei könnten die Mädels auch zwischen Latein, Französisch und Chinesisch wählen. „Unsere Schüler haben auch die Möglichkeit, Russisch zu lernen, aber das ist nicht so sehr beliebt“, sagt Monika Böhme. „Russian? Cool“, meinen die Mädels.

Wieder herrscht Schweigen. Statt der Schüler übernehmen die Tänzerinnen nun das Fragenstellen. „War jemand von Euch schon in Amerika?“, will Alison wissen. Keine Meldung. Lediglich die Schwester von Max hält sich gerade bei einer Gastfamilie in Amerika auf. Die Englischstunde neigt sich dem Ende. Und dafür haben sich die Amerikanerinnen das Beste aufgespart. Sie rücken ihre Stühle beiseite, ziehen ihre Tanzschuhe an und legen los. Gleich zwei kleine Stepptänze führen sie vor der Klasse auf. Erst Applaus, dann Kichern auf beiden Seiten. Kelly zeigt in der Pause im Korridor noch einmal eine Abfolge von vier Schritten des Tanzes „Gregory Hines“. Sie kickt den Ballen nach vorn. „Das ist der Step Shuffle. Den mache ich zweimal“, erklärt sie. „Dann folgt derselbe Schritt, nur zur Seite“, fährt die 18-Jährige fort und bewegt ihr rechtes Bein seitlich. Dann kommt das linke Bein dran. „Als Drittes wechsele ich zwischen rechts und links und danach kommt der step toe“, so Kelly und stellt ihren linken Fuß auf die Zehenspitzen. Doch diese vier Schritte sind in Anbetracht des Tanzes, den sie am Freitag aufführen wollen, nur Aufwärmübung. „Wir tanzen den „mad circus“, „bösen Zirkus“ und der geht über vier Minuten“, sagt sie. Keine Frage, sie ist „so nervous“. Denn: „Wir wollen ins Finale kommen und am liebsten mit einer Goldmedaille nach Hause kehren.